Die Problembrücke: Zwischen Friedrichshain und Treptow überspannt die 185 Meter lange Elsenbrücke die Spree. Sie wurde nach einer Baumart benannt.
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BerlinSchon seit mehr als einem Jahr ist sie ein Nadelöhr, an dem sich die Autos stauen. Nicht mehr lange, dann wird eine der wichtigsten Straßenquerungen der Spree in Berlin noch weniger leistungsfähig sein als heute. Auf der Elsenbrücke in der östlichen Innenstadt wird es vom nächsten Frühjahr an in einer Richtung statt zwei nur noch einen Fahrstreifen geben, kündigte die Senatsverwaltung an. Es ist eine zusätzliche Einschränkung, die Pendler und andere Kraftfahrer täglich spüren werden. Eine weitere Verschärfung der Lage ist in Sicht.

Mit der Elsenbrücke zwischen Friedrichshain und Treptow stimmt etwas nicht – das merken auch Menschen, die mit Bauthemen sonst wenig am Hut haben. Rotweiße Sperren sorgen seit Ende August 2018 dafür, dass kein Auto oder Lkw mehr die östliche Hälfte befährt. Sie wurde für Kraftfahrzeuge gesperrt, nachdem Prüfer einen fast 25 Meter langen und 1,8 Millimeter breiten Riss im Beton entdeckt hatten. Seitdem dürfen dort nur noch Fußgänger und Radfahrer passieren. Der Kraftfahrzeugverkehr wurde auf dem westlichen Überbau der nach einer Baumart benannten Brücke konzentriert – auf derzeit noch zwei Fahrspuren pro Richtung.  

Während sich auf den verbliebenen Fahrbahnen der Verkehr ballt, herrscht auf der östlichen Hälfte gähnende Leere. Fußgänger und Radfahrer dürfen dort weiterhin passieren – aber nur noch bis Frühjahr 2020.
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A100 bringt noch mehr Stress

Jetzt geht das Projekt, die Überführung an der gleichen Stelle neu zu bauen, in die erste große Etappe. „Am 6. Dezember hat der Senat den Auftrag zum Abbruch des östlichen Überbaus erteilt“, sagte Lutz Adam, der in der Senatsverkehrsverwaltung die Tiefbauabteilung leitet. Wenn alles gut läuft, könnten diese Arbeiten Ende 2020 oder Anfang 2021 enden – Monate früher als bisher geplant.

Bereits im Januar 2020 soll die Einrichtung der Baustelle beginnen. Damit das Abrisskommando freie Bahn bekommt, wird dieser Teil der Brücke im Frühjahr  auch für Fußgänger und Radfahrer gesperrt. Für sie muss auf der westlichen Hälfte ein weiterer Weg angelegt werden, derzeit gibt es so etwas nur auf einer Seite. Um Platz zu schaffen, muss der Raum zu Lasten der Autos neu verteilt werden. Folge ist, dass einer der vier Fahrstreifen entfällt. In welche Richtung nur noch eine Fahrspur bleiben wird, ist noch unklar.

Vor dem Projekt, für rund 50 Millionen Euro die Elsenbrücke abzureißen und neu zu errichten, hat auch Lutz Adam Respekt. Schon der Abriss des östli chen Überbaus, der acht Millionen Euro kosten soll, sei diffizil, sagte er. Derzeit führt die Spree in drei Durchfahrten, die durch Pfeiler getrennt werden, unter der Brücke hindurch. Davon wird nur die mittlere für Schiffe passierbar bleiben – von einer sechswöchigen Sperrung im Spätsommer 2020 abgesehen.

Die anderen Durchfahrten werden für die Dauer der Arbeiten zugeschüttet, das erleichtert den Abriss. Stützen halten die dortigen Brückenteile, damit nichts herunterfällt. Diese Brückenabschnitte werden an Ort und Stelle mit riesigen Beton-Kneifzangen zerteilt.

Brückenteil schwimmt auf der Spree davon

Dagegen wird der Abriss des immerhin rund 65 Meter langen Mittelteils komplizierter. Er soll heruntergehoben, mit Pontons weggebracht und an Land zerlegt werden – wahrscheinlich im nahen Osthafen. So entsteht Platz für die erste Behelfsbrücke, die Ende 2021 oder Anfang 2022 den Verkehr aufnimmt. Sobald auf dem stählernen Provisorium die Autos rollen, kann auch die westliche Hälfte abgebrochen werden. Nach und nach entstehen die beiden neuen Überbauten. 2028 soll die neue Elsenbrücke dann komplett sein.

Dass in diesem Bereich nach den Plänen des Bundes irgendwann einmal die A100 die Spree überspannen soll, spielt bei den Planungen des Landes Berlin keine Rolle. Die rot-rot-grüne Koalition lehnt es ab, die Autobahn über den künftigen Endpunkt am Treptower Park hinaus in einem 17. Bauabschnitt zur Frankfurter Allee und zur Storkower Straße weiterzuführen. Dagegen wird in der Verwaltung darüber nachgedacht, die Spreeuferwege in diesem Gebiet künftig anders zu führen - und dabei Fußgängern auch am Nordufer die Gelegenheit zu geben, an der Elsenbrücke den Fluss entlang zu spazieren.

