Berlin - Jemand hat auf die Mauer an der Schillerstraße in Pankow geschossen. Die Kugeln haben runde Löcher hinterlassen, daneben klaffen Kanten, weil die Wucht der Einschüsse Teile der Steine abplatzen ließ. Später hat dann jemand anders Farbe auf die Mauer gesprüht. Unbeholfen wirkende Schriftzeichen, fast unleserlich. Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg, Graffiti aus der Gegenwart und über mehrere hundert Meter Backsteine in allen Schattierungen: rot, beige, braun, manche mit aparten Violett- und Rosatönen, deren Schönheit sich aus der Nähe erschließt. Eine ganz normale Berliner Mauer. Trotzdem ist sie etwas Besonderes. Denn hinter ihr verbergen sich Schätze. In einer Endstation der ganz speziellen Art.

Erste Hinweise gibt es, wenn man hinter der Haltestelle der Straßenbahnlinie M 1 nach rechts in die Dietzgenstraße abbiegt. Hinter einem Gitterzaun, auf einem großen, mit Kopf- und Schlackesteinen gepflasterten Platz, verästeln sich Gleise, um in zwei Hallen zu münden. Die Tore sind von 1 bis 27 durchnummeriert, Schilder fordern „Vor Einfahrt Halt“. In dem Pflasterstein-Meer ist ein Rondell abgezirkelt worden, auf dem Hecken und Fahnenstangen stehen. Alles wirkt akkurat, aber aus der Zeit gefallen. Keine Werbung, keine grellen Farben, nur gedeckte Farbtöne, wie sie in Jahrzehnten entstehen. Eine Kulisse wie aus einem Film über die 1950er Jahre, man müsste lediglich ein paar DDR-Flaggen aufziehen. Was hat es mit dieser Anlage auf sich?

Neben dem Rondell steht ein Mann, der den Besucher empfängt. „Das hier ist der Betriebshof Niederschönhausen, 1901 gebaut als Hof 3 der Groß-Berliner Straßenbahn, seit 1999 außer Betrieb“, sagt er. „Ein schönes Ensemble, nicht wahr?“ Der Mann geht durch das Tor mit der Nummer 27. Und ist plötzlich in einer anderen Welt. In einer Welt, in der Pferdebahnen zum Alexanderplatz fuhren und später Straßenbahnen bis nach Spandau.

Als der Nahverkehr der Stolz der Metropole Berlin war. Als noch Schaffner das Fahrgeld kassierten und nicht Handy-, sondern Brotwerbung die zahlreichen Fahrgäste unterhielt: „Schinken nützt nichts, Wurst und Ei, fehlt das Paech-Brot Dir dabei“. Im Dämmerlicht der denkmalgeschützten Hallen im Norden von Pankow entfaltet sich eine versunkene Welt. Die Welt des Berliner Nahverkehrs, wie er früher war.

Der Beginn einer Leidenschaft

Rund 50 alte Straßenbahnen, die größte Sammlung dieser Art in Deutschland, und diverse Busse stehen dort. Manche Fahrzeuge sind tadellos lackiert und blank geputzt, als warten sie auf die Ausfahrt. Einige kann man in der Tat mieten oder bei öffentlichen Rundfahrten kennenlernen (die nächste ist für den 22. September geplant). Andere wirken dagegen so verwittert, als hätten sie bis vor Kurzem als Gartenlauben gedient – was auch stimmt, wie sich später herausstellen wird.

Hinter der Mauer an der Schillerstraße versteckt sich die Sammlung historischer Fahrzeuge der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nebst anderen alten Vehikeln. Dort werden sie seit vielen Jahren ehrenamtlich betreut vom Denkmalpflege-Verein Nahverkehr Berlin, kurz DVN. Von Schweißern, Tischlern, Schriftenmalern, BVG-Mitarbeitern und BVG-Pensionären.

Einer der 35 Aktiven ist der Mann, der den Besucher hinein gebeten hat: Reinhard Demps, 74 Jahre alt, Ingenieur, Berliner.

„Das Virus hat mich erwischt, als ich Kind war“, erzählt er. Seine Begeisterung für den Schienenverkehr begann im Zweiten Weltkrieg, als private Reisen äußerst beschwerlich und offiziell unwillkommen waren. „Meine Mutter fuhr meinem Vater mit uns Kindern im Krieg hinterher: nach Ostpreußen, ins damalige Oppeln, nach Kelheim an der Donau. Bei diesen Reisen ist das Virus auf mich übergegangen.“ Die Bewegung, die verschiedenen Loks und Wagen, der Tanz der Telegrafenmasten und Leitungen, der sich vor dem Wagenfenster abspielte: All das faszinierte den Jungen. Bei diesen Reisen steckte ihn ein gutartiges Virus an, das Reinhard Demps bis heute nicht loslässt.

