Berliner Energie-Experte: „20 Grad sollten das Maximum für Wohnräume sein“

Georg Rodriguez berät seit fast 30 Jahren Firmen und Haushalte. Er erklärt, was jeder sofort tun kann, um Gas und Strom zu sparen – und was sich langfristig lohnt.

Georg Rodriguez, Diplom-Ingenieur und Energieeffizienz-Experte.
Georg Rodriguez, Diplom-Ingenieur und Energieeffizienz-Experte.Sabine Gudath

Georg Rodriguez ist Energieeffizienz-Berater in Berlin. Seit Jahrzehnten begleiten er und die Firma Mutz, deren Geschäftsführer er ist, sowohl öffentliche als auch private Auftraggeber. Sie erklären Besitzern von Einfamilienhäusern, Mehrfamilienhäusern, Wohnungsbaugesellschaften oder Unternehmen, wie sie Energie einsparen können. Seitdem in Deutschland das Gas knapp und teuer wird, boomt ihr Geschäft.

Herr Rodriguez, Ihre Branche ist gefragt wie nie. Wie gehen Sie damit um?

Wir machen das seit 1994 – so groß wie jetzt war der Druck tatsächlich noch nie. Unsere Kunden reagieren auf den Energiepreisanstieg. Und: Es gibt den Willen, dass man weg vom Gas kommt und nicht mehr von Russland abhängig ist. Die Klimakrise motiviert natürlich auch viele. Aber die Energiepreiserhöhungen sind das, was die ganze Sache im Moment am allermeisten antreibt. Nun sortiert man so ein bisschen seine Aufträge – was man annehmen kann und was nicht. Man versucht auch maximal die Aufträge zu bearbeiten, insbesondere die alten Kunden zu bedienen – und man versucht neues Personal dazuzugewinnen. Aber das ist momentan ja auch nicht so leicht.

Was sind gängige Aufträge, mit denen die Auftraggeber zu Ihnen kommen?

Häufig geht es um Umstellung von Gasheizung auf Wärmepumpen, viele wollen weg vom Gas und brauchen da eine Energieberatung. Wenn wir über Gebäude ohne Wohnungen reden, geht es auch oftmals darum, wie man Energie sparen kann. Da helfen kleinere Einstellungsmaßnahmen, kleinere Umbaumaßnahmen, verändertes Nutzungsverhalten. Heute habe ich auch wieder eine Anfrage für ein größeres Bürogebäude erhalten. Die Frage da lautet: Wie kann man, im ersten Schritt, die Energieverbräuche ohne größere investive Maßnahmen reduzieren?

Und, was haben Sie geraten?

Eine Heizungsanlage modernisieren geht bei den momentanen Lieferzeiten natürlich nicht innerhalb von Wochen. Eine kurzfristige Maßnahme wäre der hydraulische Abgleich der Heizungsanlage. Da muss man gegebenenfalls neue Heizkörperventile installieren und einstellen, um eine gleichmäßige Verteilung des Heizungswassers sicherzustellen. Diese Ventile haben kürzere Lieferzeiten. Da hab ich auch schon Kunden gehabt, die das jetzt zur Vorbereitung auf den Winter noch gemacht haben. Beleuchtungsanlagen modernisieren, sowas ist auch kurzfristig möglich. Aber grundsätzlich: Die Energieverbräuche analysieren und unnötige Energieverbräuche abstellen ist das Wichtigste, was Kunden auch schnell umsetzen können. Ein Beispiel: Klimaanlagen für Serverräume. Die müssen nicht auf 22 Grad runtergekühlt werden. Man kann einen Serverraum meistens auch bei 26 Grad betreiben.

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Sabine Gudath
Zur Person
Georg Rodriguez ist Diplom-Ingenieur und Geschäftsführer der Mutz Ingenieurgesellschaft. Hauptgeschäftsfelder des Unternehmens sind die Modernisierung von Energieanlagen in Gebäuden und die Energieberatung bei Wohn- und Nichtwohngebäuden. Der 56-Jährige ist Energieeffizienz-Experte für die Förderprogramme der BAFA und der KfW.

Wie heizt man denn effizient?

Effizient heizt man, indem man immer nur bedarfsgerecht heizt. Also dort, wo die Wärme gerade gebraucht wird, und nicht so auf Vorrat oder durchgehend, sondern zu den Stunden, in denen man in der Wohnung ist, und auch nur Räume, die Wärme brauchen. Grundsätzlich werden wir da noch mal ein paar Grad runtergehen müssen. Jedes Grad, das wir absenken, spart ja so ganz grob gesagt sechs Prozent Energiekosten.

Wie viel Grad sollte eine Wohnung haben?

Das hängt individuell davon ab, was jeder noch so als Komfort toleriert. Aber ich würde sagen, 20 Grad sind das Maximum, auf das wir Wohnräume, die wir nutzen, heizen sollten. In unserem Büro haben wir uns für diesen Winter 19 Grad vorgenommen.

Viele Menschen drehen vor dem Schlafengehen die Heizung herunter und morgens wieder auf. Oder drehen Sie tagsüber, wenn Sie das Haus verlassen, runter und abends wieder rauf. Ist das effizient?

Jede Stunde, in der wir eine geringere Raumtemperatur haben, spart Energie. Natürlich brauchen wir dann nachher wieder Energie, um den Raum wieder aufzuheizen, aber weniger als dafür, ihn die ganze Zeit warm zu halten. Bei einem hoch gedämmten Gebäude kann das anders sein. Generell gilt: Die Temperatur absenken, wo immer möglich. Das spart Energie, auch wenn nachher wieder aufgeheizt werden muss.

