Die Affäre um sexuelle Belästigung von Mitarbeiterinnen in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen scheint noch längst nicht ausgestanden zu sein. Nun gibt es auch Vorwürfe gegen den abgesetzten Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe. Ein Sprecher der Senatskulturverwaltung bestätigte der Berliner Zeitung am Donnerstag, dass sich „eine einstellige Zahl von Menschen“ gemeldet habe, die auch gegen Hubertus Knabe persönlich Vorwürfe wegen sexueller Belästigung erheben. Der Sprecher bejahte, dass es sich dabei um neue Vorwürfe handele.

Knabe war vom Stiftungsrat der Gedenkstätte Ende September seines Postens enthoben worden, weil ihm nicht zugetraut wurde, den personellen und kulturellen Wandel einzuleiten, der nach dem Rausschmiss seines Stellvertreters Helmuth Frauendorfer notwendig geworden ist. Frauendorfer soll über Jahre hinweg Mitarbeiterinnen und Auszubildende der Gedenkstätte sexuell belästigt haben.

Als erstes hatte der Tagesspiegel in seinem Newsletter Checkpoint über die neuen Vorwürfe berichtet. Dort hieß es, dass „mehrere Frauen“ Knabe sexuelle Belästigung vorwerfen. Dazu solle es am Donnerstag eine Anhörung geben. Letzteres bestritt die Senatskulturverwaltung wie auch der Sprecher der Gedenkstätte, Markus Ginsberg. „Wir wissen nichts von einer solchen Anhörung“, sagte Ginsberg der Berliner Zeitung. Man wolle sich jetzt auf die tägliche Arbeit der Gedenkstätte konzentrieren.

Beschwerden bereits vor Jahren

Über persönliche Verfehlungen Knabes hatte es bereits nach der Sitzung des Stiftungsrates Ende September Spekulationen gegeben. Damals hieß es, es gebe gegen ihn keine haltbaren Belästigungsvorwürfe, aber zumindest Indizien. Knabe war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Bestätigt ist laut Tagesspiegel, dass die Senatskulturverwaltung schon länger in die Vorfälle in der Gedenkstätte Hohenschönhausen involviert ist, als bisher bekannt. So hatte die Frauenbeauftragte der Behörde bereits vor vier Jahren die Beschwerde einer Auszubildenden über den Helmut Frauendorfer entgegengenommen, sollte darüber aber Stillschweigen bewahren. Ein Jahr später wurde die Beschwerde offiziell gemacht und die Gedenkstätte informiert. Doch es brauchte noch weitere Beschwerden und in diesem Sommer einen Brief von sechs Frauen an Kultursenator Lederer und die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, Monika Grütters (CDU), bevor personelle Konsequenzen gezogen wurden.

Die Stellen der beiden geschassten Leiter werden nun offiziell ausgeschrieben. In der Zwischenzeit soll die ehemalige Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, der Gedenkstätte beratend zur Seite stehen. Sie habe bereits erste Gespräche mit Mitarbeitern geführt, hieß es diesen Donnerstag. Zu ihrer Arbeit will sie sich erst äußern, wenn sie mit allen gesprochen hat.

Späte Rache der SED?

In der Gedenkstätte gibt es seit Monaten auch noch ganz andere Querelen. So hatte der Gedenkstättenführer Siegmar Faust während eines Interviews mit der Berliner Zeitung Sympathie für die AfD und den Holocaust-Leugner Horst Mahler bekundet. Er war daraufhin von Hubertus Knabe entlassen worden. Der Schriftführer des privaten Fördervereins, der frühere Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg, hatte dies zum Thema gemacht und war daraufhin „wegen vereinsschädigen Verhaltens“ aus dem Gremium gedrängt worden. Hilsberg sprach im Interview mit der Berliner Zeitung von einer fortschreitenden Unterwanderung des Vereins durch die Alternative für Deutschland.

Auch um die Entlassung von Hubertus Knabe und Helmuth Frauendorfer gibt es hitzige Diskussionen. Die lassen sich auch auf der Facebook-Seite der Gedenkstätte verfolgen. Dort ist bei der Entlassung Knabes von einer „Intrige“ durch die Senatskulturverwaltung die Rede.

Kündigung Knabes sei eine Strafaktion

In einem Offenen Brief an Kultursenator Klaus Lederer (Linke) forderten Mitglieder des Beirats der Gedenkstätte, den Rausschmiss rückgängig zu machen. Unterzeichnet ist der Brief von der früheren DDR-Oppositionellen Heidi Bohley (Schwägerin von Bärbel Bohley), der Schriftstellerin Freya Klier, der in der DDR inhaftierten früheren TV-Moderatorin Edda Schönherz und der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig.

Sie werten die Kündigung Knabes als Strafaktion für dessen „politische Unangepasstheit“. Auch in der Berliner FDP gibt es einige, die die Meinung äußerten, dass mit Klaus Lederer ein Linken-Politiker Vergeltung an Knabe wegen dessen unbequemer Aufarbeitung der SED-Diktatur nehmen wollte.