Nach dem Krieg konzentrierte sich das Interesse auf den Berliner Nahverkehr. Demps wuchs am S-Bahnhof Weißensee auf, der heute Greifswalder Straße heißt. Damals gab es in der zerbombten Stadt für Kinder nicht viele Zerstreuungen, keine Computer, keine Mobiltelefone, kein Fernsehen. Da waren die Straßenbahnen, die vor dem Haus Ecke Storkower Straße verkehrten, eine willkommene Abwechslung. „Ich hatte eine Monatskarte für sechs Mark, mit der durfte ich drei Linien benutzen.“ Mit der 74, die aus Weißensee kam, konnte er quer durch Berlin bis Lichterfelde fahren. Die Mauer gab es noch nicht. „Neben dem Fahrer stehen und die Stadt entdecken, das war schon was“, erinnert sich Demps. Das gutartige Virus breitete sich in ihm aus.

1967, Reinhard Demps war inzwischen Ingenieur für Eisenbahn-Betriebstechnik, traf er Gleichgesinnte. Menschen, die so dachten und fühlten wie er. Die ebenfalls ein Faible für den Berliner Nahverkehr hatten. Die Gruppe begann, historische Fahrzeuge zu betreuen, wiederaufzubauen und instand zu halten, um sie für die Nachwelt zu bewahren. „So fing es an“, sagt Demps.

Busfahren gegen den Krebs

Jeder seiner Mitstreiter hat seine besondere Geschichte. Klaus Schaber zum Beispiel. Der 67-Jährige, der jeden Mittwoch im Betriebshof arbeitet, ist eines der wenigen Vereinsmitglieder ohne DDR-Vergangenheit. Schaber hat eine Heilpraktikerausbildung absolviert, doch danach fuhr er lieber bei der BVG im Westen der Stadt 24 Jahre lang Bus. Bis heute hat er von Bussen nicht genug. Er nimmt den Weg von Tiergarten nach Niederschönhausen auf sich, um alte Doppeldecker zu pflegen und zu fahren. Es ist eine Passion, für die er dankbar ist, weil sie ihm aus einer Lebenskrise herausgeholfen hat. „Andere sammeln Briefmarken, ich fahre alte Busse. Das hat mich gesund gemacht, als ich schwer krank war“, sagt er.

Vor fünf Jahren erkrankte Klaus Schaber an Magen- und Speiseröhrenkrebs. Es sah nicht gut aus für ihn. „Nach einer solchen Diagnose gehen die meisten nach Hause, legen die Beine hoch und warten aufs Sterben.“ Er fuhr Bus, wann immer es während der Behandlung möglich war. Auf den Fahrersitz schwingen, den Anlasser betätigen, das Gaspedal treten, das gehörte zu seiner Therapie. Jüngst war Schaber wieder im Virchow-Klinikum. Dort erfuhr er von den Ärzten, dass die Krankheit überwunden sei. „Die Glückshormone haben mir geholfen.“

Klaus Schaber wirkt auch heute wie ein glücklicher Mann. Mit einem Lächeln steht er in der Halle, eine Goldkette um den Hals, eine abgetragene blaue Arbeitsjacke mit aufgenähtem Stern fängt den Schweiß auf. Dabei ist das Fahrzeug vor ihm kein Mercedes-Benz-Bus, sondern ein Doppeldecker aus Bautzen, der bis 1970 durch den Osten Berlins gerattert ist. Bus Nummer 929, Bauart Do 54, geliefert 1956. Er trägt seinen Dieselmotor vor sich her. „Ich wollte immer schon mal einen solchen Schnauzenbus fahren, das war mein Traum.“ Klaus Schaber hat sich diesen Traum erfüllt.

Was andere Busfahrer als harte Plackerei an antiquierter Technik empfinden würden, ist für ihn eine Wonne. „Dieser Bus hat null Lenkhilfen“, erklärt er. „Da sollten Sie schon gut gefrühstückt haben, bevor Sie es mit dem aufnehmen. Andere alte Busse zu fahren ist dagegen wie Urlaub.“ Einmal musste er den Doppeldecker voll besetzt auf einer schmalen Straße wenden. Das war ein Gefühl, als müsste man die 15 Tonnen höchstpersönlich bewegen, erzählt Schaber. „Die meisten Busfahrer von heute dürften so ein schönes Fahrzeug gar nicht steuern, denn dafür braucht man einen Schaltschein.“ Bald geht es wieder auf Tour. Von Berlin knapp 190 Kilometer weit nach Lenzen an der Elbe im äußersten Nordwesten des Landes Brandenburg. Sechs bis sieben Stunden wird Klaus Schaber am Steuer des Doppeldeckers sitzen. Er freut sich schon.

