42 Quadratmeter Glück: Wie eine obdachlose Berlinerin an eine Wohnung kam

Sandra, 51, flog 2018 aus ihrer Wohnung. Sie war auf dem Mietermarkt chancenlos. Dann hörte sie von einem Projekt. Berlin und die Wohnungsnot – unsere Serie.

Oktober 2022, Berlin: Die Geschichte von Sandra, die jahrelang obdachlos war, und dank der Organisation „Housing First für Frauen“ nun eine eigene Wohnung beziehen konnte.
Oktober 2022, Berlin: Die Geschichte von Sandra, die jahrelang obdachlos war, und dank der Organisation „Housing First für Frauen“ nun eine eigene Wohnung beziehen konnte.Maurice Weiss/Ostkreuz

Ein Schnappschuss, damit geht es los. Eine junge Frau ist darauf zu sehen, schlank, dunkles, schulterlanges Haar. Sie sitzt auf einem Sofa und schaut entspannt in die Kamera. „Das bin ich mit 21“, sagt Sandra, die es beim Vornamen belassen will. Sie hält das Porträt zwischen Daumen und Zeigefinger behutsam fest. „Wie dünn ich damals war. Ich hätte Model werden können.“ Sandra stellt das Foto zurück auf den Sims der Balkontür zwischen andere Fotos, die an der Scheibe lehnen, ungerahmt. Sie wohnt erst seit vier Wochen hier. Sie war vorher obdachlos.

Eine Jahreszahl steht auf dem unteren Rand des Fotos, in Mädchenschrift, „92“, davor eine 8, für August. Fast auf den Monat genau 30 Jahre liegen zwischen der Aufnahme und diesem sonnigen Herbsttag in Pankow, der ein warmes Licht in die Wohnküche wirft. 30 bewegte Jahre, deren Inhalt in zwei Leben passen würde. Eine Suchterkrankung spielt darin eine Rolle, Kokain, Heroin, ein Entzug, die Geburt des Sohnes, ein Umzug in die USA, dem Vater des Kindes hinterher. Dann die Trennung und die Rückkehr nach Berlin. Es ist eine Geschichte mit einigen Höhen und vielen Tiefen und jetzt vielleicht einem Happy End, das Programm ist, ja sogar einen Namen trägt: „Housing First für Frauen“.

Uroš Pajović/Berliner Zeitung. Porträt: Maurice Weiss/Ostkreuz

Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) steht hinter diesem Programm. Sandra ist die Fünfzigste, die dank des gemeinnützigen Verbands zu eigenen vier Wänden gekommen ist. Bisher war es ein Modellversuch, über drei Jahre ist er gelaufen. Nun soll er fest in der Stadt verankert werden. Zusammen mit Housing First Berlin, einem Projekt nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer, betrieben von der Neue Chance gGmbH und der Stadtmission.

In seinen Haushalt 2022/2023 hat der Berliner Senat dafür 6,1 Millionen Euro eingestellt. Er ist davon überzeugt, dass Housing First, dieses in anderen Metropolen der Welt bereits erfolgreich erprobte Konzept, auch in der deutschen Hauptstadt funktioniert.

Housing First: 300 Frauen auf der Warteliste für eine Wohnung

Sandra musste niemand überzeugen. Sie hatte von Anfang an das sichere Gefühl, dass dies ihre Chance sein würde, eine Möglichkeit, sich aus der Obdachlosigkeit zu befreien. Und von diesem Gefühl geleitet, hat sie nicht einmal die lange Warteliste nicht abschrecken können. „Mir wurde gleich beim ersten Kontakt mit dem SkF gesagt, dass 100 Bewerberinnen vor mir stehen“, sagt die 51-Jährige. „Da konnte ich mir leicht ausrechnen, wann ich dran sein würde.“

Von dem Tag an, als andere obdachlose Frauen Sandra auf Housing First aufmerksam machten, bis zum unterschriebenen Mietvertrag vergingen zweieinhalb Jahre. „Vielleicht waren es auch drei.“

Inzwischen hat sich die Zahl der Bewerberinnen verdreifacht. Von diesen 300 Frauen haben rund 100 Kinder. Es würde niemanden beim SkF wundern, wenn die Nachfrage weiter stark ansteigt. Die Tendenz weist jedenfalls in diese Richtung. Schätzungen zufolge haben 50.000 Menschen in Berlin keine Wohnung, vermutlich sind es mehr. Nicht alle übernachten in Notunterkünften oder Parks, in Hauseingängen oder unter Brücken. Etliche kommen eine Zeit lang bei Freunden, Bekannten, Verwandten unter, ziehen von einem Schlafplatz zum nächsten, betreiben Couch-Surfing.

