Der lang gediente Eisenbahner ist sich ganz sicher. „Der Fehler muss während der Ablösung passiert sein“, sagte er der Berliner Zeitung. Offenbar ist das tatsächlich der Schlüssel dazu, die S-Bahn-Entgleisung in Hoppegarten zu erklären. Am Donnerstag wurde bekräftigt, dass sich die Ermittlungen der Polizei auf die Bahn-Mitarbeiter konzentrieren, die im Stellwerk Hoppegarten mit der Schichtübergabe beschäftigt waren – als unter dem Fenster plötzlich drei S-Bahn-Wagen aus den Gleisen sprangen.

Der eine Mitarbeiter, der zum Zeitpunkt des Unglücks am Montag gegen 21.45 Uhr im Stellwerk von DB Netz war, ist 47 Jahre alt. Er kommt aus Strausberg, hieß es in Polizeikreisen. Sein Kollege ist zehn Jahre älter, er lebt in Erkner. Die Ermittler prüfen jetzt, wer zu dieser Zeit was getan hat. Bislang äußern sich die Männer dazu nicht.

Als sicher gilt, dass die S 5 aus Strausberg Nord an jenem Abend entgleiste, weil unter dem rollenden Zug eine Weiche umgestellt wurde. Das bestätigte ein Sprecher der Eisenbahn-Untersuchungsstelle des Bundes am Donnerstag. „Der Fokus der Ermittlungen liegt auf der Stellwerkstechnik und auf den Handlungen, die das Personal im Stellwerk durchgeführt hat“, teilte er mit.

Für die einfahrende S-Bahn war ein bestimmter Weg in den Bahnhof Hoppegarten eingestellt – und diese sogenannte „Fahrstraße“ wurde offensichtlich vom Stellwerk aus aufgelöst, so dass die Weiche umsprang. „Es sieht alles nach einer Fehlhandlung aus. Und dabei wurde wohl versäumt, aus dem Fenster auf den Zug und die Strecke zu schauen,“ so der Eisenbahner.

Hitze lässt Klimaanlagen ausfallen

Die besondere Situation bei der Schichtübergabe könnte zu dem Fehler beigetragen haben. Dabei könne es schon mal passieren, dass man abgelenkt ist. Auch ist der Bahnhof östlich von Berlin komplexer als andere Stationen. Hier geht die zweigleisige S-Bahn-Trasse aus Berlin in einen eingleisigen Abschnitt über. Weitere Weichen führen zu Gleisen, auf denen S-Bahnen abgestellt werden. Und auch auf der benachbarten Eisenbahnstrecke in Richtung Kostrzyn (Küstrin), auf der zahlreiche Regional- und auch Güterzüge fahren, gibt es Weichen.

Nach der Entgleisung bleibt die S-Bahn-Strecke zwischen Hoppegarten und Fredersdorf gesperrt – bis kommende Woche. Dieseltriebwagen von DB Regio verstärken das Zugangebot der Niederbarnimer Eisenbahn, mit dem Fahrgäste die S-Bahn-Sperrung umfahren können.

Wie berichtet wurde bei der Entgleisung kein Mensch verletzt. Die Schäden an den Wagen sind jedoch beträchtlich. Damit fallen weitere S-Bahn-Fahrzeuge für die Fahrgastbeförderung aus – was die ohnehin angespannte Situation bei der S-Bahn verschärft. Mitarbeiter berichteten, dass die Hitze auch dazu führt, dass Klimaanlagen ausfallen. Betroffen seien unter anderem Lüfter, die in Wagen der Baureihe 481 die empfindliche Elektronik kühlen sollen.

60 Wagen zu wenig im Einsatz

„Anfangs können die Züge mit vermindertem Tempo im Einsatz bleiben“, so ein S-Bahner. „Aber wenn mehrere Lüfter aussteigen, muss der Zug in die Werkstatt.“ Besondere technische Probleme gebe es bei diesem S-Bahn-Typ nicht, sagte ein Bahnsprecher. Doch es komme „regelmäßig und in Abhängigkeit von hohen Temperaturen zu Fahrzeugausfällen im Linieneinsatz. Dabei spielt auch die Klimaanlage im Führerstand eine Rolle“, teilte er mit.

Ein weiteres Problem: Von den 140 Wagen der S-Bahn-Baureihe 480 können die meisten nicht eingesetzt werden. Der Sprecher sagte, dass in der vergangenen Woche 96 Wagen nicht genutzt werden konnten – weil sie in die Revision müssen, bei Unfällen beschädigt worden sind oder Risse in der Schweißnaht eines Anbauteils der Drehgestelle haben.

Wie ernst die Lage ist, zeigt eine offizielle Zahl des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB). Danach waren Donnerstagmorgen tausend Wagen im Einsatz. Vor dem Unglück waren es zwei bis drei Dutzend Wagen mehr. Noch größer fällt die Differenz aus, wenn man die Anforderung des VBB hinzu zieht: Eigentlich müssten sogar 1060 Wagen rollen.