Neben ihm steht Michael Gräfe mit Werkzeug in der Hand. Auch er wohnt nicht gerade in der Nachbarschaft, doch auch ihm sind die alten Busse viele Mühen wert. „Ich wohne in Erkner“, sagt der 53-jährige Fahrzeugschlosser. 14 Jahre lang war Gräfe beim Kraftverkehr Gera, nun ist er seit vier Jahren im Verein. Der Bus 929, der aus unbekannten Gründen einst den Spitznamen Hugo erhielt, hat es ihm ebenfalls angetan. Er klopft gegen die Karosserie. „Hören Sie mal: Das ist Hartholz, mit Blech verkleidet.“

Für Michael Gräfe haben die Arbeit in der Werkstatt und die Ausfahrten etwas Sinnliches. „Zum Beispiel der Klang: Wenn der Bus voll ist, hörst Du den Motor schnaufen.“ Und dann die Vibrationen, die auch den maximal 52 Fahrgästen in Mark und Bein gehen. Starke Eindrücke. „Die kann man schwer erklären.“ Gräfe genießt es, wenn sich diese Eindrücke auch anderen Menschen mitteilen. „Als wir mit dem Doppeldecker über den Gendarmenmarkt gefahren sind, haben die Passanten geklatscht.“ Eine Erfahrung, von der heutige BVG-Busfahrer nicht berichten können.

„Es wird aussterben, das Wissen“

„Bei den alten Bussen können Sie noch alles selbst machen. Da braucht man kein Laptop wie bei den modernen Fahrzeugen“, sagt der Mann aus Thüringen. Gräfe freut sich, dass er sein Wissen mit anderen teilen kann. „Ich möchte die alte Technik für andere erlebbar machen. Kniffe weitergeben, die heute kaum noch jemand kennt.“ Doch er bezweifelt, dass seine Anstrengungen von dauerhafter Wirkung sind. „Es wird aussterben, das Wissen. Das finde ich traurig.“

Michael Gräfe ist nicht allein in den alten Betriebshof gekommen, auch seine Ehefrau ist da. Veronika Gräfe war früher Zerspanungs-Facharbeiterin, jetzt arbeitet sie als Ergotherapeutin. Während des Urlaubs packt sie bei den Bussen mit an. „Das hier ist ein schöner Ausgleich für mich“, sagt sie. Veronika Gräfe ist eine der beiden Frauen im Denkmalpflege-Verein Nahverkehr, der immerhin rund 200 Mitglieder hat. Die andere Frau betreut die Internetseite. Warum gibt es in dieser Szene nur so wenige weibliche Enthusiasten? „Die alten Busse und Bahnen sind Jungs-Spielzeug in 1:1.“

Und was für welches! Reinhard Demps und Olaf Bade, der Vorsitzende des Vereins, übernehmen die Führung durch den Betriebshof. Ganz hinten in der alten Halle steht ein filigranes Wägelchen mit gerade mal 20 Sitzplätzen, das trotzdem 5,2 Tonnen wiegt. Es handelt sich um den Wagen 573 der Großen Berliner Pferdeeisenbahn, Baujahr 1883. Einst wurde er von zwei Pferden gezogen. Während die Tiere alle drei Stunden ausgewechselt wurden, damit sie in Ruhe fressen und trinken konnten, mussten die Kutscher zwölf Stunden lang bei Wind und Wetter auf dem Bock ausharren. Zuletzt war der Zweiachser bei der Pferdebahn in Werder im Einsatz. 1926 landete das Fahrzeug auf einem Gartengrundstück am Zernsee, wo es bald in Vergessenheit geriet.

