Energiesparen im Altbau: Wenn alle weniger heizen, muss einer mehr heizen

Die Deutschen sollen weniger heizen. Die Berliner Nachbarn unserer Autorin halten sich vorbildlich daran. Das bringt sie in eine missliche Lage.

Große Räume mit hohen Decken sind Energieschleudern. Da braucht es eine heiße Tass Tee zum Aufwärmen. 
Große Räume mit hohen Decken sind Energieschleudern. Da braucht es eine heiße Tass Tee zum Aufwärmen. imago/Westend61

Also, ich heize zu Hause kaum. Das war ein Satz, den ich in jedem Jahr sagte, ab Oktober ungefähr. Er gab mir ein kleines Überlegenheitsgefühl, das mir im Nachhinein unangenehm ist. Ich hielt mich für abgehärtet, und schob das auf den Teil meiner Kindheit, den ich in einem unsanierten Altbau in Prenzlauer Berg verbracht habe. Zugige Fenster, Ofenheizung, kratzige Strumpfhosen unter den Jeans.

Nun lief ich in meiner Wohnung, auch Altbau, saniert, in Kreuzberg, manchmal noch im Oktober im T-Shirt herum, obwohl ich keinen einzigen Raum geheizt hatte. Das Schlafzimmer heizte ich so gut wie nie. Durch mein Schlafzimmer verlaufen zwei Heizungsrohre, über der Tapete, vom Fußboden bis zur Decke. Sie waren manchmal so heiß, dass ich sie kaum anfassen konnte. Nachts hörte ich das Wasser in ihnen gluckern. Morgens gegen fünf knackten sie so laut, dass ich davon wach wurde. Wahrscheinlich stellten die Nachbarn über mir die Heizung dann an.

Der Lärm nervte mich, aber der Mann, der jeden Sommer kommt, um die Heizkörper für die Jahresabrechnung abzulesen, sagte: Dit is in alten Häusern so. Nach der Jahresabrechnung bekam ich in jedem Jahr eine Rückzahlung.

Deshalb sah ich diesem Winter mit weniger Sorgen entgegen als andere Berliner. Dann wurde es im September erstaunlich kühl. Auch in meiner Wohnung. Erst dachte ich, ich sei nur überarbeitet und friere deshalb mehr. Ich fuhr mit meinem Freund in den Urlaub. Die Nacht vor der Abreise verbrachten wir in seiner Wohnung, Altbau, wenig saniert, er weigerte sich, im September schon zu heizen. Am Morgen unserer Abreise waren 16,5 Grad. In der Wohnung.

Sprechen wir wirklich über Deutschland?

Im Urlaub erreichte uns die Nachricht, dass die Deutschen sich beim Gassparen nicht genug Mühe geben. Wir saßen im Frühstücksraum eines kleinen Hotels in den slowenischen Alpen. Auf den Wiesen lag Reif, der Kachelofen bollerte. Der Familie, die das Hotel betreibt, gehört auch ein Wald, der gleich hinterm Haus beginnt. Man heize nur mit Holz, so wie alle Slowenen auf dem Land, sagte die Gastwirtin. Die Heizperiode hier oben dauere zehn Monate. September bis Juni. Als wir sie besorgt ansahen, versicherte sie uns, dass der Wald groß genug sei, und das halbe Land quasi aus Wald bestünde. Mir fiel das Wort Feinstaub nicht auf Englisch ein. Auf dem Ofen trockneten Bergkräuter. Für den Tee.

Am letzten Abend der Reise trafen wir eine Bekannte, die in der Hauptstadt Ljubljana als Ärztin arbeitet. Sie erzählte, dass sie im November wieder nach Berlin reisen wolle. Sie liebe deutsche Saunen. Von der deutschen Heizkrise hatte sie noch nichts gehört. Geschlossene Saunen? Höchsttemperaturen für Büros? Duschtipps von Ministern? Sie fragte: Sprechen wir wirklich über Deutschland?

Als ich wieder in Berlin ankam, war meine Wohnung so kalt, dass ich meine Jacke und die dicken Wanderschuhe nicht auszog. Am kältesten war das Schlafzimmer. Es war außerdem ungewohnt still. Die Heizungsrohre gluckerten nicht. Ich legte meine Hände auf das Metall. Es war kalt. Mir wurde klar, dass ich jahrelang als Heiz-Parasitin gelebt hatte. Auf Kosten der Leute über mir. Die sind nun offenbar besonders vorbildlich und hocken, obwohl sie ganz oben wohnen, im Kalten. Auch die Studentinnen in der WG neben mir scheinen bisher nicht zu heizen.

Ist das in allen Berliner Altbauten so, fragte ich mich. Warten alle darauf, dass die Nachbarn heizen, um über Wände und Rohre etwas abzubekommen? Ist das Heiz-Egoismus oder vernünftig? Ich legte mich in der Jacke aufs Bett. Als ich aufwachte, drehte ich zum ersten Mal an einem Oktobermorgen im Schlafzimmer die Heizung an.