Berlin - Charlotte und Cecilie tauschen einen tiefen Blick über den gelben Zebrastreifen. „Frei“ sagen sie gleichzeitig, stellen sich in ihren orangen Warnwesten auf die Straße und halten ihre Kellen ausgestreckt. Die Fahrerin des VW Touran, die die beiden Sechstklässlerinnen zum Halten bringen, wartet mit offenkundiger Ungeduld. Freiwillig haben sich die beiden Mädchen für den Dienst als Schülerlotse gemeldet. Seit Schulanfang bemühen sie sich um die Sicherheit ihrer Mitschüler. Auch in der der Waldschulallee in Charlottenburg ist das gar nicht so einfach.

Insgesamt vier Schulen und eine Kita gibt es in der ruhigen Straße unweit des Berliner Messegeländes. Der S-Bahnhof Messe Süd ist nur einen Kilometer entfernt. Trotzdem ist dort um acht Uhr morgens kein Durchkommen mehr. Das wiederholt sich abgemildert, wenn die Kinder wieder nach Hause müssen: „Wir sehen uns dann nach der Vierten wieder, ja?“, fragt eine Mutter ihren achtjährigen Sohn. „Wieder vorn am Fahrradständer.“

Noch fix die Haare hochgesteckt

Um 7.52 Uhr bildet sich eine Schlange von zehn Autos, deren Chauffeure gern auf die Schnelle ihre Kinder loswürden. Dem Mädchen im weißen Kleid wird vor dem Aussteigen von der Mama noch einmal das Haar hochgesteckt. Zwillinge im lila Kleid bekommen von Papa die rosafarbenen Rollkoffer aus dem Auto geladen. Und auch ein Plausch unter Müttern muss im Halteverbot schon einmal sein.

Auf dem Radweg fahren Kinder und Erwachsene in beide Richtungen, wer zur Oberschule abbiegen will, kollidiert mit den Schülern die zur Grundschule wollen. Doch selbst dieser Radweg ist manchen nicht recht. „Man könnte die Straße ja verbreitern“, schlägt Joana Zarth vor. Die Mutter bringt gerade ihre vierjährige Tochter zur Kita. Den Weg vom Auto bis dorthin legt die Kleine mit dem Roller zurück. „Oder man müsste mehr Parkmöglichkeiten schaffen“. Der Parkplatz etwa 300 Meter weiter ist derweil nicht wirklich überfüllt.

Auch viele Eltern mit älteren Kindern fahren mit dem Auto direkt vor die Schultür. „Sie ist zu spät aufgestanden“, erklärt ein Vater aus einem Mercedes das Verschulden seiner Tochter. Eine Mutter gibt unumwunden zu: „So können wir länger schlafen“. Sie kämen zwar direkt aus der Nähe, aber der Schlaf sei es ihnen wert. Manchmal gebe es zwischen den Eltern ein richtiges Gerangel, erzählt eine Anwohnerin. „Aber wir mischen uns da nicht mehr ein. Das bringt ja sowieso nichts.“

Halten vor dem Zebrastreifen

Für Autointeressierte ist die Waldschulallee ebenfalls ein spannender Schauplatz. So stellt man fest, dass sich die Geländemodelle von Audi, Mercedes und BMW gar nicht so sehr unterscheiden, wenn sie in der gleichen Farbe, nämlich Schwarz, in einer Reihe stehen. Wenn es richtig voll wird, halten die Autos direkt vor Charlottes und Cecilies Zebrastreifen – im absoluten Halteverbot. Etwa einmal in der Woche kontrolliert hier die Polizei und vergibt Strafzettel im Akkord. „Das hält den Verkehr nur noch mehr auf“, ärgert sich ein Vater.

Seit Beginn des Schuljahres vor gut zwei Wochen ist die Polizei vor fast allen Berliner Grundschulen verstärkt im Einsatz. Die Beamten informieren, ermahnen, schreiben Strafzettel und nehmen Geschwindigkeitskontrollen vor. In dieser kurzen Zeit wurden rund 8 000 Autofahrer und 2 200 Radfahrer unmittelbar nach einem Fehlverhalten ermahnt, teilt die Polizei mit. Fast 4000 Raser wurden ertappt und 160 Anzeigen geschrieben.

Aber nicht nur die Polizei warnt vor dem sogenannten „Elterntaxi“. „Im Auto ist die Bewegungsmöglichkeit der Kinder eingeschränkt, sie werden bequem und dazu verleitet, Anstrengungen zu vermeiden“, bemängelt zum Beispiel die Unfallkasse Berlin, zuständig für Schulunfälle. „Die Kinder sind viel konzentrierter, wenn sie sich morgens bewegen“, sagt Unfallkassen-Sprecherin Kirsten Wasmuth. Zudem stauten sich die Fahrzeuge vor den Schulen, die Eltern selbst würden so neue Gefahrenquellen schaffen.

Den Weg zur Schule üben

Grundschüler sollten stattdessen den Schulweg zu Fuß üben. Anfangs von den Eltern begleitet, sollte der sicherste Weg für die Kinder gewählt werden. Als Service finden sich im Internet Schulwegpläne (www.schulwegplaene-berlin.de).

Wenn Autos direkt vor ihnen stehen, dann halten Charlotte und Cecilie den Fahrer nicht mehr auf. „Wir gehen nur auf die Straße, wenn das Auto noch hinter der zweiten Laterne ist“, erklärt Charlotte. Damit sie auf jeden Fall gesehen werden. Um 7.55 Uhr gehen die beiden rein. Auch für sie beginnt um 8 Uhr der Unterricht.

Aber auch danach dauert es noch eine Weile, bis sich die Straße leert. Ein paar Nachzügler bringen die Kinder, je nach Mentalität, hektisch oder auch zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn noch völlig entspannt. Um 8.15 Uhr ist die Straße plötzlich wie ausgestorben. Bis um kurz vor 12 Uhr die vierte Schulstunde endet und die ersten wieder nach Hause müssen. Mit dem Auto, versteht sich.