Laufschuhe auf dem Asphalt. Der rhythmische Widerhall unzähliger – menschlicher – Läufer auf dem Video-Still dröhnt gleichsam in unsere Ohren. Diese rennende Armee, in uniformen schwarzen Laufanzügen, schwarzen Kapuzen frequentiert einen markanten Kreuzberger Ort – das Schlesische Tor, den U-Bahnhof zwischen Görlitzer Bahnhof und Warschauer Straße –, läuft unter Herbstbäumen, vorbei an gefallenem Laub, unter der Bahnbrücke hindurch, von oben leuchten die gleichförmigen, gleichfarbigen gelben U-Bahn-Waggons herunter auf das schwarze Ornament anonymer, geklonter Gestalten. Gezeichnetes oder fotografiertes, dann per digitaler Technik in Bewegung gesetztes Laufen, Laufen, Laufen. Um jeden Preis.

Hypnotischer Blickfang

Nichts nämlich erklärt Sinn, Zweck oder Ziel dieses Musters aus geklonten Menschen. Das Rätsel soll der Betrachter offensichtlich selber lösen. Eins zumindest wird überdeutlich: Das Ornament ist sozusagen das künstlerische Fundament dieses jungen Fotografen und Videokünstlers aus Ankara, geboren 1983. Durch die Kunstbrücke Berlin-Istanbul kam seine spannende Ausstellung in die Galerie von Michael Schultz.

Das Menschen-Ornament-Video vor dem Schlesischen Tor, gemacht 2014 im Herbst, schon damals im Internet verbreitet, ist ein markanter, beinahe hypnotischer Blickfang, neben ähnlich magischen Szenen aus Istanbul, als menschliche Spirale auf dem symbolträchtigen Taksim-Platz, vor anderen heiligen Orten: der Süleymaniye-Moschee und der Hagia Sophia, als Kreisverkehr um ein Atatürk-Denkmal herum, auf Treppen heruntergekommener Industriegelände und Hafenspeicher, als Massenpublikum in einer antiken Arena, gar als menschlicher „Zaun“ am Ufer des Bosporus.

Am Rand zum Underground

Die Technik der digitalen Reproduktion ist Incis Werkzeug, die Illusion der Unendlichkeit seine Sprache. Seine Fotos und Zeichnungen mit menschlichen Bewegungsabläufen münden in ein fesselndes, irgendwie auch manipulatives Spiel mit Massen – bis hin zum erhobenen Zeigefinger: „Nun seht sie euch an, die Entwertung des einzelnen Menschen in unserer modernen Gegenwartskultur!“ Inci studierte in der türkischen Hauptstadt Malerei an der Hacettepe Universität. Heute lebt und arbeitet er in der Weltstadt Istanbul, erreichte schon internationalen Rang – und gehört zu all jenen Kreativen in der Türkei, die tief in der paradoxen, aufreibenden Situation stecken zwischen staatlicher Bevormundung und Anpassung und freier, kritischer Kunst, dann freilich immer am Rand zum Underground oder sogar Exil.

Aus dieser Erfahrung heraus, wohl aber auch mit dem Blick auf die globale Kunst-Produktion wählte der junge Inci für seine Bildsprache die Metapher: Das Ornament der schwarzen Klone steht für Gleichheit, Uniformität, für Masse und Macht. Seine anonymen, geschlechtslosen Figuren sind gleichsam grafische, sich aber in der Masse gleichförmig bewegende Elemente in einer digital generierten Zeitschleife. Form und Bewegung eint er durch das Medium Video zu einem schier endlosen Ganzen. Einzelbilder seiner Videoaufnahmen fügt er zu Bewegungsabläufen innerhalb eines einzelnen Bildvierecks zusammen.

Diese methodische Konzentration, ja gar Beschränkung auf ein statisches Viereck offenbart den Bezug auf Incis ursprüngliches Medium: die Malerei. Ja, er benutze, bestätigt er diese Feststellung, das Bildrechteck wie ein Maler seine Leinwand. Man könne eine Bewegung bis ins Unendliche duplizieren, auf diese Art und Weise alle einzelnen Zeitfenster derselben Performance sichtbar machen. „Das gibt mir wiederum die Gelegenheit“, erklärt Inci, „wie ein Maler oder ein Choreograph zu denken und eine Masse zu formen. Dabei füllt man den Rahmen nicht mit Formen oder Farben sondern mit Bewegung“. Und bei alledem schafft er mit Kamera, Zeichenstift und digitaler Technik das, was eigentlich unmöglich scheint, Künstler indes seit Jahrhunderten und besonders seit der Moderne umtreibt: den unaufhaltsamen Fluss der Zeit und das Einmalige des Moments in Bilder zu bannen.

Galerie Michael Schultz, Mommsenstraße 34. Bis 18. April, Di–Fr 10–19/Sa 10–14 Uhr. Tel. 319?91?30.