Berlin - Alle Menschen haben Haare, irgendwie, irgendwo, aber nicht alle Menschen tragen ein Arrangement auf dem Kopf, das irgendwann auch als Frisur zu erkennen wäre. Das war schon vor der Pandemie so. Und nach elf Wochen Schneideverbot erst recht. Zuletzt waren da so einige ausgefranste Coronamatten unterwegs, vorne lang, hinten länger, struppige Lockdownlandschaften türmten sich auf, widerspenstige Wirbelstürme tobten über die Kopfhaut. Man sah hier eine samsonstarke Mähne, dort einen rapunzellangen Zopf unter einer ausgebeulten Mütze hervorbaumeln.

Und dann gab es all die Verdachtsfälle, also die Leute, die obenrum um ein paar Haaresbreiten zu ordentlich aussahen. Die vielleicht jemanden kannten, der jemanden kannte, der in der Lage war, eine Schere ohne erhöhte Lebensgefahr zu bedienen oder auch mal schwarz zu frisieren – im fensterlosen Kellergewölbe eines Quergebäudes, dritter Hinterhof. Diese Leute liefen dann schamlos durchs Stadtbild, tauchten in Talkshows auf und auffällig oft im Fußballstadion, wo man in Vorpandemiezweiten zwar Geißböcke oder Adler antreffen konnte, aber, um im Tierbild zu bleiben, keine schwarzen Schafe.

2300 Friseursalons, Barbershops und Coiffeurläden machen auf

An diesem Montag durften sich wieder alle offiziell die Haare schneiden lassen. Endlich! Endlich? Es war ja nicht so, dass die Leute überall Schlange standen vor den 2300 Friseursalons, Barbershops, Coiffeurläden in Berlin. Und auch nicht so, wie das Internetportal Der Postillon behauptete: „Mann sagt Impftermin ab, weil er zeitgleich einen Friseurtermin bekommen hat.“ Eher so, dass der Alltag sich ein wenig normaler anfühlte. 

Uwe zum Beispiel, der in Lichtenberg wohnt, aber in Kreuzberg arbeitet, war der erste Kunde, der um viertel nach elf Platz nahm im „Salon Eisfeld“, er blickte in den Spiegel vor sich und bat um eine Korrektur seiner Kurzhaarfrisur. Fachbegriff: Fassonschnitt. Das ist ein Männerklassiker, ein fließender Cut für jedes Alter, mit dem auch ein Endvierziger wie Uwe nichts falsch machen kann. Früher hatte er schulterlanges Haar, heute hat er diese Stelle, die in Wuchsrichtung gekämmt werden muss, sonst stehen die Haare ab, als wären sie Spikeproteine.

Als Unternehmensberater, der seit Dezember kaum direkten Kontakt mit seinen Geschäftspartnern hatte, muss Uwe in den Videokonferenzen darauf achten, nicht als unseriös zu erscheinen. Haare machen bekanntlich Eindruck. Es gibt Studien, die belegen, dass wir von Frisur auf Mensch schließen, uns fragen: Ist er vertrauenswürdig oder gefährlich? Ist sie arm oder reich? So wie ich oder anders? Für Uwe ist der erste Friseurbesuch seit über drei Monaten also auch eine „Marketingmaßnahme“, wie er nur halb im Ernst sagt. Draußen, auf einem Schild neben der Ladentür, steht: „Das Haar liegt fein, das Glück ist dein.“

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Erster Arbeitstag nach elf Wochen: Elisabeth Eisfeld in ihrem Kreuzberger Salon.

Eine Stunde zuvor hatte Elisabeth Eisfeld ihren Salon betreten, Papierkram erledigt, sich einen Kaffee gekocht, eine Zigarette geraucht. Im Dreiviertelstundentakt hat sie am Wiedereröffnungstag Termine vergeben, bis Ende März ist sie ausgebucht. „Es ist“, sagt sie, „als würde ich einen neuen Laden aufmachen.“ Sie sei okay durch den Lockdown gekommen, einmal wurde ihr die Monatsmiete erlassen. „Guten Restart“ wünscht ein Nachbar, der das Nachbarhaus verlässt.

Seit sieben Jahren schneidet Elisabeth Eisfeld Haare im Kreuzberger Wrangelkiez, meist Stammkunden, die beim Warten Gameboy spielen können und hinterher ein Schokolinchen zugesteckt bekommen – oder auch mal zwei. „Ich muss mich erst mal an alles erinnern“, sagt sie halb im Spaß, als sie Uwes Wirbel zwischen die Finger klemmt. Haare machen nun mal Probleme. Gut also, dass es Menschen gibt, die diese Probleme wieder professionell an der Haarwurzel packen. Oder haben die Öffnungskritiker recht, die glauben, dass wir uns nur hübsch machen würden für die dritte Welle?

Friseurbesuche sind jedenfalls mehr als körpernahe und damit virusfreundliche Dienstleistungen, mehr als nur waschen, scheiden, föhnen, legen. Sie sind Teil unseres Soziallebens, wie es uns fehlt. Sie sind eine Plauderstunde, man spricht über die Kinder, den Hund, den letzten Urlaub oder Podcast. Viele ihrer Kunden kommen einmal im Monat, sagt Elisabeth Eisfeld, manche alle zwei Wochen. Uwe meint: „Wir reden immer über den ganz normalen Familienwahnsinn.“

Die Haare als Politikum im Wahlkampf

Friseurbesuche waren zuletzt aber auch ein Politikum, als die Lockdownlockerungslockrufe immer lauter wurden. Armin Laschet, CDU, vielleicht der nächste Bundeskanzler, sagte: „Für viele Menschen betrifft es fast ihre körperliche Gesundheit.“ Als könnte man an einem unbehandelten Haarschaden sterben, Trichoptilosis etwa, besser bekannt als Spliss. Laschet sollte doch wissen, das Ärzte hier nicht helfen können, die sangen ja schon 1996: „Mein Haar wächst pausenlos, frag nicht: warum denn bloß? Es schießt und sprießt und wächst, eben wie verhext.“

Und natürlich Markus Söder, CSU, auch vielleicht der nächste Bundeskanzler, der sagte, dass es für den einen „etwas mit Hygiene“ zu tun habe, „aber für den anderen etwas mit Würde“. Als wollte er den ersten Artikel des Grundgesetzes umschreiben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar – solange ihr nicht pandemiebedingt zu viele Haare wachsen.“ Ach, Haare, diese hornartigen, aus einem schuppigen Faserprotein bestehenden Fransen, die eine sprichwörtliche Neigung haben, sich selbst in der Suppe zu ertränken oder von Besserwissern gespalten zu werden. Von Politikern im Wahlkampf etwa.

Das Leben wird toll, hoffentlich, das ist die eigentliche Botschaft, die vom ersten Lockerungstag in Berlin ausgehen könnte. Und was uns bald schon wieder alles offen stehen wird! Nach dem Schraubdeckelschnitt beim Friseur werden wir vielleicht bald die lang ersehnte Nagelkorrekturspangentherapie samt Hornhautentfernung beim Podologen buchen (wie bereits im Saarland möglich), dann werden die Baumärkte aufmachen (wie in Bayern), wo einem endlich jemand den Unterschied zwischen Schnellbauschrauben und selbstbohrenden Flügelschrauben erklären kann, und dann, auf dem Rückweg, werden wir bei der Baumschule eine niedrigwachsende Igelfichte kaufen (wie in Thüringen). Für die Wartezeit ein kurzer Witz: Geht ein Cowboy zum Friseur. Kommt er wieder raus: Pony weg!