15 Uhr, Haupteingang des Berliner Landesamts für Gesundheit und Soziales. Viel los mal wieder. Wie an jedem anderen Wochentag in den letzten Monaten um diese Uhrzeit. Flüchtlinge kommen auf das Lageso-Gelände, Flüchtlinge gehen wieder. Familien mit Kinderwagen, junge und alte Männer, in Gruppen oder alleine, sie alle müssen hier vorbei.

Genauso wie die Mitarbeiter des Lageso, die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, all die Menschen, die in Tüten Kleider, Essen und Spielsachen bringen. Hier, vor dem und im Lageso an der Berliner Turmstraße, treffen die Nöte, die Sorgen, die Wünsche der Flüchtlinge auf die Zuwendung der Betreuer, auf die Regeln von Bürokratie, auf die Gesetze des Staats. Und auf das Chaos des Ankommens.

Am 1. Oktober 2015, vor drei Wochen genau, ist der vierjährige Mohamed Januzi, ein Flüchtlingsjunge aus Bosnien-Herzegowina, vom Gelände des Lageso verschwunden. Und mit jedem weiteren Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Mohamed jemals wieder auftaucht.

Der Mann und das Kind

Die Videokameras am Haupteingang des Lageso haben aufgezeichnet, wie am 1. Oktober, einem Donnerstag, ein Mann mit Brille und Vollbart mit dem Jungen vom Gelände zum Ausgang an der Turmstraße läuft. Die Sonne scheint, das ist zu erkennen. Der Mann hält Mohamed an der rechten Hand, er führt ihn, aber er zieht ihn nicht, Mohamed tappt ein wenig hinter ihm her, schaute sich dabei neugierig um, so wie vierjährige Kinder es tun.

Der Mann blickt geradeaus, er geht zielstrebig, nicht langsam, in der linken Hand hält er einen Teddy. Um 14.40 Uhr laufen Mann und Kind an der Pförtnerloge vorbei, in der wie an jedem anderen Tag Mitarbeiter des Wachpersonals sind. Dann sind der Mann und das Kind plötzlich nicht mehr zu sehen.

Das sind die bisher letzten Aufnahmen von Mohamed. Hier beginnt das Rätseln. Wo ist der Junge?

Am Nachmittag des 1. Oktober 2015 hielten sich Hunderte, vielleicht Tausend Menschen rund ums Lageso auf, das sich auf dem weitläufigen Gelände des ehemaligen Krankenhauses Moabit befindet. Sie drängten sich zwischen Absperrgittern in Warteschlangen, sie warteten auf ihre Registrierung. Andere schliefen auf den nur noch spärlich vorhandenen Rasenflächen oder standen für Erbsensuppe in Zelten an, Kinder spielten und tobten oder weinten. Am Wegrand saßen Mütter mit ihren Kleinkindern auf Decken.

Es sei kein Wunder, dass eines der vielen Kinder hier abhandengekommen sei, so sagen es viele. Es sei ein Wunder, dass das nicht häufiger passiere.

„Das ist hier kein Einzelfall, wenn Kinder ihre Eltern suchen oder Eltern ihre Kinder, das kommt schon öfter vor“ sagt Diana Henniges, die Sprecherin der freiwilligen Hilfsorganisation Moabit Hilft. Das habe mit der Situation des langen Wartens zu tun. Die Flüchtlinge drängelten in der langen Schlange, weil sie eine Nummer brauchen. Und die Kinder der Flüchtlinge täten derweil, was Kinder so tun.

„Das Kind sieht ein Eichhörnchen, sieht einen Schmetterling, zieht sich von der Hand, in der Menschenmenge sieht man es nicht wieder. Es weint auch nicht sofort, weil es eigentlich gut aufgehoben ist, weil nette Leute drumherum sind“, sagt Henniges.

Diana Henniges hat ihren Arbeitsplatz in der Caritas-Zentrale auf dem Lageso-Gelände, in einem kleinen Raum zwischen Haupteingang und dem Registrierungshaus Haus A. Hier werden die Aufgaben der Caritas-Mitarbeiter und die der ehrenamtlichen Helfer organisiert, Schichtpläne hängen aus, Organigramme, Telefonnummern von Behörden. Nebenan befindet sich das Kinderbetreuungszimmer, Kinder und ehrenamtliche Helfer spielen in dem etwa 18 Quadratmeter große Raum. Es gibt Mal- und Spielsachen, Eltern warten vor der Tür.