Derzeit treibt Adam und seine Mitstreiter allerdings eine andere Sorge um: „Für den Straßenverkehr wäre es fatal, wenn auch der westliche Brückenüberbau für den Kraftfahrzeugverkehr ausfallen würde“, sagte er. „Ihm gilt unsere ganze Aufmerksamkeit.“ Alle vier Wochen gibt es eine Prüfung, alle ein oder zwei Tage eine Begehung. „Wir haben fast schon einen Brückenwart“, berichtet der Ingenieur. „Demnächst wird eine Sensorik installiert, die das Bauwerk rund um die Uhr automatisch überwacht.“

Noch mehr Staus, wenn die A100-Verlängerung fertig ist

Wenn auch dieser Teil der Brücke gesperrt werden müsste, hätten viele Kraftfahrer lange Umwege in Kauf zu nehmen. Stau haben sie aber in jedem Fall zu ertragen – künftig noch mehr als derzeit schon.

Denn die Verlängerung der Autobahn A100 von Neukölln nach Treptow, die derzeit gebaut wird und südlich der Elsenbrücke enden wird, soll 2023 fertig werden. Sie und die Eröffnung des Flughafens BER in Schönefeld werden weiteren Verkehr in diesen Bereich spülen. Um das ärgste Chaos zu verhindern, will der Senat ein Verkehrskonzept erstellen lassen.

Setzt der Klimawandel auch den Brücken zu?

Eine Brücke wie viele: Bauwerk 05002 – so heißt die Elsenbrücke , die 1965 bis 1968 gebaut wurde, intern. Wie andere Bauten aus jener Zeit handelt es sich um eine Spannbetonbrücke. Acht „Spannkästen“ mit jeweils 532 Stahldrähten sollen im Innern für Stabilität sorgen.            Plötzlich ein Riss: Bei den regelmäßigen Prüfungen erhielt die Brücke die Note 2,3 („befriedigender Zustand“) . Als die jüngste Prüfung am 30. August 2018  fortgesetzt wurde, waren die Experten geschockt: Im östlichen Überbau war ein  25 Meter langer Riss aufgeplatzt.  
Große Dynamik: Der Riss verläuft quer durch den Betonträger. Er muss sich rasch entwickelt haben. Als die Brückenprüfung Ende Juni 2018 begann, war nichts aufgefallen. Hitze könnte die Entstehung beschleunigt haben. Greift der Klimawandel aSpannbetonbauten an?

Die Elsenbrücke wurde 1968 freigegeben – vor gerade mal 51 Jahren. Sie wurde damals „nach bestem Wissen und Gewissen errichtet“, so Adam – mit Stahl, der in dieser Qualität auch im Westen verbaut wurde.

Dennoch konnte es offenbar passieren, dass  Drähte, die das Bauwerk im Innern stabilisieren sollen, rissen. „Aller Wahrscheinlichkeit nach war Korrosion die Ursache“, so der Ingenieur. „Die hohen Temperaturen im Sommer 2018 haben offenbar dazu beigetragen, dass der Spannstahl versagte.“

Heißer Sommer könnte dem Bauwerk zugesetzt haben

Morgens und vormittags liegt der Spannkasten, in dem später der Riss entstand, in der prallen Sonne. Die Hitze konnte direkt auf ihn einwirken – und möglicherweise weitere schädliche Dehn- und Zugkräfte freisetzen.

Das bestimmte Spannstähle zur Spannungsrisskorrosion neigen, war zum Zeitpunkt des Baus der Elsenbrücke noch nicht bekannt, hieß es in der Verwaltung. Ein Widerspruch zu den damals geltenden Normen und Bauverfahren war, dass die Drähte in den Spannkästen während des Baus der Elsenbrücken nicht innerhalb von 14 Tagen mit Beton ummantelt wurden, sondern erst nach sechseinhalb Monaten. Das könnte dazu geführt haben, dass Nässe eindrang.

Allerdings zeigt das Bautagebuch auch, dass die Bauleute vor mehr als 50 Jahren bemüht waren, Schäden zu verhindern – zum Beispiel, indem sie Pulver gegen Feuchtigkeit in die Spannkästen einbrachten. Deshalb lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob diese Abweichung das Problem verursacht oder entscheidend dazu beigetragen hat. „Das muss nicht zwingend der Grund sein", so Adam. "Damit, dass die Brücke in der DDR unter den dortigen Bedingungen entstanden ist, muss der Schaden nichts zu tun haben.“

Die Ingenieure haben inzwischen gelernt. Moderne Spannbetonbauten gelten langfristig als stabiler. Doch ihre Vorgänger werden Planern und Bauleuten noch viel Arbeit bereiten, davon ist auch Lutz Adam überzeugt. In Steglitz wird die Brücke, die im Verlauf der A103 über die Albrechtstraße führt, 2020 mit Stützen gesichert – und die Mühlendammbrücke in Mitte soll ab 2022 neu entstehen.