Vor allem Frauen versuchen zu kaschieren, dass sie kein eigenes Zuhause haben, achten auf ihr Äußeres, bewegen sich unauffällig durch den Alltag. Manche haben Arbeit, die allerdings nicht genug einbringt, um auf dem Berliner Mietermarkt konkurrenzfähig zu sein. An Anlaufstellen wie den SkF wenden sich die meisten erst, wenn es gar nicht mehr anders geht.

In einem Jahr 100 Euro mehr Miete: Für Sandra nicht zu schaffen

Sandra hat immerhin ihre Eltern in Berlin. „Ich besuche Mama und Papa regelmäßig.“ Sie sitzt auf einem Stuhl nahe der Balkontür. Wenn sie nach links schaut, sieht sie die Dächer der gegenüberliegenden Häuserreihe, Architektur der späten Zwanzigerjahre, im gleichen Stil errichtet wie das Gebäude, in dem sie untergekommen ist. Luftlinie nur ein paar Kilometer entfernt wohnt ihre Mutter, eine Frau in den Achtzigern. Der Kontakt ist nie abgerissen, auch während der zehn Jahre in den USA nicht. Den Rückflug in die Heimat hat die Mutter finanziert. Dass die Tochter ihre Wohnung verliert, konnte aber auch sie nicht verhindern.

Beinah klassisch für Berliner Verhältnisse lief das ab, 2018 in Reinickendorf. „Der Besitzer hat gewechselt und als Erstes die Miete um 50 Euro angehoben“, erzählt Sandra. „Das war noch zu machen.“ Sie wohnte im Hinterhaus, Parterre. Eines Tages ließ der Eigentümer die Fassade des Vorderhauses streichen. „Danach hat er den Preis noch einmal um 50 Euro erhöht. 100 Euro in einem Jahr, das war zu viel.“ Sandras Miete hatte damals das Jobcenter übernommen. Das stellte nun kategorisch fest: zu teuer!

Sie musste ausziehen, kam erst einmal bei der Mutter unter, aber das war keine Lösung, weil zu beengt. Sie suchte, fand nichts Finanzierbares, wechselte in eine Einrichtung der Diakonie für obdachlose Frauen in Kreuzberg, lebte zunächst in einem Doppelzimmer zusammen mit einer anderen Frau, dann allein auf acht Quadratmetern. Ihr Hab und Gut lagerte im Keller der Mutter, in Umzugskartons aufgestapelt. „Die dunklen Kisten da vorne“, sagt Sandra und zeigt auf die gegenüberliegende Wand: „Es sind sieben Stück mit Büchern und all solchen Sachen drin.“

Vor Sandra steht ein heller Karton. Sie benutzt ihn erst einmal als Tisch, bis sie einen richtigen hat. Hocker und Stuhl sind gespendet. Der SkF nimmt gut erhaltene gebrauchte Möbel gerne an, um bei Bedarf die Frauen im Projekt damit auszustatten. Der Lampenschirm, der über Sandra hängt, stammt ebenfalls aus dem Fundus. „Für den Anfang komme ich mit den Sachen gut zurecht.“

Deutsche Wohnen, Vonovia und das soziale Gewissen

Vor ihr auf dem Kartontisch ruht eine Tasse mit frisch gebrühtem Kaffee, der friedlich vor sich hin dampft. Sandras Wohnung verfügt über einen Elektroherd mit Ceranfeld, außerdem über einen Kühlschrank. „Die Deutsche Wohnen hat mich gefragt, ob ich die zwei Geräte haben will.“ Die Deutsche Wohnen ist Sandras Vermieter und einer der Partner des SkF, der sich mit einem Kooperationsvertrag an das Projekt Housing First für Frauen gebunden hat. Einen solchen Vertrag schloss auch die Vonovia ab, ebenfalls ein großer börsenorientierter Konzern. Beide werden regelmäßig für ihren Umgang mit Mietern kritisiert, bei Housing First scheinen sie ein soziales Gewissen zu zeigen.

„Außerdem möchte eine Genossenschaft mit uns eine Kooperation eingehen“, sagt Esther Köb. Sie ist bei Sandra zu Besuch. Köb verantwortet bei Housing First für Frauen die Akquise der Wohnungen. „Viele landeseigene Unternehmen sind uns gewogen. Mit der Degewo zum Beispiel kamen schon Mietverträge zustande.“ Private Eigentümer seien ebenfalls willkommen. „Wir würden auch WG-Zimmer vermitteln“, sagt Köb. „Manche der Klientinnen möchten ja gern mit jemandem zusammenwohnen.“ Und manche halten es nicht lange in vier Wänden aus.

