Viel Zeit ist schon vergangen, lange wurde diskutiert und gestritten. Darum geht kein Experte mehr davon aus, dass die ersten neuen S-Bahn-Züge wie bisher vom Senat angekündigt Ende 2017 fertig werden.

Auch die S-Bahn Berlin GmbH hält das nicht mehr für möglich. Denn das Tochterunternehmen der Deutschen Bahn stellt sich nach Informationen der Berliner Zeitung darauf ein, dass seine ältesten Fahrzeuge, die dann eigentlich ausgemustert werden sollten, maximal noch bis 2023 im Einsatz bleiben müssen. „Unser Expertenkreis erarbeitet dazu ein Konzept, mit dem wir dann in diesem Herbst zum Eisenbahn-Bundesamt gehen wollen“, sagte ein S-Bahn-Manager.

Für die Fahrgäste steht viel auf dem Spiel. Ihnen droht eine neue S-Bahn-Krise mit vielen Zugausfällen, wenn die Altbau-Züge nicht mehr fahren dürften. Ohne dass es Ersatz gäbe, würden rund 300 Wagen, fast ein Viertel der S-Bahn-Flotte, plötzlich fehlen. So viele Fahrzeuge gehören zu den Baureihen 480 und 485, um deren Zukunft es jetzt geht.

Teure Rundum-Checks notwendig

Anfangs war vorgesehen, dass sie in viereinhalb Jahren ihre letzte Reise antreten. Auf diese Lebensdauer wurde der Kalender der Hauptuntersuchungen abgestimmt. Damit die Züge nach dem 15. Dezember 2017 weiterfahren können, müssen sie bis dahin zu weiteren teuren Rundum-Checks in die Werkstatt.

Doch es geht nicht nur um Geld. Bei der Baureihe 485, deren Lieferung 1987 in Ost-Berlin begann, gibt es auch ein grundsätzliches Problem. Die S-Bahn hat sich einst dazu verpflichtet, diese Züge ab Ende 2017 nicht mehr zu betreiben. Das Eisenbahn-Bundesamt müsste den Weiterbetrieb genehmigen – und könnte dies mit der Auflage verbinden, dass die Wagen wieder öfter in der Werkstatt untersucht werden.

Damit nicht genug: Für alle Alt-Wagen gilt, dass sie nicht für das neue Zugsicherungssystem und den neuen Zugfunk der S-Bahn ausgestattet worden sind. Kostspielige Nachrüstungen wären erforderlich – wobei im Fall der Baureihe 480 noch nicht einmal klar ist, ob dies überhaupt möglich ist. Bei den Zügen, die ab 1990 ausgeliefert worden sind, wäre für den Umbau der Bremsanlage eine Genehmigung nötig. „Denkbar wäre, dass die Altbau-Fahrzeuge nur auf Strecken eingesetzt werden, die noch nicht mit der neuen Sicherungstechnik ausgestattet sind“, so ein S-Bahner.

Frist erneut verschoben

Es gibt also noch vieles zu planen. Am Ende steht eine Rechnung an den Senat, der den Verkehr bestellt. Kalkulationen ergaben, dass der Weiterbetrieb der Züge bis zu 100 Millionen Euro kostet. Für die Grünen wäre das ein Fall für den Rechnungshof. Das Land hätte diese Ausgaben vermeiden können, wenn es die Teilausschreibung des S-Bahn-Verkehrs wie anfangs geplant 2010 auf den Weg gebracht hätte – dann wäre der Zeitplan, der Ende 2017 den Einsatz der ersten neuen Züge vorsah, noch haltbar gewesen. Doch Streit verhinderte lange, dass das Verfahren begann. Nicht nur die Linke, sondern auch Teile der SPD fürchten, dass Wettbewerb zur „Privatisierung“ der S-Bahn führt. Auch viele S-Bahner lehnen ihn ab.

Unter Rot-Schwarz gab es weitere Verzögerungen. Nach einem Rechtsstreit musste das Vergabeverfahren für den Verkehr auf dem Ring und im Südosten erneut aufgerollt werden. Inzwischen hat der Verkehrsverbund die Frist zur Abgabe der Teilnahmeanträge zum dritten Mal verschoben – auf den 15. Juli. Bewerber aus dem Ausland hätten Rückfragen wegen der komplizierten Formulierungen, hieß es. MTR (Hongkong), RATP (Frankreich) und National Express (Großbritannien) wollen sich am Rennen um den S-Bahn-Vertrag beteiligen. Wie berichtet nennt der Senat keinen Termin mehr, wann die neuen Züge in den Einsatz kommen könnten.