Mehr als heiße Luft: Heizlüfter könnten Berliner Stromnetz kollabieren lassen

Der Energiesenator hält eine Gasmangellage für „superunwahrscheinlich“. Der Stromnetz-Betreiber bereitet sich dennoch vor, braucht aber die Mitarbeit der Berliner.

Eine Frau sitzt mit einer Decke hinter einem Elektro-Heizlüfter.
Eine Frau sitzt mit einer Decke hinter einem Elektro-Heizlüfter.dpa/Philipp Schulze

Stephan Schwarz, Wirtschafts- und Energiesenator der Stadt, räumt ein, dass die Versorgungslage in Berlin vor einigen Wochen noch weit schwerer einzuschätzen war. Jetzt aber legt er sich fest: Eine sogenannte Gasmangellage nennt Schwarz „superunwahrscheinlich“. Und er sagt auch: „Die Menschen sollten sich nicht zu viele Sorgen machen.“

Jene nun als unwahrscheinlich eingestufte Situation bedeutete, dass nicht genug Gas vorhanden wäre, um alle zu versorgen. Dann würde die Bundesnetzagentur die Verteilung übernehmen und nach einer Art Energie-Triage entscheiden, wer weiter Gas bekommt und wer nicht. Freizeiteinrichtungen und Industrieabnehmer würden in diesem Fall zuerst von der Versorgung abgeschnitten werden, Krankenhäuser, Schulen, Kitas, Polizei und Feuerwehr sowie alle Privathaushalte als „geschützte Kunden“ jedoch weiterhin versorgt. Sie wären erst bei noch größerem Gasmangel vom Aus der Wärmeversorgung betroffen.

Doch eben das gilt derzeit als unwahrscheinlich. Denn die Gasspeicher sind komplett gefüllt, das erste Flüssiggasterminal ist betriebsbereit, und die Berliner haben ihren Gasverbrauch bereits nennenswert zurückgefahren. Bei Stromnetz Berlin bereitet man sich dennoch auf den Fall X vor. Dort wird zwar nicht die Gasversorgung dieser Stadt verantwortet, doch sind die Folgen eines eventuellen Gasmangels auf das Stromnetz abzusehen. Denn bleiben die Gas- oder Fernwärmeheizungen in der Stadt kalt, werden die Berliner ihre Wohnungen mit dem Heizlüfter oder dem Küchenherd heizen. Das wäre im Einzelfall verkraftbar. Ein kollektives Ausweichen auf die Stromheizung wäre indes der Super-GAU. Es würde in kurzer Zeit eine Verdreifachung der Leistung bedeuten, sagt Stromnetz-Chef Erik Landeck. „Damit wäre das Netz überfordert.“

Bei Stromnetz Berlin wurde bereits im Frühjahr eine Taskforce eingerichtet, um dieses Risiko zu minimieren. So wurden etwa etliche Lagevarianten in Simulationen durchgespielt. Laut Landeck hat sich dabei immer wieder ein Kettenglied der Stromversorgung als besondere Schwachstelle herausgestellt: die Transformatoren.

100 statt fünf Ersatztransformatoren auf Lager

Davon gibt es rund 10.000 in der Stadt und sie versorgen jeweils etwa 200 bis 400 Haushalte. Wird von den Haushalten zu viel Strom verlangt, können die Transformatoren überhitzen. Im besten Fall werden sie dann abgeschaltet, kühlen herunter und gehen nach etwa vier Stunden wieder ans Netz. Es können aber auch die Sicherungen oder ganze Anlagen zerstört werden.

„Wir haben gut vorgesorgt“, sagt der Stromnetz-Chef. Tausende Sicherungen habe das Unternehmen auf Lager. Der Reservebestand an Transformatoren, auf die man heute 20 Monate nach Bestellung warten muss, sei von fünf auf 100 erhöht worden. Auch die personellen Kapazitäten für Installations- und Tiefbauarbeiten habe man aufgestockt.

Vor allem aber setzt der Fachmann darauf, dass sich die Berliner im Falle kalter Heizung absprechen und nicht gleichzeitig die Lüfter und Radiatoren aktivieren. Und wenn sie es doch tun, würde nur ein Teil des Stromnetzes beeinträchtigt werden. „Zu einem Stromausfall in ganz Berlin wird es deshalb nicht kommen“, verspricht der Stromnetz-Chef.