Berlin - Auch für Geräusche gilt: Erst ihr Fehlen ruft in Erinnerung, wie wohltuend sie waren. Die Stille des Schulhofes klingt krank. Früher füllten Stimmen und knallende Bälle das Areal. Nun sieht es mich an wie ein Patient, den man bat, seine Stimme zu schonen. Vorwurfsvoll. Im Hintergrund höre ich das Feixen der Geschichte.

Natürlich werden gleich Kinder aus den Türen treten, kleine Gruppen, die Abstand halten sollen und das nicht können. Sie haben winzige Magnete unter der Haut, die sie unaufhörlich in Richtung der anderen ziehen. Daran können auch die Flatterbänder nichts ändern, die das Gelände wie einen Tatort aussehen lassen. Vor meinem inneren Auge sehe ich eine Kreidefigur auf dem Asphalt. Sie zeigt die Umrisse der Leichtigkeit. Zeugen der Anklage sind die Vereinsamung und abgemagerte Freundschaften. Sie erzählen von Kindern, die Hofpausen alleine verbringen. Als ich mit meinem großen Sohn einmal über Einzelgänger sprach, fiel das Wort „Eckenkind“. Ein Wort wie eine Träne, wie ein suchender Blick. Ein Wort aus Flatterband.

Was haben wir gestritten und gelitten, um unsere Kinder von den Bildschirmen fernzuhalten. Haben Bücher gekauft, Hörspiele und schöne Hefte. Was haben wir gepredigt und gesäuselt, wie wichtig die tägliche Nase frische Luft ist. Und haben sie ohne Murren zu Verabredungen gefahren. Auf dass sie soziale Wesen werden. Füreinander da sind. Streiten lernen und sich versöhnen. Am Mittwoch beginnt eine Art Normalität. Für zwei Wochen. Das ist gut, aber nichts ist normal an zwei Wochen Alltag.

Wenn die Gespensterhaftigkeit der vergangen 15 Monate mich schaudern lässt, denke ich an die Fotos, die ich aus dem Nachkriegsberlin kenne. Diese  zerkratzte, blutende Stadt. An die Menschen ohne Heim und die Kinder ohne Lehrer. Doch was ich auch sehe: Es ist eine Stadt mit Menschen darin. Und Kindern. Spielende Kinder, arbeitende Kinder und sich prügelnde Kinder. Eine Stadt ohne Kinder ist keine Stadt. Sie ist eine Kulisse. Oder, um bei den Motiven der Zeit zu bleiben: eine maskierte Stadt. Eine Stadt, die so tut, als wäre sie keine. Eine Stadt, die sich verleugnet.

Auch als eine solche Zeit werden diese Tage in die Annalen eingehen. Es waren die Tage,  an denen man die Kinder einsperrte. Plötzlich sollten sie lauter Dinge tun, von denen wir sie früher abgehalten hatten. Und ihre kleinen Gespenstergesichter sagten uns täglich, dass wir richtig gehandelt hatten.