Das änderte sich erst sechs Jahrzehnte später, erzählt Reinhard Demps. „Ein Vereinsmitglied, der Pastor in Caputh war, erzählte uns, dass in seiner Gegend irgendwo ein Berliner Pferdebahnwagen stehen soll. Mit meiner Frau machte ich mich mehrmals im Trabant dorthin auf, aber wir fanden nichts.“ Doch er ließ nicht locker. 1987 kam der entscheidende Tipp: Der Wagen befindet sich in einem Garten in Werder. Demps fuhr hin, ein Verhandlungs-Marathon mit der Eigentümerin begann. Endlich wurde man sich handelseinig: Für 35 Reichsmark in alten Banknoten wechselte das Kleinod den Besitzer. „So viel hatte der Wagen gekostet, als er verkauft wurde“, sagte Demps. Das Fahrzeug wurde aufgearbeitet, 1990 rollte es erstmals nach langer Zeit wieder durch Berlin. Allerdings nur mit einem Pferd.

Der Bus war einst ein Gartenhaus

Der kleine Wagen hat eine Geschichte, die für viele Schätze in der Niederschönhausener Sammlung typisch ist. Nicht weit entfernt steht ein Straßenbahnfahrzeug von 1898, ein „Sommerwagen“ ohne Fensterscheiben für den luftigen Fahrgenuss. Er diente in einem Kleingarten in Niederschöneweide als Laube, bis er von Vereinsmitgliedern entdeckt und gekauft wurde. Der Doppeldeckerbus Hugo, an dem Klaus Schaber und Michael Gräfe herumschrauben, war zwischendurch jahrelang ein zweistöckiges XXL-Gartenhaus, erst in Basdorf, dann in Marzahn. Olaf Bade zeigt auf das dunkle Gerippe eines alten Berliner Oberleitungsbusses, das im Zwielicht der alten Halle nicht auffällt. „Das war mal ein Hühnerstall“, sagt der 50-jährige Ingenieur.

Die Vereinsmitglieder sind stolz darauf, dass sie viele historische Fahrzeuge gerettet haben und die ihnen anvertrauten Sammlerstücke gut in Schuss halten. Am 7. und 8. September führen sie wieder Interessierte durch den Betriebshof. Sie beteiligen sich an den Vorbereitungen zum Jubiläum 150 Jahre Straßenbahn in Berlin, das 2015 gefeiert werden soll. Die Mitglieder leisten nicht nur ehrenamtliche, oft schmutzige Arbeit, sie investieren auch viel Geld. Ihr eigenes Geld. „Als wir bei einem Doppeldeckerbus die Hinterachse austauschen mussten, wurden rund 12 000 Euro fällig“, erzählt Michael Gräfe. Nur ein Beispiel von vielen.

Woher kommt der Enthusiasmus? „Nostalgie ist normal“, sagt Reinhard Demps. Es gehe auch um Sehnsucht. Sehnsucht nach einer anderen, vergangenen Normalität. Als Fensterscheiben von Bussen und Bahnen noch nicht mutwillig zerkratzt wurden. Als es noch keine Graffiti und keine S-Bahn-Krise gab. Als noch kein Kunststoff und kein knalliges Gelb das Bild des Berliner Nahverkehrs beherrschten. „Bei uns dominieren Holz, Glühlampen, Leder, Messing. Das ist Kunst. Gestaltungskunst“, sagt Demps. Die Bewunderung für schöne alte Technik treibt auch andere Fans an. Die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin, die alte BVG-Busse sammelt, befährt mit einem historischen Doppeldecker die Linie 218 durch den Grunewald sowie zur Pfaueninsel. Der Verein Historische S-Bahn Berlin lässt alte Wagen aufarbeiten, ebenfalls ausschließlich mit eigenem Geld und mit Spenden.

Sicher, manches, was früher im Nahverkehr dieser Stadt als normal galt, würde heute nicht mehr akzeptiert. Dass die Oberdecks bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts für Frauen tabu waren. Oder dass in Bussen und Bahnen geraucht werden durfte (in den oberen Etagen der BVG-Doppeldecker bis 1974). Doch bei den Vereinsmitgliedern überwiegt die Anerkennung dessen, was Berlin einst im Verkehrswesen geleistet hat, damit die Mobilität mit dem Aufstieg zur Weltstadt Schritt halten konnte.

Was bleibt, ist Melancholie. Die DVN-Leute haben nicht selten den Eindruck, dass sie mit ihrer Begeisterung so ziemlich allein sind. „Ich wünsche mir, dass die Sammlungen in der Öffentlichkeit mehr beachtet werden“, sagt Demps. Nicht nur Frauen, auch junge Leute sind in der Szene selten. Wird sich in 50 Jahren noch jemand um die Schätze hinter der Mauer an der Schillerstraße in Pankow kümmern? Reinhard Demps denkt lange nach, bevor er antwortet, er möchte nicht deprimiert wirken. „Wir hoffen es“, sagt er schließlich. Besonders überzeugt klingt das nicht.