Berlin - An einem sonnigen Tag steht Joachim Gericke in seiner VIP-Loge in der Alten Försterei und diskutiert das Logo für seinen Flüchtlingsverein. Es liegt als Zeichnung vor ihm auf dem Tisch: eine geöffnete Tür, darunter zwei Hände, zur Begrüßung verschlungen. „Das ist ja wie der sozialistische Gruß. Die Hände müssen weg“, sagt Gericke. Neben ihm stehen ein Mann und eine Frau. Der Mann leitet ein Flüchtlingsheim, die Frau den Wirtschaftsrat vom 1. FC Union. „Dann machen wir es so, die Hände weg, der Rest bleibt“, sagt sie und steckt das Blatt ein.

Es ist ein Donnerstag im Spätherbst. Normalerweise kommt Joachim Gericke sonnabends hierher in die Alten Försterei. Er ist Union-Fan und Bauunternehmer, wobei man das eine kaum vom anderen trennen kann. Gericke sitzt im Wirtschaftsrat von Union, seine Firma hat das Stadion umgebaut, und nun hat er auch noch einen Verein mitgegründet, der mit Union zu tun hat, aber auch mit seinem Unternehmen: Er will Flüchtlingen helfen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.

Der Verein heißt Türöffner. Er hat seine Geschäftsstelle auf dem Gelände des Fußballvereins, im alten Forsthaus. Dort, wo auch Vorstand und Präsidium des Fußballclubs sitzen. Alles ist in den Farben Rot und Weiß eingerichtet. Hier treffen sich Fußballfunktionäre, Fußballspieler und nun also auch Flüchtlinge.

Rumsitzen und warten

Fast 100.000 Menschen sind in diesem und dem vergangenen Jahr auf der Flucht vor Krieg und Unterdrückung, Verfolgung und Armut nach Berlin gekommen. Über 36.000 von ihnen leben in Sammelunterkünften und etwa 20.000 in Notaufnahmestellen wie Turnhallen und Flugzeughangars. Dort sitzen sie und warten, dass etwas geschieht, sie in eine Wohnung umziehen können, Arbeit finden. Aber wie? Welchen Antrag muss man ausfüllen? Zu welchem Amt gehen? Selbst für Deutsche ist es mitunter schwer, sich im Behördendschungel zurechtzufinden. Für Flüchtlinge ist es ohne Hilfe unmöglich.

Darum hat Joachim Gericke mit sechs anderen den Verein Türöffner gegründet, die alle eins gemein haben: Sie sind Unioner. Und sie wollen Flüchtlingen helfen, Arbeit zu finden. Vielen Flüchtlingen. Denn der Fußballverein ist wirklich so eine Art Türöffner. Zu den Fans gehören zahlreiche Unternehmer der Stadt, die freie Arbeitsplätze anbieten, Nachwuchs suchen. Normalerweise ist Arbeitsvermittlung Sache des Jobcenters. Es ist eine staatliche Aufgabe. „Die Behörden schaffen es aber nicht“, sagt Gericke. Er hält das für eine große Gefahr. „Der größte Fehler wäre es, diese Leute zu ignorieren.“ Sie weiter in Turnhallen und Containerheimen sitzen zu lassen – voll versorgt vom Staat, quasi entmündigt, in jedem Fall aber abhängig, mitunter depressiv, ohne Perspektive. Kriminalität sei dann doch nur die logische Konsequenz, sagt Gericke.

Seit Anfang des Monats beschäftigt er selbst in seiner Firma einen Geflüchteten aus einem Heim in Köpenick – ganz regulär mit Arbeitsvertrag. Er heißt Suleiman Ibrahim und stammt aus dem Irak. Fragt man Gericke, was ihn dazu getrieben hat, den Mann einzustellen, spricht er erstmal über Fachkräftemangel. Sein Mann aus dem Irak ist Bauingenieur, und so einen hat er gebraucht. Aber es steckt mehr dahinter. Das Bedürfnis, sich einzumischen, etwas zu tun.

