Vorbereitung für den Strand: Ein Tattoo wird gestochen.
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BerlinIch bin nicht tätowiert. Das klingt jetzt erst einmal so spannend wie die Feststellung „Mein Gebiss besteht nicht komplett aus Goldkronen“ oder „Ich trage keine Satin-Unterwäsche von C&A“. Aber jetzt kommt’s! Mir ist das bisher gar nicht bewusst gewesen, in diesem Moment allerdings, an diesem Nachmittag im Strandbad, fällt es mir wie Schuppen von der Haut (nicht das mit der Unterwäsche, sondern das mit den Tätowierungen): Was sich hier durch Sand und Wasser wälzt, entspricht einer Leistungsschau des  Tintenstechergewerbes.

Da sehe ich mit meinen Ansätzen von Sonnenakne auf dem Brustbein ganz schön alt aus. Mindeststandard ist die Bordüre am Oberarm, ebenso beliebt das filigrane Muster, großzügig im Nacken oder im Schulterbereich aufgetragen.

Der Totenkopf auf der Wade drüben am Volleyballnetz könnte zu einem Angestellten im Außendienst passen: „Haben Sie schon mal über eine Sterbeversicherung nachgedacht, Herr Röhrkötter?“ Hosenbein hoch, zwinker, zwinker, Hosenbein runter. Überhaupt – überall diese missionarisch motivierten Mitteilungen. Auf einem muskulösen Oberarm: „Mein Leben, meine Regeln!“ Der Typ breitet seine Decke glücklicherweise mehr als zwei Meter entfernt von mir aus.

Vorhin habe ich auf irgendeinem Körperteil gelesen: „Hinfallen, aufstehen, weitermachen.“ So etwas ähnliches hat mir mal Walter Godefroot vom Team Telekom in einem Interview über Jan Ullrich erzählt, aber der hier sah nicht nach Tour de France aus. Rechts hinter mir informiert mich jemand über seine Herkunft: „Fischkopp“. Dazu eine Fischgräte hochkant auf der Flanke. Unternehmer in der Gastronomie vermutlich.

Zum guten Ton gehören Sinnsprüche auf Englisch: „Everything has beauty, but not everyone sees it.” Apropos: Der Höhepunkt an diesem Strandtag ist eine Seniorin. Sie trägt das Konterfei eines Mädchens auf dem obersten Oberschenkel, knapp unterhalb vom Saum ihres Badeanzugs, ungefähr im Durchmesser eines Tennisballs. Könnte die Enkelin sein, die drüben am Wasser mit Eimer und Schaufel beschäftigt ist.

Ich stelle mir meine Großmutter vor, in einem anderen Jahrhundert, irgendwo am Meer. Meinen Bruder hält sie an der einen Hand, auf dem Unterarm in Schwarz gestochen sein Porträt. Mich hat sie an der anderen, mein Kinderlächeln ist verrutscht auf dem Tattoo. Der Großvater schnarcht bäuchlings nebenan. Er hat in schnörkeliger Schreibschrift ein Gedicht von Rainer Maria Rilke auf dem roten Rücken: „Die große Sonne ist versprüht, der Sommerabend liegt im Fieber, und seine heiße Wange glüht ...“

Ich muss lachen, ausgerechnet in dem Moment, als der Fischkopp vorübergeht. Ich habe das Gefühl, dass er mich strafend aus dem Augenwinkel mustert. Schuldbewusst senke ich meinen Kopf, betrachte meine Badehose, meine Beine. Ich schwitze. Vielleicht denke ich doch noch mal drüber nach. Nicht über eine Tätowierung. Über die Unterwäsche aus Satin.