Berlin - Dass es diese große Kirche im ansonsten ziemlich atheistischen Berliner Bezirk Friedrichshain gibt, ist für viele Gläubige ein Trost. Die evangelische Gemeinde der Auferstehungskirche in der Friedensstraße verkündet in diesen Krisenzeiten eine weithin sichtbare Botschaft. An einer hohen Fahnenstange vor dem Gotteshaus hängt eine lange weiße Stoffbahn mit den Worten: „Fürchtet euch nicht.“ Darunter steht: „Wir sind für euch da.“

So hält es auch Volker Steinhoff, ein Pfarrer, der eigentlich schon lange im Ruhestand ist, der sich aber um diese Gemeinde kümmert, weil hier die Pfarrstelle nicht besetzt ist. Er ist auch für die benachbarte Samaritergemeinde da, weil der dortige Pfarrer in Elternzeit ist. „Ich mache weiter, so lange ich gebraucht werde“, sagt der 72-Jährige.

Blumen für die Corona-Toten

Seit der ersten Corona-Welle im vergangenen Frühjahr hat sich für die Gläubigen einiges gebessert, aber es gibt auch Negatives zu beklagen. Auf der Negativseite steht der Tod einer Frau aus der Gemeinde, die an Covid-19 gestorben ist. Für sie wurden unter der Fahne mit der Botschaft „Fürchtet euch nicht“ Blumen gepflanzt. Dazu kamen noch 19 weitere für all jene, die an oder mit Corona gestorben sind. „Die waren zwar keine Mitglieder unserer Kirchengemeinde, aber sie standen ihr doch nahe“, sagt Karola Graf.

Es ist Sonntag, zehn Minuten vor Beginn des Gottesdienste, und die 74-Jährige füllt am Wasserhahn neben der Kirche schnell noch ihre Gießkanne und bringt den Blumen für die Corona-Toten frisches Wasser. „Das ist unser Symbol nach außen“, sagt sie.

Sabine Gudath
Das Hygienekonzept ist sehr streng, aber immerhin dürfen Präsenzgottesdienste stattfinden.

Karola Graf kümmert sich seit vielen Jahren um dieses Stück Natur direkt vor der Kirche, das früher verwildert war, voller knorriger Büsche, die entfernt wurden. Nun wachsen dort, zwischen dem alten Taufbecken und einem Stück vom alten Altar, schöne Pflanzen. Daneben hat Karola Graf zwei Zettel gelegt, auf denen steht, warum sie gepflanzt wurden. „Ich bin froh, dass bislang keine gestohlen wurden. Das kommt nämlich immer wieder vor.“

Dann eilt sie los, will in den Gottesdienst. „Es ist mir wichtig, dass wir uns wieder in der Kirche treffen dürfen“, sagt sie. „Nicht nur wegen des Gottesdienstes, sondern auch wegen der Gespräche mit den anderen Gemeindemitgliedern danach. Wir schwatzen, wir pflegen unsere Gemeinschaft und wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können.“

Die Glocken rufen laut zum Gottesdienst, und sie geht in die Kirche. Drinnen sammeln sich die Gläubigen im großen Hauptteil der Kirche. Im vergangenen Jahr durften sie das nicht. Da fand der Gottesdienst vorn in der winzigen Winterkirche statt. Dort stand Pfarrer Volker Steinhoff und predigte. Die Kirchenbänke waren leer. Seine Worte wurden aufgezeichnet und ins Internet übertragen.

Nun gibt es ein Hygienekonzept mit den üblichen Abstandregeln. Jeweils zwei Stühle stehen nebeneinander und sind so im Raum gruppiert, dass in alle Richtungen zwei Meter Platz zum nächsten Zweier-Sitz ist. Das wirkt mehr als luftig, aber immerhin. Fast alle 32 Plätze sind besetzt, oben spielt der Kantor die Orgel, und es dürfen auch zwei Menschen singen. Unten ist das nicht erlaubt, aber die Gläubigen dürfen leise die Gebete mitsprechen.

Die Serie
Mehr als ein Jahr Pandemie 

 – und die Berlinerinnen und Berliner sind immer noch im Dauerstress. Weil sie den Corona-Alltag mit all seinen Beschwernissen bewältigen müssen, weil sie Patienten pflegen und behandeln, Kinder und Jugendliche unterrichten und betreuen, als Taxifahrer, Paketboten, Polizisten unterwegs sind.

In unserer Serie besuchen wir Frauen, Männer, Familien, die wir zu Beginn der Pandemie getroffen haben, erneut und fragen: Wie geht es Ihnen heute?

„Gott gab uns Atem, damit wir leben“ – die Predigt von Volker Steinhoff dreht sich um die Worte Atem und Kehle. Steinhoff spricht vom Gold in der Stimme, davon, dass sich viele Gläubige wünschen, mal wieder aus voller Kehle im Chor singen zu dürfen. Er spricht über die jetzt vorgeschriebenen Masken, darüber, dass es vielen die Kehle zuschnürt, wenn sie hören, welches Leid auf den Intensivstationen geschieht und was die Pfleger dort leisen müssen.

