Große Wasserdemo: Vattenfall kaufen ist die Chance für Berlin!

Gegen fossile Brennstoffe und Kapitalismus: Wie soll man eine Vier-Millionen-Stadt heizen? Die Climate-and-Boat-Demo hat Vorschläge für die klimagerechte Wärmewende.

Berlin: Die BUNDjugend initiierte eine Paddeldemo auf der Spree.
Berlin: Die BUNDjugend initiierte eine Paddeldemo auf der Spree.Sabine Gudath

Wir kentern! Fossiles Wrack entern! Gas und Kohle versenken! Das Hauptfloß der Climate-and-Boat-Demo trägt am Sonntagmittag auf großen Transparenten die zentralen Botschaften des Berliner Protestzuges für die radikale, unverzügliche Klimawende auf der Spree ans Ufer an der East Side Gallery.

Von dort aus startet dann der Korso aus Flößen, ein paar Dutzend Paddel- und Schlauchbooten, Kanus, Stand-up-Paddlern Richtung Heizkraftwerk Mitte. Dort wirkt der lokale Hauptgegner der etwa 150 Teilnehmer der Klimademo: Vattenfall, Betreiber des Fernwärmenetzes in Berlin.

Wut und Klimaangst

Organisiert hat die Aktion des Bündnisses „Berlin Erneuerbar“ in diesem Jahr die BUNDjugend. Große Massen sind für das Anliegen nicht zu mobilisieren, dafür sind die Forderungen und Haltung der Klimaaktivisten umso radikaler. Vermutlich hängt beides miteinander zusammen.

Die jungen Leute, die vom Floß herab engagierte Reden halten, sind Anfang 20 und von Zukunftsangst getrieben. Wanda sagt traurig und wütend, dass „immer noch Gas verbrannt wird und damit unsere Zukunft“, dass immer noch in fossile Energien investiert wird, zum Beispiel durch den Bau von LNG-Terminals. Die Wurzel des Übels sieht sie im System Kapitalismus und dessen Prinzip „Immer schneller, höher, weiter“: Davon profitiere der Globale Norden, „also auch ich – und das finde ich total eklig“. Also: „Wir müssen den Kapitalismus abschaffen.“

Forderung nach „einwandfreier“ Energie

Luisa und Jonathan, auch sie von der BUNDjugend, sagen Ähnliches. Sie wollen nicht, dass autokratische Regime gemästet werden, Energie soll aus Quellen kommen, die „einwandfrei sind“. Niemand soll anderswo leiden, damit es unsere Stadt warm hat.

Statt weiter fossile Brennstoffe zu verheizen – Vattenfall betreibt noch immer zwei Kohle- und ein paar Gaskraftwerke in Berlin –, verlangen die Demonstranten die „klimagerechte Wärmewende“. Aber was tun in einer Vier-Millionen-Stadt, die nur begrenzt Platz hat für Wind- und Solarparks?

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Sabine Gudath
Teilnehmerin
Verena Graichen vom BUND findet: „Das ist die schönste Demo des Jahres.“

Verena Graichen ist am Sonntag privat, mit Familie und diversen Schwimmgeräten zur Bootsdemo gekommen, aber als Vorstandsmitglied im BUND ist sie seit Jahren aktiv. Sie hat eine Reihe von Vorschlägen: Windräder auf alten Industriebrachen, Flusswärmepumpen, Erdwärme, Solarthermie auf den Dächern, die seien in Berlin ja bisher kaum belegt.

Sie stellt sich vielfache dezentrale Einspeisungen vor, verbunden mit Niedrigtemperatursystemen, wie sie zum Beispiel in Fußbodenheizungen zum Einsatz kommen. Abwärme aus Betrieben könnte zum Heizen genutzt werden oder die aus der U-Bahn, deren Schächte gekühlt werden. „Wir brauchen viele innovative Lösungen“, sagt sie, und gerade jetzt, bei diesen Preisen, rechneten sich Solarthermie und Photovoltaik umso mehr.

