Ende einer Regionalbahn in Brandenburg: Im Dezember ist Schluss, trotz Protest

Im Advent rollt der letzte Zug von Joachimsthal nach Templin. Ein Politiker der Grünen befürchtet, dass die Betriebseinstellung der AfD in die Hände spielt.

Begegnung in Joachimsthal: Der Zug links fährt von Eberswalde nach Templin, der Zug rechts von Templin nach Eberswalde. Am 10. Dezember um 19.25 Uhr startet die letzte Fahrt nach Templin.
Begegnung in Joachimsthal: Der Zug links fährt von Eberswalde nach Templin, der Zug rechts von Templin nach Eberswalde. Am 10. Dezember um 19.25 Uhr startet die letzte Fahrt nach Templin.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Noch fahren die Züge. Noch kann man mit dem Dieseltriebwagen nach Friedrichswalde, Ringenwalde, Milmersdorf und zu anderen Orten zwischen Joachimsthal und Templin reisen. Doch trotz Protesten von Politikern und Reisenden steht dieser Abschnitt der Linie RB63 nordöstlich von Berlin vor dem Aus. Am 10. Dezember wird dort zum letzten Mal eine Regionalbahn verkehren. Am 10. Dezember um 19.25 Uhr startet in Joachimsthal die letzte Fahrt nach Templin. Zwar gibt es die Hoffnung, dass die Strecke saniert und wieder für den Personenverkehr in Betrieb genommen wird. Doch die Chancen sind geringer als viele glauben. „Die Hürden sind hoch“, so ein Experte zur Berliner Zeitung.

Seit Monaten ist der Nordteil der Regionalbahnlinie RB63, auch als Schorfheidebahn bekannt, Thema hitziger Diskussionen. Politiker, Fahrgastvertreter von Pro Bahn und Privatleute aus Berlin setzen sich für den Erhalt des Personenverkehrs ein. Sie fragen: Passt es zu der geplanten Mobilitätswende, eine Bahnverbindung einzustellen?

Nachdem das Land Brandenburg die Verbindung 2006 eingestellt hatte, wurde der Betrieb auf Druck aus der Region 2018 probeweise wieder aufgenommen. Die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) bekam den Auftrag. Das Land bezahlt für den Regionalbahnverkehr jährlich zwei Millionen Euro. Landkreise und Kommunen schießen 200.000 Euro zu.

Probebetrieb auf der Schorfheidebahn endet nach vier Jahren

Die Dieseltriebwagen, die in Eberswalde starten, werden auch von vielen Berliner Ausflüglern genutzt. Schließlich fahren sie durch die schöne Uckermark. Doch im Brandenburger Infrastrukturministerium hält man die Fahrgastzahlen unterm Strich nicht für ausreichend. Nach jüngsten Angaben sind im Schnitt zwischen 100 und 130 Fahrgäste pro Tag unterwegs – für den Probezeitraum angestrebt waren dagegen 300 Reisende pro Werktag.

Ein Sonntagnachmittag im Bahnhof Templin Stadt im Sommer: Andrang auf die Schorfheidebahn nach Joachimsthal und Eberswalde. Wochenendpendler und Ausflügler nutzen die Verbindung nordöstlich von Berlin.
Ein Sonntagnachmittag im Bahnhof Templin Stadt im Sommer: Andrang auf die Schorfheidebahn nach Joachimsthal und Eberswalde. Wochenendpendler und Ausflügler nutzen die Verbindung nordöstlich von Berlin.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Momentan könne aufgrund des maroden Streckenzustandes nur langsam gefahren werden, hieß es in Potsdam. „Dieses Angebot wird von den Fahrgästen nicht ausreichend angenommen“, bekräftigte Katharina Burkardt, Sprecherin von Minister Guido Beermann (CDU). „Wie berichtet, wird der Probebetrieb auf der Regionalbahnlinie RB63 daher auslaufen“ – zum kommenden Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2022.

Im Personenverkehr ist maximal Tempo 50 möglich

Um die Strecke dauerhaft und sinnvoll zu betreiben, müsste zunächst in die Schieneninfrastruktur investiert werden, so die Sprecherin. Weil die Deutsche Bahn (DB) die 26 Kilometer lange Strecke nicht wirtschaftlich betreiben konnte, hat DB Netz sie der Hanseatischen Infrastrukturgesellschaft verpachtet. Die letzte große Sanierung fand in den 1980er-Jahren statt. Zwischen Britz und Milmersdorf, wo bis heute auch Güterzüge unterwegs sind, hat die DB 2003 kleinere Oberbaumängel beseitigt.

Die Anlagen seien betriebssicher, aber in einem „durchaus schlechten Zustand“, mahnt die Deutsche Eisenbahn Service AG (Desag), zu der die Pächterin gehört. Deshalb dürften Reisezüge maximal 50 und Güterzüge nur höchstens 30 Kilometer in der Stunde fahren.

Vom 11. Dezember an müssen die Reisenden Bus fahren

Wenn nicht nach dem Fahrplanwechsel im Dezember oder im ersten Quartal 2023 damit begonnen werde, in die Strecke zwischen Joachimsthal und Templin Stadt zu investieren, wäre mit Spurerweiterungen und Gleislagefehlern bis hin zur Gleisverwerfung zu rechnen, warnt die Desag. Auf mehr als der Hälfte der Trasse müssten Schwellen getauscht werden. Ein aktuelles Problem erhöhe die Dringlichkeit, hieß es. Denn die Schienen liegen zum Teil auf Betonschwellen derselben Bauform wie bei Garmisch-Partenkirchen, wo bei der Entgleisung eines Regionalzugs am 3. Juni fünf Menschen getötet und mehr als 60 verletzt wurden. Bei der DB wurde bereits begonnen, Schwellen dieses Typs auszutauschen.

