Berlin-Tegel - Am Flughafen Tegel scheiden sich in Berlin die Geister: Hier die Nostalgiker, die Tegel gerne und vor allem um jeden Preis offen lassen möchten, dort die Schließbefürworter, die betonen, dass ein Weiterbetrieb des Flughafens trotz erfolgreichen Volksbegehrens nicht realistisch ist. Kaum ein Thema ist in der Hauptstadt emotionaler besetzt. Längere Zeit war es still um Zukunft und Nachnutzung des Flughafens TXL. Zuletzt hatte die Berliner Clubszene den Flughafen im Auge. 

Fakt ist nun: Es tut sich was in Tegel. Am Montag stellte die Tegel Projekt GmbH das neue Energiekonzept für den Forschungs- und Industriestandort Urban Tech Republic und das Schumacher Quartier vor, die entstehen sollen, wenn der alte Flughafen in Tegel seinen Betrieb einstellt. Die Berliner Stadtwerke und Eon werden das Areal über ein neuartiges Niedrigtemperaturnetz in Zukunft mit Wärme und Kälte versorgen. Umweltfreundlich, nachhaltig und innovativ, so kündigte es die Bietergemeinschaft an, die als Sieger aus einer EU-weiten Konzessionsausschreibung hervorgegangen ist.

Tegel: Energiekunde als Produzent

Es soll eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas werden, das auch die rund 5000 Wohnungen einbezieht, die im Schumacher Quartier entstehen werden. Diese neuen Wohnungen werden technisch so ausgestattet, dass sie mit dem neuen Wärmenetz korrespondieren. 60 Millionen Euro kostet dieses Energiekonzept für das gesamte Areal, das gebaut werden soll. Mit der Entwicklung und dem Management der Urban Tech Republic und des Schumacher Quartiers hat das Land Berlin die Tegel Projekt GmbH beauftragt.

Das sogenannte Low-Exergie-Netz (kurz: LowEx-Netz) hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber klassischen Fernwärmenetzen. Es arbeitet mit einer niedrigeren Betriebstemperatur, wodurch Wärmeverluste reduziert werden können, also auch Kosten. Laut Projektbetreiber sollen die Jahreskosten für Abnehmer von LowEx-Wärme bei Berlin TXL deutlich unter denen vergleichbarer Fernwärmesysteme liegen.

Netz soll Energie aus Solaranlagen, Kraftwerken, Geothermie und Abwasserwärme vereinen

Zudem kann überschüssige oder selbst erzeugte Energie, beispielsweise Produktionsabwärme von Gewerbe- und Industriebetrieben oder Energie aus erneuerbaren Quellen, dem System zugeführt werden. Jeder Kunde ist also zugleich auch Produzent. Das Netz dient auch als Energie-Tauschplatz, denn es vereint dezentral die Energie aus Solaranlagen, Blockheizkraftwerken, Geothermie und Abwasserwärme.

„In der geplanten Größenordnung ist das LowEx-Netz weltweit einzigartig“, sagte Philipp Bouteiller, Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH. Mit einer Länge von zehn Kilometern sei das Wärmenetz das nachhaltigste Energiesystem, das wir kennen. 80 Prozent der gelieferten Wärme stammt aus erneuerbarer Energie. Man wolle mit der Kohlendioxid-Reduktion so „nah an die Null wie es geht“, betonte Bouteiller.

Ein Leuchtturm-Projekt

Berlin hat sich diesbezüglich viel vorgenommen – bis 2050 will die Stadt zur klimaneutralen Metropole mutieren. Ein Mammutprojekt wie in Tegel muss da natürlich als Avantgarde fungieren. So sieht es auch Jörg Simon, Vorstandschef der Berliner Wasserbetriebe. Als kommunales Unternehmen setze man auf einem für Berlin bedeutsamen Gelände ein Energiekonzept mit Leuchtturmcharakter um, erklärte Simon. Soweit der Plan für Tegel. Denn natürlich setzt das alles eines voraus: dass der Flughafen Berlin Brandenburg fertig wird. Bisher hält BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup am Termin fest: Im Oktober 2020 soll der neue Flughafen eröffnen. „Danach richten wir uns“, sagte Bouteiller.

Ein halbes Jahr nach der BER-Eröffnung soll Tegel geschlossen werden. Baubeginn ist der Sommer 2021 vorgesehen, man rechnet mit einer Bauzeit von drei bis fünf Jahren. Eon-Vorstandsmitglied Karsten Wildberger sagte, der Zuschlag durch das Land Berlin beweise, dass „klimafreundliche Lösungen sich auch wirtschaftlich durchsetzen können, wenn sie intelligent und innovativ entwickelt“ würden. „Für uns ist es das erste Netz einer völlig neuen Generation und ein wichtiger Schritt für die kommunale Energiewende“, sagte Wildberger weiter. Für Tegel-Fans sieht es also immer düsterer aus. Nicht nur stimmte das Abgeordnetenhaus im Juni für eine Schließung. Auch die FDP zögert: Ungewiss, ob die Liberalen noch mit einer Klage beim Verfassungsgerichtshof des Landes Berlin dem Volksentscheid zur Durchsetzung verhelfen wollen.