Die Mutter war apathisch

Am Tag, als Mohamed entführt wurde, stand Diana Henniges draußen vor der Tür. Es war kurz nach 14 Uhr, als die aus Bosnien-Herzegowina stammende Mutter des Vierjährigen ankam, wann genau, ist unklar. „Kind weg“, habe die Mutter gesagt, ein Foto von einem Ausweis gezeigt. Völlig apathisch sei sie dabei gewesen, sagt Henniges.

Dann habe man das gemacht, was man hier in so einem Fall mache: Man schwärme auf dem Gelände aus, funke alle Helfer an. Und so hätten sie es auch an diesem 1. Oktober getan.

Sie selbst, berichtet Diana Henniges, sei in der Zentrale geblieben. Andere Helfer seien hinübergerannt zu den Johannitern „auf dem Feld“, wie der Ort vor dem Registrierungsgebäude Haus A genannt wird, dann zum Haupteingang, hätten dem Pförtner gesagt, keiner solle mehr vom Gelände gelassen werden, hätten dann alle Zelte abgesucht, Fotos des Jungen ausgedruckt. Nur Mohamed habe man nicht gefunden, sagt Diana Henniges. Und dass Viola Förster, die draußen, vor dem Haus, zu finden sei, ebenfalls erzählen könne von dem Tag, an dem Mohamed verschwand.

Viola Förster, eine Mitarbeiterin der Caritas, berichtet dann, sie sei mit Mohameds Mutter, die an diesem 1. Oktober nicht nur mit Mohamed, sondern auch noch mit einer etwas älteren Tochter und einem Baby zum Lageso gekommen war, dahin gelaufen, wo Mohamed verloren gegangen war: vor dem Haus A. Dort habe man überall gesucht, die Security gefragt. Die Mutter habe immerzu geweint. Sie hatte Mohamed gegen zwölf Uhr schon aus den Augen verloren.

Die Mutter war, so erzählen es verschiedene Helfer, zunächst zu den Security-Leuten gegangen, hatte nachgefragt, ob die das Kind gesehen hätten, und sich erkundigt, was sie jetzt tun solle. Doch die hatten das getan, was die Security-Leute auf dem Lageso-Gelände meistens tun – sie versuchten, die Mutter zu beruhigen. Warte hier, der taucht schon wieder auf. Erst sehr viel später, zwei Stunden etwa, war die Mutter dann wohl zum Kinderbetreuungsraum gelaufen, dorthin, wohin alle Eltern früher oder später laufen, wenn sie ihr Kind suchen.

Eine Stunde lang, sagt Viola Förster, habe sie mit der Mutter zusammen gesucht, ohne Erfolg. Dann seien zur Polizei gegangen. „Die Polizei hat alles aufgenommen und reagiert“, sagt Viola Förster. In der Hoffnung, dass jemand das Kind gesehen haben könnte, hängten die Polizisten auf dem Lageso-Gelände und in den umliegenden Straßen Fahndungsplakate mit Mohameds Bild auf. Aber erst Tage später auf Arabisch, Albanisch und Serbisch.

Zunächst nämlich prüfte die Polizei, ob sich Mohameds Mutter, die aus Bosnien-Herzegowina stammt, seit 2013 in Deutschland ist und mit den Kindern in einer Reinickendorfer Flüchtlingsunterkunft wohnt, sich eventuell mit einer fingierten Entführung gegen eine Abschiebung wehren wollte, indem sie ihr Kind verschwinden ließ. So etwas sei in der Vergangenheit des Öfteren vorgekommen, heißt es bei der Polizei. Von einer vorgetäuschten Entführung möchte man dort inzwischen aber nicht mehr reden.

Die Mordkommission ermittelt

Längst hat eine Mordkommission die Ermittlungen übernommen, weil die Polizei ein Verbrechen nicht mehr ausschließt. Anhand der Schuhe des Kindes nahmen Spürhunde den Geruch des Jungen auf. Mehrmals suchten Hundeführer die Umgebung ab, darunter den Fritz-Schlosspark an der Rathenower Straße. Ein Hund verfolgte eine Spur in den U-Bahnhof Turmstraße – der ist rund 600 Schritte von Haus A entfernt, ungefähr sieben Minuten zu Fuß. Die Spur verlor sich wieder. Bei einem zweiten Versuch schlug kein Hund mehr an.

