Berlin - Im Gesicht von Tomasz S. ist nicht zu erkennen, was er empfindet. Er schaut starr geradeaus, als der Staatsanwalt Philipp Hujo an diesem Dienstagmorgen die Anklage verliest. Es ist eine Anklage, die voller grausamer Details ist und die die Frage offen lässt, die sich wohl fast jeder im Saal des Kriminalgerichts stellt: Wie kann ein Vater seinem Kind so etwas antun?

Tomasz S. ist ein 31 Jahre alter, untersetzter Mann. Er hat sein Geld mit der Pflege von Autos verdient, galt, so sagt es der Staatsanwalt später, als durchaus liebevoller Vater. Nie zuvor hat Tomasz S. auf einer Anklagebank gesessen. Sein Vorstrafenkonto ist leer. Doch nun steht er vor einer Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts, weil er seine Tochter Nikola in der Wohnung der Großmutter in Treptow umgebracht haben soll. Auf grausame, heimtückische Weise und aus niedrigen Beweggründen, sagt Hujo. Das Mädchen wurde nur drei Jahre alt.

Die Tat soll der Angeklagte begangen haben, um seine Ehefrau Jolanta S. zu bestrafen. Die 46-Jährige hatte ihm am Tattag, dem 4. November, mitgeteilt, dass sie nicht mehr zu ihm zurückkehren werde. Wegen „häuslicher Gewaltvorfälle“, wie es in der Anklage heißt. Am Nachmittag war Tomasz S. mit seiner kleinen Tochter allein in der Wohnung seiner Mutter in der Köpenicker Landstraße. Das Kind spielte laut Anklage im Schlafzimmer vor einem Spiegeltüren-Kleiderschrank mit bunten Ketten und Bilderbüchern. Es sei völlig arglos gewesen, sagt Hujo.

Dreijährige starb an schweren Halsverletzungen

Tomasz S. soll das Kind vor sich gestellt haben und dann von hinten „in Tötungsabsicht“ mit einem Messer attackiert haben. Dann habe der Angeklagte sein Mobiltelefon gegriffen und das stark blutende, weinende und ungläubig im Spiegel auf seinen Vater schauende Mädchen gefilmt. Auf dem Videoclip soll die Stimme von Tomasz S. zu hören sein, der erklärt, Papa mache jetzt Schluss mit dem Leben. Es sei wegen der Mutter, die sie beide verlassen habe. Nach einer zweiten Messerattacke filmte Tomasz S. erneut die schwer verletzte Tochter. Das Kind starb kurz darauf an seinen schweren Halsverletzungen. Es habe, so Hujo, über die Tötungshandlung hinausgehende Qualen erlitten.

Nikolas Vater lässt sich an diesem ersten Verhandlungstag das erste Mal zu den Vorwürfen ein. Er gibt in einer Erklärung, die seine Anwältin verliest, die Tat zu. Während die Verteidigerin spricht, hat Tomasz S. den Kopf weit nach unten gebeugt. Er ist hinter der Brüstung, hinter der die Angeklagten sitzen, kaum noch zu sehen.

Er habe nie gedacht, dass er jemals so große Schuld auf sich laden werde, heißt es in der schriftlichen Einlassung. Er habe seine Ehefrau sehr geliebt, auch seine Tochter. Doch seine Frau habe ihm recht bald das Gefühl gegeben, nicht gut genug für sie zu sein. Vor allem, wenn er kein Geld verdient habe, habe sie sich abweisend verhalten. Und er habe sich dann klein und gekränkt gefühlt.

Über WhatsApp teilte die Ehefrau die Trennung mit

Tomasz S. berichtet davon, dass er mit seiner Familie in Polen, Bayern oder Schwedt habe glücklich werden wollen. Doch seine Frau habe es immer wieder nach Berlin gezogen. Zeitweise habe er die Tochter allein erzogen, habe für sie gesorgt, ihr einen kleinen Hund gekauft.

„Kurz vor der Katastrophe“ hätten er und seine Frau noch Sex miteinander gehabt. Er sei völlig fassungslos gewesen, als sie ihm per WhatsApp mitgeteilt habe, dass sie nicht mehr zu ihm zurückkehren werde. „Es war, als ob mir jemand den Boden unter den Füßen wegziehen würde“, heißt es in der Erklärung. Tomasz S. fühlte sich nach eigenen Worten ausgenutzt und hilflos. Er habe seine Tochter schützen wollen, vor der Mutter, die sie immer wieder verlassen würde. „In meiner Verzweiflung beschloss ich, uns beide zu töten.“

Tomasz S. lässt erzählen, dass er nach dem Tod des Kindes versucht habe, sich an der Türklinke zu erhängen. Dann habe er sich geritzt, sei später durch den Park gelaufen und habe überlegt, wie er sich töten könne. Letztlich sei er zur Polizei gegangen. „Ich habe nie gedacht, zu einer derartigen Tat fähig zu sein.“

Schon einmal Mutter und Kind mit Messer bedroht

Staatsanwalt Philipp Hujo sagt am Ende des ersten Prozesstages, dass der Angeklagte mit seiner Erklärung erstmals ein Geständnis abgelegt habe. Bei der Polizei hatte Tomasz S. angegeben, fremde, ausländische Männer hätte ihn und sein Kind in der Wohnung überfallen. Das hatte er vor zwei Jahren schon einmal behauptet. Damals soll Jolanta S. die Polizei gerufen haben, weil Tomasz S. völlig außer sich vor Eifersucht sie und die Tochter in der gemeinsamen Wohnung in Schwedt mit einem Messer bedroht und erklärt hatte, er werde Frau und Kind umbringen. Auch zwei Tage vor dem mutmaßlichen Mord an der kleinen Nikola soll er laut Anklage derartige Drohungen ausgestoßen haben. „Offenbar hat der Angeklagte seine Ehefrau als Eigentum betrachtet.“

In der Wohnung, in der das tote Kleinkind gefunden wurde, entdeckten die Mordermittler auch das Handy von Tomasz S. und darauf zwei Videoclips von jeweils etwa 15 Sekunden, die den Todeskampf des Mädchens zeigen. Die Videos waren laut Staatsanwalt Hujo bereits bei WhatsApp hochgeladen worden und sollten an Nikolas Mutter versendet werden.

Nikolas Mutter wird als Zeugin aussagen

Jolanta S., die Mutter der getöteten dreijährigen Nikola, ist im Prozess Nebenklägerin. Vor dem Mord an ihrer Tochter hatte sie sich schon eine neue Wohnung gesucht. Dort wollte sie mit ihrem kleinen Kind leben. Laut Staatsanwaltschaft hatte Jolanta S. ihrem Ehemann, mit dem sie seit 2016 verheiratet war, keinen Anlass zur Eifersucht gegeben. Sie wird voraussichtlich am Freitag der nächsten Woche als Zeugin vor Gericht gehört.

Der Angeklagte Tomasz S. soll voll schuldfähig sein. Staatsanwalt Hujo will, dass das Gericht bei einer Verurteilung wegen Mordes auch die Schwere der Schuld des Angeklagten anerkennt. Das Kleinkind habe seinem Vater vertraut. Die Tat, so sagt Hujo, habe selbst erfahrene Ermittler schockiert.