Was halten Sie von Politikertipps wie Waschlappen benutzen oder kürzer duschen?

Das ist die neue Realität. Viele Menschen haben ja noch die alten Verträge, das heißt, im Moment sind ihre Energiepreise noch gar nicht gestiegen. Aber irgendwann wird das passieren. Und da sind das natürlich Tipps, die jeder beherzigen sollte, der aufs Geld schauen muss oder das Klima schonen will.

Die Bundesnetzagentur ruft ja deutlich zum Gassparen auf. Sie auch?

Selbstverständlich. Schon wegen der Klimakrise. Aber jetzt sind wir eben auch in der Situation, in der wir kein Gas mehr aus Russland beziehen können und auch nicht mehr wollen. Wir wollen auch unseren Teil dazu beitragen. Und um die Gasmangellage nicht eintreten zu lassen, müssen wir beim Verbrauch sparen, damit weiterhin alle versorgt werden können.

Aber die Speicher sind ja voll.

Ja, aber der Winter steht bevor. Und die kalten Tage kommen dann im Januar, Februar, die letzten Jahre bis in den März hinein, dann werden wir deutlich höhere Energieverbräuche haben. Nur mit den Speichern kommen wir nicht über den Winter, wir müssen sparsam mit dem Gas umgehen.

Was ist effizienter: Wärmeflasche oder Heizdecke?

Die Wärmflasche einmal zu füllen, kostet eine Zehntel Kilowattstunde Energie. Wenn ich eine Heizdecke habe, kann ich die damit eine Stunde betreiben. Ich würde sagen, man kommt mit einer heißen Wärmflasche länger hin als eine Stunde.

Was bringt ein Teelichtofen?

Die Feuerwehr warnt davor wegen der Brandgefahr. Wenn man eine Kerze anmacht, erhöht sich die Raumtemperatur leicht, das sollte man ruhig weitermachen und ein bisschen intensivieren, aber eben nicht übertreiben. Klimaneutral sind aber nur Bienenwachskerzen oder Kerzen aus Pflanzenölen. Und kostenlos sind Kerzen natürlich auch nicht.

Wer jetzt ein Haus bauen will, achtet wahrscheinlich noch stärker auf Energieeffizienz. Wovon raten Sie ab und was empfehlen Sie?

Ich empfehle natürlich zukunftsgerecht zu denken, die Energiepreise werden immer weiter steigen. Das Intelligenteste, was man machen kann, ist, ein Gebäude zu bauen, das einen geringen Energiebedarf hat, also eine sehr gute Wärmedämmung. Das letzte Bisschen, was man dann noch braucht, um es zu beheizen, ist am effizientesten mit einer Wärmepumpe zu decken. Das in Kombination mit einer Solaranlage zur Stromerzeugung, dann ist man, zumindest teilweise, unabhängig von all den Energieturbulenzen, die da noch auf uns zukommen.

Sie haben auch immer die Klimakrise mit im Blick.

Jeder, der das Wetter so ein bisschen verfolgt, weiß, was da passiert. Wenn das noch viel schlimmer wird, wird das Leben auf unserem Planeten nicht mehr lebenswert sein. Das ist die drängendste Frage im Moment. Abgesehen natürlich von Krieg und Frieden.

Viele Menschen haben Angst vor einem Blackout. Wie ist es aus Ihrer Sicht um die Stromversorgung in Deutschland bestellt?

Ich mache mir da nicht so große Sorgen. Die Stromerzeugung fand im letzten Jahr nur zu 15 Prozent mit Erdgas statt, sodass es ein kleiner Anteil ist, den wir kompensieren müssen. Das ist auf jeden Fall machbar. Ich glaube auch, dass unsere Energienetze sehr gut gewappnet sind. Ich habe eine Wette mit Freunden laufen, dass wir in diesem Winter, wenn überhaupt, nicht länger als eine Stunde ohne Strom sind. Wichtig ist nur, dass wir auch hier sparsam bleiben und jetzt nicht anfangen alle mit Elektroradiatoren zu heizen. Noch ist Strom ja auch teurer als Erdgas.

Sie beraten auch Unternehmen. Haben die Angst vor einem Blackout?

Bei den Unternehmen sind die steigenden Energiepreise die größte Sorge. Da muss man jetzt reagieren. In den letzten Jahrzehnten hatten wir sehr günstige Energiepreise, nun wachen auch die letzten Unternehmen auf und sagen, wir müssen was tun. Es gibt eine große Nachfrage nach Photovoltaikanlagen. Auch nach Blockheizkraftwerken, die Strom und Wärme kombiniert produzieren.

Im Zuge der Corona-Krise haben viele Unternehmen Lüftungsanlagen installiert. Die brauchen ja auch Strom. Jetzt sollen sie auf energieeffizient umstellen. Passt das zusammen?

Eine Lüftungsanlage ist, wenn es sich um eine Zu-und-Abluft-Anlage handelt und sie über eine Wärmerückgewinnung verfügt, energieeffizient. Wenn sie keine Wärmerückgewinnung hat, dann würde ich sie bedarfsgerecht betreiben. Wir brauchen gute Luft in unseren Räumen.

Wie schauen Sie in die Zukunft – nach diesem Winter?

Wir müssen jetzt schnell modernisieren und uns zukunftsfähig machen. Da brauchen wir Wind- und Solarenergie – und zwar massiv. Das Ziel ist, dass wir zukünftig so viel Überschüsse aus Wind- und Solargewinnung haben, dass wir daraus auch erneuerbares Gas herstellen können, Wasserstoff oder Methan. Wer sich ein bisschen umguckt in der Landschaft und auf den Dächern, der weiß, dass da noch ein großes Potenzial ist.