Steinhoff steht vor dem großen goldenen Kreuz und sagt, dass die Kehle eines der häufigsten Worte in der Bibel ist, es stehe für den bedürftigen und begehrenden Menschen. „Alles, was aus uns herauskommt, kommt durch den Engpass unserer Kehle.“ Der Pfarrer erwähnt Elton John und Janis Joplin, spricht von der Lebensgier der Menschen, vom wilden Berlin, zitiert Schriftsteller und spricht von den „gigantischen Glückserwartungen“ der Menschen, die nie erfüllt werden können. „Es bleibt immer etwas offen“, sagt er und ist wieder bei Gott, der für die Menschen da sei.

Der Organist spielt laut, kraftvoll, die Kirche leert sich. Danach erzählt Pfarrer Steinhoff, wie wichtig für viele ein solcher Präsenzgottesdienst sei. Und dass eine solch große Kirche mit so weit zu öffnenden Fenstern schnell durchgelüftet sei.

Klaus-Dieter Ehmke, Cornelia Jahr und Sophie Kratzsch vom Gemeindekirchenrat erzählen, dass die Kirche zu Ostern im Vorjahr noch geschlossen war, dass die Gemeinde draußen einen Altar aufgebaut hatte und dass es ein Defilee um die Kirche gab. Auch später gab es Andachten im Freien mit Lesungen und Musik. Dann durften wieder Gottesdienst in der Kirche stattfinden. „Weihnachten haben wir die Kirche für das Hygienekonzept mit dem Zollstock ausgemessen“, erzählt Ehmke. Früher kamen zu Weihnachten 800 Leute in die vier Gottesdienste, nun waren es maximal 110. Immerhin.

„Wir haben auch kein Besucherrückgang“, sagt Cornelia Jahr. „Einige kommen nun aus Angst nicht mehr, aber sind auch einige neue dazugekommen, weil wir eben den Präsenzgottesdienst haben, den es nicht überall gibt.“ Große Teile der Gemeinde hat die Krise näher zusammengeschweißt, erzählen die drei. „Aber es gibt sicher auch Leute, die nicht die Kraft hatten, zu uns kommen und zu sagen: Wir brauchen Hilfe“, sagt Ehmke. Das seien dann Menschen, die ohnehin nur selten kämen.

Sabine Gudath
Karola Graf gießt die Blumen vor der Kirche, die an die Corona-Toten erinnern.

Die drei vom Gemeindekirchenrat erzählen, dass die soziale Arbeit in der Krise ausgeweitet wurde. Früher wurde vor allem Kleidung für Obdachlose gesammelt und einmal in der Woche Essen für sie gekocht. Nun ist das fast eine tägliche Aufgabe geworden: Helfer und Helferinnen schmieren Brötchen und hängen sie an den „Essenszaun“, andere kochen einen Topf Suppe und bringen ihn vorbei. „Bei der Sozialarbeit der Gemeinde machen auch Leute mit, die vorher gar nichts mit uns zu tun hatten“, sagt Pfarrer Steinhoff. Zu den Friedensgebeten für die Aufständischen in Myanmar seien Menschen gekommen, die noch nie ein Gebet gesprochen haben. Es gibt Internet-Gottesdienste, sogar Telefon-Gottesdienste, bei denen die Teilnehmer ohne Bild wie bei einer Telefonkonferenz dabei sind. Es gibt auch Leute, die einfach gern telefonieren und nun andere Gemeindemitglieder regelmäßig anrufen, damit die sich nicht so allein fühlen. Andere schreiben auf, wer lange nicht da war und suchen gezielt den Kontakt oder gehen für andere einkaufen.

Der Obdachlose neben der Kirche

Und seit Beginn der Pandemie sendet die Gemeinde eine spezielle Botschaft. An der Kirche gibt es eine kleine Apsis, einen halbrunden Erker in der Winterkirche mit drei Fenstern. Mittendrin brennt jede Nacht eine Kerze. „Und draußen stehen dann nachts auch mal Gläubige  davor“, sagt Sophie Kratzsch vom Gemeindekirchenrat. Sie hat einmal eine Frau gesehen, die mit ausgebreiten Armen dastand und betete. Manchmal bekreuzigen sich auch Katholiken im Vorbeigehen vor dem Licht in der Dunkelheit. „Ich sehe eine lebendige Gemeinde, mit so viel Energie und viel Erfindungsreichtum“, sagt Pfarrer Steinhoff.

Es klopft, die Tür geht auf, ein Kopf schaut kurz herein und ist schnell wieder weg. Steinhoff sagt: „Das ist ein Obdachloser, der seit einiger Zeit auf der Wiese neben der Kirche in einem Zelt lebt.“ Der Mann komme immer kurz nach dem Mittag und hole sich eine Tasse Kaffee. „Der ist quasi auch ein neues Mitglied unserer Gemeinde.“ Er sei willkommen. „Als die Kinder hier auf der Wiese Ostereier versteckten, legten sie ihm auch welche vor sein Zelt.“