Wer Berlin am Wochenende Richtung Norden verlassen will, steht meistens im Stau. Nach unendlichen Stunden im Mietwagen ist man endlich im Häuschen der Freunde angekommen. Stolz zeigen sie den Garten, die Scheunen, die Schuppen, die Ställe, die Speisekammern und die Flaschen mit selbstgemachtem Pflaumenmost, mit den Walnüssen vom eigenen Baum, den Kompottgläsern, den getrockneten Pilzen. Ja wirklich, alles ganz toll. Sofort riesiger Hunger. Noch größer aber ist: die Müdigkeit. Kaum hat man das Gästebett gezeigt bekommen samt Daunenfederinletts und geblümter Bettwäsche von Oma, will man sich sofort da hineinlegen und das ganze Wochenende verschlafen.

Das sei der Sauerstoffschock, erklärt der Gastgeber. Die frische Landluft. Die Landlebenreizüberflutung nach dem Stadtleben zwischen Abgasen, Autolärm, Supermarkt, Büro und Stammkneipe. In der Stadt ist man immer wach, auf dem Land immer müde.

Man nimmt auf dem Land so vieles wahr, den Dunst auf den Äckern und das feuchte Laub auf der Wiese. Man hört die Motorsäge des Nachbarn, der ausgerechnet am Wochenende seinen Carport bauen muss, oder die Dorfjugend, die auf Mopeds um den Kiessee heizt.

Keine Espresso-Siebträgermaschinen

Aber man darf noch nicht schlafen. Erstmal spazieren gehen, den Ofen anheizen, Äpfel aufsammeln, die Pferde auf der Koppel streicheln, Abendessen kochen, das regionale Bier trinken – und dann ist es doch schon wieder so spät geworden und man wirft sich mit Brummschädel ins Gästebett. Nachts schläft man schlechter als gedacht, wegen zu viel Alkohol, und weil's kalt ist und zu dunkel und zu still im Zimmer.

Am nächsten Morgen kommt man kaum aus den Federn, bekommt keinen ordentlichen Kaffee (auf dem Land gibt es keine Espresso-Siebträgermaschinen). Blass macht man sich nützlich, hackt Holz, zupft Rucola, hilft bei der Zucchiniernte, harkt Laub und fährt es mit der Schubkarre ans Ende des Gartens an die kaputte Stelle am Zaun. Man bewundert die Aussicht, die Landschaft, das neue Dach. Bekommt die reparaturbedürftigen Fenster gezeigt und das Baumaterial unter der Plane. Ja, es ist noch viel zu tun, und es ist trotzdem sehr schön.

Endlich wieder Großstadt

Nach dem Mittagessen muss ein kleines Schläfchen sein, dick eingemummelt auf der Gartenliege in der Sonne. Derweil geht der Gastgeber joggen, besucht die Nachbarn, schleift die alte DDR-Hollywoodschaukel mit Sandpapier ab, harkt noch mehr Laub von der Wiese, kocht noch mehr Kompott, baut neue Scharniere an die Schuppentür und sammelt noch mehr Walnüsse auf.

Man erwacht, erhebt sich pflichtbewusst, bekommt noch einen Pulverkaffee, wäscht ab, fegt die Küche – und dann sitzt man auch schon wieder im Mietwagen auf dem Weg in die große Stadt. Steht im Stau, wirft sich zu Hause in die Wanne, schläft dort fast ein, fällt todmüde ins Bett und erwacht am Montagmorgen – erfrischt und ausgeruht in der geliebten Großstadt.