Ein Blick in die RB63 von Eberswalde nach Templin Stadt im Sommer. Busse befördern keine Fahrräder.
Ein Blick in die RB63 von Eberswalde nach Templin Stadt im Sommer. Busse befördern keine Fahrräder.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Damit ist klar, dass Reisende vom 11. Dezember an auf Busse umsteigen müssen. Zwischen Joachimsthal und Templin werde ein Schienenersatzverkehr eingerichtet, hieß es. Vom kommenden Jahr, voraussichtlich ab Mai, soll die Strecke zur Plusbus-Linie werden, die an allen Wochentagen in festen Taktabständen bedient werden soll.

„Unser Ziel ist es, dass die Region in naher Zukunft ein attraktiveres Angebot im öffentlichen Nahverkehr als bisher erhält“, sagte Katharina Burkardt. „Dazu laufen Untersuchungen und Gespräche. Plus-Busse sind hier eine Option, die diskutiert wird. Zielstellung ist, dass ein nahtloses Folgeangebot für die Fahrgäste in der Region errichtet wird. Sobald die Untersuchungen hierzu abgeschlossen sind, werden wir die Öffentlichkeit informieren.“

Grünen-Politiker Rostock verlangt baldige Nutzen-Kosten-Untersuchung

Die Sprecherin des Infrastrukturministeriums in Potsdam bekräftigte, dass das Land eine Nutzen-Kosten-Untersuchung durchführen will. „Wir wollen damit prüfen, wie die Strecke in Zukunft wirtschaftlich und attraktiv betrieben werden könnte“, sagte sie.

Minister Beermann müsse Tempo machen, verlangte Clemens Rostock, der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im Land Brandenburg. „Der Infrastrukturminister muss dafür sorgen, dass diese Strecke eine Zukunft bekommt. Um den Weiterbetrieb auf eine feste wirtschaftliche Grundlage zu stellen, muss die angekündigte Nutzen-Kosten-Untersuchung so bald wie möglich in Auftrag gegeben werden – besser heute als morgen“, sagte der Abgeordnete der Berliner Zeitung. „Klar ist, dass die Strecke saniert werden muss. Sonst müsste sie spätestens im Sommer 2023 aus technischen Gründen gesperrt werden.“

Im Stundentakt elektrisch von Eberswalde über Templin nach Löwenberg

Ziel müsse es sein, dass die Schienenverbindung zwischen Eberswalde und Templin 2024 auf ganzer Länge als modernisierte und digitalisierte Strecke zur Verfügung steht, so Rostock. Seine Vision: „Mit deutlich höheren Geschwindigkeiten als heute fahren batterieelektrische Fahrzeuge, wie sie der NEB ab Dezember 2024 zur Verfügung stehen, stündlich zwischen Eberswalde und Templin. Zu prüfen ist, die RB63 und die RB12 durchzubinden, sodass eine durchgehende Strecke zwischen Eberswalde und Löwenberg entsteht.“

Sonntagabend in Ringenwalde: Ein Triebwagen der NEB hält am Rand des uckermärkischen Dorfes.
Sonntagabend in Ringenwalde: Ein Triebwagen der NEB hält am Rand des uckermärkischen Dorfes.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Wie berichtet ist der Weiterbetrieb auf zwei Regionalbahnlinien in der Prignitz, die Kyritz mit Pritzwalk sowie Meyenburg verbinden und ebenfalls gefährdet waren, gesichert. „Hier steht der Vorwurf im Raum, dass die RB73/74 gerettet wurde, weil dort mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Jan Redmann und der SPD-Finanzministerin Katrin Lange prominente Politiker:innen wohnen. Zwischen Joachimsthal und Templin ist dagegen keine vergleichbare landespolitische Prominenz zu Hause. Diesem Vorwurf müssen wir als Koalition durch Taten entgegentreten“, analysierte Rostock.

Die Region rund um die RB63 dürfte nicht abgehängt werden, forderte der Abgeordnete. „Wir befürchten, dass die Ungleichbehandlung den Populisten und der AfD in die Hände spielt. Dabei ist die Uckermark eine Region, in der die AfD schon einige politische Erfolge feiern konnte.“

Muss die Stredcke neu trassiert werden?

Experten sind gespannt, welchen Wert die angekündigte Nutzen-Kosten-Untersuchung (NKU) für die Schorfheidebahn erbringen wird. Er müsste mindestens 1 erreichen. Dann wäre nachgewiesen, dass der erwartete Nutzen die Aufwendungen übersteigt. Doch weil die Region nur dünn besiedelt sei, werde sich die Fahrgastnachfrage weiterhin in Grenzen halten, sagte ein Beobachter. Auch der hohe Modernisierungsbedarf werde sich bei der Berechnung negativ auswirken. Es ist absehbar, dass ein zweistelliger Millionenbetrag zu investieren wäre. Weil die Bahn von den Dorfzentren entfernt ist, wäre eigentlich auch eine Neutrassierung zu prüfen – die weitere Kosten verursachen würde. Generell seien die Hürden für Bahn-NKUs sehr hoch, lautete die Einschätzung.

Lässt sich die Schorfheidebahn auf diesem Weg retten? „Skepsis ist angebracht“, sagte er.