Im Landeskriminalamt wurde in der vergangenen Woche die Sonderkommission „Mohamed“ gegründet, in der täglich 40 bis 50 Polizisten mitarbeiten. Das ist selten bei der Berliner Polizei. Es gibt zwar häufiger gemeinsame Ermittlungsgruppen. Aber eine Sonderkommission in einem Vermisstenfall zeigt, wie ernst die Sicherheitsbehörden den Fall Mohamed nehmen.

In der Kommission arbeiten Beamte der Vermisstenstelle, Mordermittler, Computerfachleute und Ermittler des Kommissariats zur Verfolgung von Sexualdelikten. Die Fachleute setzten zunächst darauf, bei Durchsuchungen entscheidende Spuren zu finden. Vergeblich. Sie verteilten ein weiteres Mal Suchplakate, ohne Erfolg. Ergebnislos blieb auch die Suche am nahe gelegenen Westhafen am vergangenen Sonntag.

Fälle wie das Verschwinden von Mohamed sind komplizierte Fälle. Das liege, sagen Ermittler, zum einen daran, dass die Opfer bis auf die Eltern und Familienangehörigen noch keine eigenen sozialen Kontakte haben, die befragt werden könnten. Zum anderen sei das Verhältnis zu fremden Menschen noch nicht distanziert. Kinder in Mohameds Alter glaubten fast alles, was man ihnen sagt, erklären Ermittler und Psychologen.

Nur in seltenen Fällen bleiben Kinder über eine Woche verschwunden. Meistens sind sie nach 24 Stunden wieder da. Dass der vier Jahre alte Junge einem Verbrechen zum Opfer fiel, will keiner der Ermittler sagen, aber sie schließen das Schlimmste nicht mehr aus. Für Polizisten ist die Veröffentlichung eines Suchbilds die nahezu letzte Chance bei der Fahndung.

Mittlerweile sind im Fall Mohamed mehr als 230 Hinweise bei der Sonderkommission eingegangen. Eine heiße Spur zum Jungen und dessen Entführer gibt es noch nicht. Dass der Entführer die Familie des Jungen erpresst, dafür gibt es bisher keinen Hinweis.

Vor einigen Tagen kam heraus, dass ein Zeuge den Mann, dessen Videoaufnahme die Polizei veröffentlicht hat, im Sommer schon mehrere Male am Lageso gesehen haben will. Ebenfalls gibt es Hinweise, nach denen der gesuchte Mann sich einen Tag vor Mohameds Entführung auf dem Lageso-Gelände aufgehalten haben soll.

Niemand kontrolliert

Seit einer Woche gibt es in Wilmersdorf die neue Registrierungsstelle, was die Lage auf dem Lageso-Gelände leicht entspannt hat. Trotzdem warten dort weiterhin noch Hunderte Flüchtlinge auf Papiere. Niemand kontrolliert am Eingang, jeder kann auf das Gelände.

Sabine Smentek, Jugendstadträtin vom Bezirksamt Mitte, regt sich schon seit Langem über die Zustände auf. „Wenn ich könnte“, sagt sie, „würde ich juristisch gegen das Lageso vorgehen, ich würde veranlassen, dass die dichtmachen müssen.“ Aber so etwas sei in der Gesetzgebung gar nicht vorgesehen. Anfang August habe das Jugendamt bereits auf die „insgesamt menschenunwürdige und für Kinder kindeswohlgefährdende Wartesituation“ hingewiesen.

In einem Brief, den das Jugendamt Mitte an Mario Czaja, den zuständigen Senator, gerichtet hat, stehen Forderungen an das Lageso: So sollen bis spätestens 26. Oktober beheizte Warteräume für alle Wartenden und zusätzliche, beheizte Sanitäranlagen bereitgestellt werden, eine warme Essensausgabe auch für Babys und Kinder sowie zusätzliche Räume für Kinder.

Aus Czajas Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales heißt es, es gebe ja die Kinderbetreuung, die durch die Caritas organisiert und von Ehrenamtlichen unterstützt werde. Zusätzliche beheizte Warteräume seien in Vorbereitung. Seit dem Verschwinden von Mohamed seien „die Security-Mitarbeiter auf dem Gelände im Hinblick auf Familien mit Kleinkindern nochmals sensibilisiert worden“. Zudem bestehe ein dauerhafter Kontakt zur Polizei, die auch ständig auf dem Gelände präsent sei.

Mohamed ist weiterhin verschwunden.