Wie jene Frau, die massive psychische Probleme bekam. Sie war eine von lediglich zwei Teilnehmerinnen während all der Jahre, die das Projekt verließen. „Die andere Klientin zog zu ihrem Freund in die Wohnung.“ Köb lächelt vielsagend – das war dann mal eine andere Art von Erfolgserlebnis.

Esther Köb ist eine von sieben hauptamtlich Beschäftigten bei dem Projekt. Vier Sozialarbeiterinnen kümmern sich um die Mieterinnen und setzen sich regelmäßig mit Bewerberinnen in Verbindung, um zu erfahren, ob die noch interessiert sind. Eine Sozialassistentin ergänzt das kleine Team, eine Psychologin kommt jetzt dazu. Köb steht mit den Anbietern in Kontakt, von denen die Deutschen Wohnen bisher sehr aktiv ist.

Deutsche Wohnen sucht nach passenden Mieterinnen

Der Konzern schickt Exposés, fragt, ob für die jeweiligen Räumlichkeiten und die Lage geeignete Mieterinnen auf der Warteliste stehen. So fand man die Wohnung für Sandra. „Es passte haargenau, allein schon wegen der Nähe zur Mutter“, sagt SkF-Mitarbeiterin Köb. Auch der Preis stimmt: 449 Euro monatlich für 42 Quadratmeter. „Die zahlt das Sozialamt.“ Sandra bezieht Grundsicherung und eine kleine Rente.

„Die Miete ist sehr günstig im Vergleich zu dem Preis für die acht Quadratmeter, die ich in Kreuzberg hatte“, sagt die ehemalige Obdachlose. Die Kosten für eine solche Unterbringung können bis zu 1200 Euro im Monat betragen. „Das macht das Konzept von Housing First so interessant“, sagt Esther Köb.

Die Solidargemeinschaft spart Geld, das für andere soziale Projekte verwendet werden kann. Sie profitiert direkt von der niedrigen Miete und indirekt davon, dass die Teilnehmerinnen über eine feste Bleibe leichter in ein geregeltes Leben zurückfinden. Der Senat prüft derzeit, ob er in absehbarer Zeit weitere Angebote wie jenes des SkF fördert.

„Ich freue mich für jede, die eine Wohnung findet“, sagt Sandra. Sie weiß, wie sich das anfühlt, wenn der erlösende Anruf kommt. Bei ihr kam er im vorigen Sommer. Sie lebte inzwischen seit einem halben Jahr in einer anderen Einrichtung, in Alt-Moabit. „Nur ein paar Straßen von dem Haus entfernt, in dem ich aufgewachsen bin. Das ist doch verrückt, oder?“

Ehemalige Obdachlose Sandra: „Endlich ein eigenes Bad!“

In Sandras Stimme schwingt Aufregung mit. Vielleicht klang es ähnlich, als sie „Ja“ gesagt hat. Laut vernehmlich „Ja“ zu der Wohnung in Pankow, bei einem Besichtigungstermin, zu dem eine zweite Bewerberin aus dem Projekt erschien. „Die stand vor mir auf der Warteliste. Hätte sie gewollt, wäre ich raus gewesen.“ Doch sie wollte nicht.

Sandra steht von ihrem Hocker auf, mühsam, sie stöhnt leise. „Mein Bein“, sagt sie entschuldigend. „In letzter Zeit habe ich Probleme beim Gehen.“ Die Treppen hinauf in den vierten Stock schaffe sie trotzdem gut. Hinauf in ihr neues Zuhause, das frisch renoviert ist und ein Bad hat. „Endlich ein eigenes Bad!“

Richtig gemütlich soll alles werden. Wenn erst einmal die Möbel da sind; ein Tisch, ein Schrank, vielleicht ein paar Stühle, ein Regal. Sie wird Bilder aufhängen. Einen Fotodruck hat sie bereits, eine Spende auch er: die Brooklyn-Bridge, Leinwand auf einen Rahmen gezogen. Genügsam lehnt er in der Küchenzeile an der Wand, eine geparkte Erinnerung an die USA, die Jahre mit ihrem Mann. „Der war bei der Army.“

Irgendwann wird auch der Schnappschuss von 1992 seinen festen Platz bekommen, ganz bestimmt. Noch muss Sandra ihn jedes Mal wegnehmen, wenn sie auf ihren kleinen Balkon hinaus möchte. Dann ist es, als würde sie ihr bisheriges Leben für einen Moment zur Seite legen.