Viele Menschen haben zurzeit den Eindruck, dass die bloße Verwahrung der vielen Menschen, die ihre Flucht im vergangenen Jahr bis nach Berlin getrieben hat, üble Folgen haben könnte, weil Menschen einen solchen Zustand auf Dauer eben nicht aushalten. Sie werden krank, teilnahmslos, bilden eigene soziale Milieus aus bis hin zu Parallelgesellschaften, manche werden kriminell. Diese Erwartung führt in der Bevölkerung zu sehr unterschiedlichen Reaktionen. Manche zucken einfach nur mit den Schultern und denken, es gehe sie nichts an. Andere wählen AfD, weil sie glauben, diese Partei mit ihren drastischen Parolen werde die Probleme schon lösen. Die sechs aus der Fußballloge haben beschlossen, selbst aktiv zu werden.

Sie ist die einzige Angestellte des Türöffners

Peter Hermanns ist Heimleiter in Köpenick, Mathias Laminski Pfarrer der katholischen St. Josef Gemeinde, Jochen Lesching Vorstand des Wirtschaftsrats vom 1. FC Union, Stephanie Ahlberg leitet die Geschäftsstelle vom Wirtschaftsrat und kümmert sich normalerweise um Sponsoring bei dem Fußball-Zweitligisten, Grit Driewer hat sich auf die Stelle der Vereinsleiterin beworben. Sie ist die einzige Angestellte des Türöffners. Alle sechs stützen das Job-Projekt. Sechs Unioner, sechs Bürger. Eine etwas andere Art von Mannschaft.

Der Blick aus Joachim Gerickes Loge ist großartig. Die Front ist voll verglast. Man hat das ganze Stadion im Blick. An diesem Tag ist der Rasen zwar nur grün und vollkommen menschenleer. Aber es ist ja auch erst acht Uhr morgens. Das Treffen musste so früh stattfinden, alle Beteiligten haben noch einen Arbeitstag vor sich. Sie sind hierhergekommen, um ihr Anliegen zu erklären, der Flüchtlingsverein ist ihnen wichtig, Genauso wichtig wie der Fußballverein.

„Union ist das Herz von Köpenick“, sagt Joachim Gericke. Er hat nach der Wende sein Bauunternehmen aus dem Nichts aufgebaut. An der Seelenbinder Straße in Köpenick beschäftigt er Stahlbetonbauer, Maurer, Bauingenieure. Er ist 55 Jahre alt und hat zum Beispiel den Wohnpark Karlshorst gebaut. Sein erstes Projekt war 1990 ein Kirchturm. Seit 17 Jahren engagiert er sich als Sponsor bei Union. Als der Verein 2004 finanziell in die Krise geriet, gründete er mit anderen Unternehmern den Wirtschaftsrat, der den Verein seitdem in wirtschaftlichen Fragen unterstützt. Daher kennt er den Werbefachmann Jochen Lesching, den derzeitigen Vorsitzenden des Wirtschaftsrats.

Lesching hält den Fußballverein Union für ein Phänomen, das weit über das sportliche Element hinausgehe. „Die Leute identifizieren sich in einem ungewöhnlichen Maß“, sagt Lesching. Unter dem Motto „Bluten für Union“ haben Fans mit Kleinstdarlehen dem Verein aus der Notlage geholfen. Als das Stadion umgebaut wurde, haben sie symbolische Aktien gekauft und damit den Bau mitfinanziert und selbst mit Hand angelegt.

Willkommensfest im Stadion

Sie treffen sich beim jährlichen Weihnachtssingen im Stadion und engagieren sich schon seit Längerem für Flüchtlinge. Im vergangenen Februar gab es ein Willkommensfest im Stadion, zeitweise wurde das Fan-Haus als Notunterkunft zur Verfügung gestellt. „Die Leute tun etwas, und das machen sie selbst“, sagt Lesching. „Es ist dann doch völlig logisch zu überlegen, wie man auch bei der Integration von Flüchtlingen helfen kann.“

Mit den beiden Männern und Stephanie Ahlberg kann der kleine Türöffner-Verein nun auf die geballte Kraft eines Bundesliga-Vereins zurückgreifen. Das betrifft vor allen Dingen die Kontakte. So kam auch Pfarrer Mathias Laminski dazu. Er ist seit zwei Jahren Seelsorger an der katholischen St. Josef Gemeinde an der Lindenstraße. Die Gemeinde ist nur ein paar Hundert Meter vom Stadion an der Wuhlheide entfernt, so dass nicht wenige Mitglieder an Spieltagen erst morgens zur Messe in die Kirche gehen und anschließend zum Fußball ins Stadion.

