Ältere Menschen haben ein abgeschwächtes Frühwarnsignal, das sie vertrauensseliger macht.
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BerlinWaltraud K. ist 90 Jahre, aber eine elegante, kultivierte Frau, körperlich und geistig fit. Sie geht in Konzerte und zur Gymnastik, hütet Hund und Katze ihrer Tochter, wenn die verreist. Das zur Orientierung, um kein falsches Bild von der Betrogenen aufkommen zu lassen: Die Mutter meiner Freundin ist keine einsame oder verwirrte Greisin. Gegen Betrüger wähnt sie sich lange gefeit. Jetzt wurde auch sie Opfer des Enkeltricks. Am Ende ruft sie verzweifelt aus: Es fühlt sich an, als hätten mich die Betrüger hypnotisiert und meinen Verstand ausgeschaltet.

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11.000 Euro auf der Bank

Doch die waren nicht mal in der Wohnung, nur am Telefon. Stellten sich vor als „die Polizei“ in einer Falschgeldangelegenheit, ihr Enkel stehe in Verdacht. „Der Florian?“ fragt die Rentnerin erschrocken. – „Ja, der Florian!“ wiederholt der Betrüger, jemand spricht ins Telefon: „Das mit dem Geld ist mir passiert, Oma. Du müsstest hier mit der Polizei kooperieren.“

Jetzt hängt Waltraud K. an der Angel. Bereitwillig liest sie Nummern auf Geldscheinen in ihrem Portemonnaie vor. Erfährt, dass darunter schon zwei falsche seien! Ob sie noch mehr habe? 11.000 Euro auf der Bank? Das sei womöglich auch Falschgeld, genau diese Bank habe die Polizei ja in Verdacht.

Täter bauen psychischen Druck auf

Waltraud K. reagiert unlogisch, wie ferngesteuert. Das Handy mit den Anweisungen der Täter immer am Ohr, fährt sie im Taxi zur Bank, um ihr Geld kontrollieren zu lassen. Die Bank zögert bei der Auszahlung des hohen Betrages. Genau das haben die Betrüger vorausgesagt und der Rentnerin die Antwort eingetrichtert: Wegen eines Rückstands beim Hausbau ihrer Tochter brauche sie das Geld in bar und sofort. Sie müsse hart bleiben!

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So passiert es, dass Waltraud K., zeitlebens eine ehrliche Haut, in der Bank zur Lügnerin mutiert. Die 11.000 Euro, ihre Ersparnisse, übergibt sie dem vermeintlichen Polizisten in Zivil. Alles weg. Zurück allein in ihrer Wohnung dämmern Waltraud K. all die Ungereimtheiten. In den Momenten höchster Erregung und Eile waren sie ihr entgangen.

Die Täter hatten psychischen Druck aufgebaut, sodass sie tatsächlich nicht mehr „geradeaus“ hatte denken können. Denn ältere Menschen haben ein abgeschwächtes Frühwarnsignal, das sie vertrauensseliger macht. Die abnehmenden Aktivitäten der entsprechenden Hirnregion wurden 2012 in einer Studie im Kernspintomografen (MRT) nachgewiesen.

Polizei gilt als vertrauenswürdig

Unabhängig von Herkunft, Bildung und Intelligenz ersetzen alte Menschen das nun fehlende Bauchgefühl durch Erfahrung – und da gelten Familie und Polizei als vertrauenswürdig. Waltraud K. wird künftig beim ersten Verdacht ganz unhöflich den Hörer auflegen. Vielleicht vorher um eine Rückrufnummer bitten.

Sie wird sich erinnern, dass die Polizei nie, nie, nie nach Geld oder Wertsachen fragt. Ihre Adresse hat sie aus dem Telefonbuch streichen lassen. Leider zu spät.

Polizeihinweise im Netz: www.berlin.de/polizei/aufgaben/praevention/senioren/