Berlin - Veronica Sanchez kniet auf dem Bürgersteig und gräbt mit einer kleinen Schaufel Löcher in den sandigen Boden einer Baumscheibe. Ein paar Meter weiter hockt Irina Kaplan und schraubt mit einem Akku-Schrauber Holzzäunchen zusammen. Ein Stück entfernt macht sich Safiye Ergün auf die Suche nach neuen Blumen für ihr Beet, schließlich hat sie die Patenschaft für den guten Quadratmeter Grün übernommen. Als er endlich mal ein paar Minuten Zeit hat zwischen Waschen, Schneiden, Rasieren und Fönen, betätigt sich auch Friseur Yasin Icli als Gärtner.

Alle vier sind Moabiter, sie wohnen und/oder arbeiten in der Emdener Straße, einer Querstraße zur Turmstraße. Zusammen mit zahlreichen weiteren Nachbarn haben sie sich am Sonnabend zur Aktion „Emdener trifft Emdener“ in ihrer Straße getroffen. Ihr gemeinsames Ziel ist, die Emdener schöner und damit lebenswerter zu machen.

Ein Drittel Verlust

Philip Schreiterer hat keine Zeit, mitzupflanzen, er ist der Organisator des kleinen Straßenfestes und hat alle Hände voll zu tun. Gerade kommt er beladen mit Tüten und Getränkepacks von den Läden aus der Umgebung. Schon am Morgen hatte ein Blumenhändler aus der Turmstraße palettenweise Blühendes vorbei gebracht – kostenlose Spenden fürs Fest.

Dann bespricht Schreiterer mit anderen das weitere Vorgehen an diesem Tag. Zwischendrin hat er ein paar Minuten Zeit für Frage und Antwort. Herr Schreiterer, was ist das Besondere an der Emdener Straße? Warum geben sich ihre Nachbarn so viel Mühe und pflanzen Blumen, wo doch schon nach einer Woche alles hinüber sein kann? Weil ein respektloser Nachbar alles zertritt, seinen Hund draufkacken lässt oder sich an ihrem Engagement sogar bereichert. So wie vorigen Herbst. Da hatten die Bürger auch gepflanzt, kurz darauf war ein Drittel der Blumen weg. Ausgebuddelt. Geklaut. Warum also?

„Die Emdener Straße ist eine Problemstraße“, sagt Anwohner Philip Schreiterer, „und die Bürger gucken weg“. Er berichtet von vier Gewaltverbrechen in den vergangenen zwei Jahren, von Drogenhandel, Schlägereien, Überfällen. Einmal war sogar ein Sondereinsatzkommando der Polizei angerückt. „Außerdem ist die Straße unglaublich zugemüllt, die Leute lassen ihr Gerümpel einfach auf dem Gehweg stehen. Auch in den Innenhöfen und Hausfluren sieht es oft schlimm aus“, sagt er. Aber es gebe auch Leute hier, die dieser Verwahrlosung etwas entgegensetzen, ein Zeichen setzen wollten. Die sagen: Unsere tägliche Umgebung soll schöner werden.

„Die Emdener Straße ist eine Problemstraße“

Philip Schreiterer hat den Subbotnik organisiert. Er hat mit der BSR ausgemacht, dass diese Müllsäcke, Besen, Zange und Handschuhe zur Verfügung stellt. Von einem Schulgarten um die Ecke kommen Schubkarren, Schaufeln und Harken. Das Bezirksamt hat für die Zeit des Garteneinsatzes und des Festes die Straße für Autos gesperrt.

Seit 16 Jahren wohnt Schreiterer im Kiez. Er kennt sich aus darin, Dinge zu organisieren. Sein „Verein Moabit“, hervorgegangen aus dem mittlerweile aufgelösten „Moabit ist Beste“, engagiert sich auch für ein neues Freibad am Poststadion, ein Vorhaben, das bisher am Senat scheiterte. Er sagt: „Auch wenn’s mühsam ist, muss man Dinge probieren. Nix machen, ist keine Alternative.“ Diesmal rechnet er mit einem Blumen-Verlust von einem Fünftel. „Wir haben kleinere genommen, die sind vielleicht nicht so attraktiv.“

„Nix machen, ist keine Alternative“

Wenn Veronica Sanchez so etwas hört, schüttelt sie den Kopf. Seit zwei Jahren wohnt die Kita-Erzieherin in der Emdener Straße. In dieser Zeit haben ihre Nachbarn öfter das Temperament der Argentinierin zu spüren bekommen. „Ich schimpfe dann. Viele Leute haben keinen Respekt. Das ist schlimm, aber es wird sicher irgendwann mal besser“, sagt sie und beugt sich wieder über ihre Veilchen.

Mitstreiterin Safiye Ergün zwei Baumscheiben weiter nickt dazu. „Es hat sich doch auch schon eine Menge getan“, sagt die Betreiberin einer „kulturspezifischen Pflege“. Das ist eine Einrichtung, die für altgewordene Muslime Pflege organisiert. „Als ich vor 27 Jahren hierher gezogen bin, fand ich die Emdener Straße hässlich, trostlos und tot. Das ist sie längst nicht mehr.“ Zumindest, so lange die Blumen stehen.