Berlin - Eine Lehrerin hat ihre Schüler im Musikunterricht das verbotene „Horst-Wessel-Lied“ summen lassen. Dabei sollten die Schüler der Jahrgangsstufe 11 zu den Klängen des NS-Propagandaliedes auch noch das Marschieren imitieren. Und zwar im Takt.

Nun wird gegen die Musiklehrerin des angesehenen Köpenicker Emmy-Noether-Gymnasiums ermittelt – ihr wird vorgeworfen, Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verwendet zu haben. Prinzipiell können Lehrer, etwa im Geschichtsunterricht, verbotene Kennzeichen wie ein Hakenkreuz verwenden. Sie müssen nur sicher stellen, dass sie das in einen Zusammenhang einordnen.

Anzeige eines Unbeteiligten

Wieso also ist dies nun ein Fall für die Ermittlungsbehörden? Der Vorfall im Musikunterricht trug sich am 19. März zu, wie Polizeisprecher Stefan Redlich bestätigte. Einen Tag später wurde Anzeige erstattet – aber nicht von einem beteiligten Schüler, sondern von einer anderen Person, die von den Vorgängen erfahren hat.

Daraufhin vernahmen Beamte des Staatsschutzes die Lehrerin. Die Frau betonte dabei, dass eine Beschäftigung mit der NS-Zeit und entsprechendem Liedgut in den Rahmenlehrplänen vorgesehen sei. Nach Angaben der Bildungsverwaltung wollte die Lehrerin die Schüler des Grundkurses Musik mit dem Horst-Wessel-Lied auf eine anstehende Klausur vorbereiten.

Prüfungsthema sollte der „Kälbermarsch“ des Dramatikers und Lyrikers Bertolt Brecht sein. Der 1943 verfasste „Kälbermarsch“ ist eine Satire auf das Horst-Wessel-Lied. „Hinter der Trommel her /Trotten die Kälber“, heißt es darin. Auch die Musik von Hanns Eisler nimmt Bezug auf das Horst-Wessel-Lied.

Ohne die Parteihymne der NSDAP zu kennen, könnten die Schüler Brechts Satire gar nicht verstehen und einordnen. So soll es die Lehrerin bei ihrer Vernehmung gesagt haben. Deshalb habe sie auch Papierblätter mit dem Text des Horst-Wessel-Liedes in ihrem Kurs verteilen lassen.

Neues Klausur-Thema

„Verfassungsfeindliche Symbole oder NS-Propaganda dürfen im Unterricht nur behandelt werden, wenn eine sogenannte Kontextualisierung stattfindet“, sagte Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung. Die Lehrer müssten plausibel machen, wieso sie diese Dinge im Unterricht behandeln. „Wenn hier eine Unsicherheit bestanden hat, die zur Anzeige geführt hat, ist dies im konkreten Fall möglicherweise nicht erfolgreich didaktisch durchgeführt worden“, sagte Stoffers. Das werde nun geprüft.

Ein solches Lied dürfe nicht unvermittelt im Unterricht zum Einsatz kommen. Möglich ist, dass die Lehrerin den Zusammenhang auch deshalb nicht so deutlich gemacht hat, weil sie das Thema der anstehenden Klausur nicht vorher verraten wollte. Jetzt muss die Schule ein neues Klausur-Thema suchen.

An dem Gymnasium, das nach einer jüdischen Mathematikerin benannt ist, haben sich die Fachbereichsleiter für Musik, Geschichte und Deutsch hinter die Lehrerin gestellt. Es sei bei der Beschäftigung mit dem Lied auch darum gegangen, musikalisch-politische Manipulationsmethoden zu verdeutlichen, hieß es. In einer schriftlichen Stellungnahme gab die Lehrerin an, dass sie das Lied gesummt hätten und rhythmisch mit den Füßen aufgetreten seien.

Streit um Namensliste

Nun liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft. Die Ermittler wollten die Elftklässler bereits als Zeugen befragen. Einen vereinbarten Befragungstermin in der Schule hat eine Mitarbeiterin des Landeskriminalamtes aber wieder abgesagt. Die Einverständniserklärung der Eltern zur Befragung der minderjährigen Schüler habe gefehlt. Eine komplette Namensliste der Schüler wollte die Schulleitung wiederum nicht einfach an die Polizei geben.