„Ich habe vorher in Brasilien mit Drogenabhängigen gearbeitet“, sagt Laminski. Er sieht sich als „Brückenbauer“ und sei es gewohnt, Netzwerke zu bilden, sagt er. Eines Tages im vergangenen Jahr führte er eine Besuchergruppe ins Flüchtlingsheim Allende II des Internationalen Bundes in Köpenick. Dort trafen sie auf den Leiter Peter Hermanns.

Der hat auch etwas mit Fußball am Hut. „Ich habe 25 Jahre lang im Fußball gearbeitet“, sagt Hermanns. Es ging darum, Fußballprofis zu animieren, sich sozial zu engagieren. Fußball sei mehr für Menschen als nur Sport, sagt er. Auch für ihn selbst. Er geht schon lange zu den Heimspielen von Union. „Ich fühle mich dort als Teil des Ganzen“, sagt er.

Bei diesem ersten Treffen in seinem Flüchtlingsheim entstand jedenfalls die Idee für den Türöffner. Sie ist ganz einfach: Die Flüchtlinge haben keine Arbeit, die Unternehmer, die sich bei Union finanziell engagieren, suchen Nachwuchs.

Sehnsucht nach deutschem Alltag

Die Umsetzung ist weniger einfach. Grit Driewer hat damit seit Wochen zu tun. 70 Erstgespräche mit Flüchtlingen hat sie mittlerweile geführt. 60 davon wohnen in Peter Hermanns’ Heim, zehn sind Freunde der Heimbewohner. Sie halten den Türöffner für eine exklusive Chance, eine Art Abkürzung via Köpenick in den ersehnten bundesdeutschen Alltag mit Job, Wohnung und Familie. Schneller als ihre Mitbewohner in Heimen und Turnhallen werden sie wohl tatsächlich sein. Allerdings brauchen alle Beteiligten für die nötige Prozedur starke Nerven. 15 der 70 Männer haben mittlerweile ein Praktikum bei Köpenicker Unternehmen absolviert. Aber nur drei haben bisher Arbeitsverträge. Das hat vor allem formale Gründe.

Suleiman Ibrahim zum Beispiel hätte seinen Job im Bauunternehmen ohne Grit Driewer nicht antreten können. Denn obwohl Ibrahim bereits seit Wochen einen unterschriebenen Arbeitsvertrag mit Gericke in der Tasche hatte, konnte Ibrahim nicht anfangen zu arbeiten. Erst dauerte es Monate, bis über seinen Asylantrag überhaupt entschieden wurde. Anschließend fehlte eine Arbeitserlaubnis der Ausländerbehörde. „Zweimal bin ich mit ihm zu dieser Behörde gefahren. Wir mussten wiederkommen, weil Unterlagen nicht im Original da waren. Ohne mich hätte er das aber gar nicht verstanden“, sagt Grit Driewer.

Eine Arbeitserlaubnis für drei Jahre

Ohne die energische Frau an seiner Seite wäre er auch nicht am selben Tag mit allen Unterlagen noch einmal hingefahren, sondern hätte das gemacht, was die Behördenmitarbeiter ihm sagten: Tage später zu einem neuen Termin wieder kommen.

Suleiman Ibrahim hat jetzt eine Arbeitserlaubnis für drei Jahre. Erstmal wird er mauern und Betonböden gießen. Später soll er an den Schreibtisch wechseln. Grit Driewer sucht jetzt zum dritten Mal eine Wohnung für den Iraker. Bisher scheiterte der Auszug jedes Mal am Amt für Flüchtlinge. Es dauert zu lange, bis die notwendige Genehmigung für den Auszug endlich vorliegt. Die Genehmigung brauchen sie, weil sie nur im Land geduldet sind.

Bis sie da ist, dauert es in der Regel sechs Wochen. Dann ist die Wohnung weg. Im Heim ist es nachts laut. Ibrahim kann nicht schlafen. Tagsüber bei der Arbeit ist er dann müde. „Welcher Arbeitgeber macht das wohl lange mit“, sagt Grit Driewer. Sie sucht weiter nach einer Wohnung und versucht, Vermietern die Misere ihres Schützlings zu erklären.

Irgendwann, ist sie sich sicher, wird es klappen.