Berlin - Zuerst hört man nur die Musik. Scheppernder Pop aus einem Smartphone. Etliche Fahrgäste verdrehen die Augen, doch niemand sagt etwas. Womöglich wegen der Erscheinung der Besitzerin. Sie ist imposant.

Die Frau, das Gerät in der Hand hält, kommt locker auf einen Meter neunzig, mehrere Schichten grell gemusterten Stoffes umhüllen ihre Leibesfülle, viele bunte Ketten hängen um ihren kurzen, dicken Hals. Ihre Haare sind kurz, dottergelb, der große Mund hellrot bemalt. Überhaupt ist sie stark geschminkt. Ihr dunkles Gesicht sieht aus wie eine Maske.

Schimpftirade aus heiterem Himmel

Ohne Anlass fängt sie an zu schreien. Man versteht nicht alles, ihr Deutsch ist brüchig, ihre Stimme überschlägt sich. Adressatin ihrer Beschimpfungen ist eine adrette ältere Dame mit kleinem Hund. Die hatte einen missbilligenden Blick in die Richtung der Afrikanerin geschickt, wegen der Musik.

Schnell wird klar, dass diese irgendwie alle Anwesenden anschreit. Sie schimpft auf die Deutschen und das System, erkennt „bitches“, „blöde Omas“ und „Arschlöcher“ unter uns, die Afrika „kaputtmachen“ und wechselt während eines Stroms gurgelnder Laute plötzlich das Thema. Jetzt ruft sie wie eine Predigerin, den Arm empor gereckt, man müsse mehr Sprachen sprechen, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, „alle Sprachen der Welt“. Und: „Jeden Tag duschen, morgens und abends, Montag bis Sonntag.“ Sie verstummt.

Bedrückung füllt den Waggon wie graue Watte

Nicht nur ich muss mir jetzt ein Lachen verkneifen. Der Mann, der mir gegenübersitzt, kneift die Lippen zusammen, auf der anderen Seite des Ganges zucken die Schultern einer Frau hinter der Zeitung. In vielen Gesichtern scheint Erleichterung auf, als ob der Beweis der Verrücktheit gefehlt habe, die Gewissheit, dass sie nicht uns meint in ihrem Zorn.

Das wird noch offensichtlicher, als sie an der nächsten Station einen einsteigenden Mann als neues Ziel erspäht. Der hatte sie nicht mal angesehen. Die Beschimpfungen ähneln den vorherigen, doch der Ton ist verändert. Ihre Augen schwimmen nun in Tränen, ihre Stimme, immer noch sehr laut, bekommt etwas Klagendes. „Weißt Du“, ruft sie, „ich habe ein Kind geboren. Aber ich darf es nicht sehen. Darf meinen Sohn nicht sehen.“ Sie schluchzt. Jetzt lacht keiner mehr. Bedrückung füllt den Waggon wie graue Watte.

Gospel singen gegen die Trauer

Eine junge Frau nimmt die Sonnenbrille ab, richtet den Blick auf die Weinende und sagt: „Das ist bestimmt sehr schwer für Sie.“ Ihr warmer Ton lässt diese aufschauen: „Ja, Schwester.“ Nach einer kurzen Pause: „Aber jetzt gehe ich in die Kirche, Gospel singen. Das mache ich gern.“ „Das ist gut“, sagt die andere, lächelt, und setzt die Sonnenbrille wieder auf.

Die Afrikanerin beginnt zu singen. „Halleluja“ von Leonard Cohen, ein wenig kipplig, aber ihre Stimme, gerade noch von Wut und Hass verzerrt, klingt jetzt voll und stark. Das war doch jetzt ein kleines Wunder, denke ich, während ich erfolglos versuche, den Kloß im Hals wegzuatmen. Das Wunder der richtigen Worte im richtigen Moment.