Vattenfall kaufen: Eine riesengroße Chance

Dass sich für den klimafreundlichen Umbau Berlins bisher nur eine überschaubare Zahl von Menschen engagieren, könnte sich demnächst ändern. Denn es tut sich wie ein Geschenk für die Aktivisten eine große Chance auf, den Energiemarkt in Berlin zu revolutionieren: Vattenfall hat im Mai 2022 mitgeteilt, man erwäge den Verkauf des Berliner Fernwärmenetzes, des größten in Europa.

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Sabine Gudath
Redner
Dr. Michael Efler, Fundraiser und Vorstand vom Bürgerbegehren Klimaschutz

Michael Efler von der Initiative „Bürgerbegehren Klimaschutz“ spricht vom Dach des Floßes herunter von einer „riesengroßen Chance“. Die Stadt Berlin müsse sie ergreifen und diesen Teil der Daseinsvorsorge in die öffentliche Hand übernehmen und dann „schnellstmöglich“ auf erneuerbare Energien umsteuern. Rekommunalisierung – das ist nach langen Kämpfen im Fall der Wasser- und Stromversorgung bereits geschehen und kann als gelungen gelten.

Allerdings, so warnt Michael Efler, habe Vattenfall nicht gesagt, an wen man verkaufen wolle. Er erinnert daran, dass im Parallelfall Brandenburg an einen Finanzinvestor verkauft wurde: Diesen Schrecken müsse man „um jeden Preis verhindern“ und Vattenfall dürfe sich beim Verkauf „keine goldene Nase“ verdienen.

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Sabine Gudath
Organisatorin
Johanna Schnitzler von der BUNDjugend war in diesem Jahr zuständig für die Organisation.

Der ambitionierte Umbau des Fernwärmenetzes ist auch für Johanna Schnitzler von der BUNDjugend eine der großen unmittelbar anstehenden Fragen. Mit einem Erwerb des Vattenfall-Netzes bekäme die Stadt Berlin „Stellschrauben“ in die Hand, um „im Interesse der Bürger statt der Konzerne und ihrer Profite“ umzusteuern.

Davon, dass das viele Jahre dauert, dass es lange Übergangsphasen braucht, will sie nicht schon wieder hören: „Keine Ausreden mehr.“ Aber wie will sie für den großen, schnellen, teuren Umbau die Mehrheit der Bürger – der Wähler – gewinnen? Man müsse den Menschen klarmachen, dass es um ihre Interessen geht und darum, dass man auch in 50 Jahren noch in dieser Stadt wohnen kann. „Man muss sich was trauen“, sagt sie.

Zu wenige Teilnehmer

Es wird zum Einschiffen gerufen. Wer noch kein Boot hat, findet eines zum Mitfahren bei Leuten, die mit Schildern winken. Auch der Eisbär, der eben noch eine Klimaaktivistenfahne schwenkte, lässt ein Bötchen zu Wasser. Als im Juni 2021 unter dem Motto „Alle in einem Boot die Zweite – Rave-o-lution!“ Tanzfreiheit mitten in der Corona-Pandemie gefordert wurde, drängelten sich mehr als 2500 Menschen in Schlauchbooten auf dem Landwehrkanal. Boote müssen also vorhanden sein. Fehlen nur noch die Menschen.

Am Sonntag lieferte die Berliner Band Leopard den rauen Sound zur Klimakatastrophe unter anderen mit dem Song „Aus dem Katalog“: Aus dem Katalog kommen, so der Text, der Urlaub, die Kinder, die Frauen, die Männer, das Leben, die Träume. So viel Energie werde verschwendet, um „Stadtviertel wie das da drüben zu bauen“, ruft der Sänger vom Floßdach und zeigt Richtung Benz-Arena: „In dieser hässlichen Scheiße müssen wir leben.“