Erdgasspeicher in Berlin: Puffer unter Tage

Berlin - Wenn Andreas Riemke auf seine 13 Monitore schaut, denkt er nicht an die Ukraine-Krise. Er hat die Bohrungen im Blick und die Sonden, die tief unter ihm im Berliner Erdboden sitzen. Er beobachtet die Verdichtereinheiten. Und er überwacht die Temperatur des Erdgases. Neben ihm steht ein überdimensionaler Becher auf dem Tisch, mit einer Kaffeemenge, die für den ganzen Tag reicht. Alles wirkt ruhig, hier in der Leitzentrale des Berliner Erdgasspeichers in Charlottenburg.

Und doch ist der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ganz nah bei dem 53-Jährigen und seinen Kollegen. Das Erdgas, das eine Etage tiefer mit 100 bar Druck durch dicke Rohre rauscht, kommt direkt aus Sibirien. Immer häufiger wird in diesen Tagen und Wochen die Frage aufgeworfen, ob sich die europäischen Länder langfristig auf die Lieferung des russischen Gases verlassen können, angesichts der sich verschärfenden Krise.

Von einer strategischen Erdgasreserve, die eingerichtet werden müsse, ist die Rede. Einen entsprechenden Vorstoß unternahm Bayern kürzlich im Bundesrat. Das Auffüllen der Speicher in der EU und der Ukraine mahnte auch EU-Energiekommissar Günther Oettinger an. Sonst könne in kalten Wintern das Gas auch in Deutschland knapp werden.

Von enormer Größe

Die unterirdischen Depots könnten deshalb an Bedeutung gewinnen, glaubt Holger Staisch, Geschäftsführer der Berliner Erdgasspeicher GmbH, einer Tochterfirma der Gasag. „Die EU hat sehr konkrete Pläne zur Versorgungssicherheit, und Erdgas spielt dabei eine große Rolle“, sagt er. Holger Staisch steht auf der streng abgesicherten Betriebsanlage an der Glockenturmstraße südlich des Olympiastadions und erklärt die Funktion des Speichers.

Dessen enorme Größe ist hier, zwischen Verwaltungsgebäuden, Rohren und Absperrventilen nicht einmal zu erahnen. Bis zu einer Milliarde Kubikmeter Erdgas können unter der Heerstraße in einer Tiefe von knapp 1000 Metern gespeichert werden. Das Depot erstreckt sich auf drei Mal vier Kilometern zwischen Olympiastadion, dem östlichen Spandau und dem Grunewald.

Es ist ein sogenannter Aquiferspeicher, ein Porenspeicher, der aus einer Sandschicht besteht. „Darüber gibt es eine salzwasserführende Schicht, die wie ein Deckel dafür sorgt, dass das Gas nicht austreten kann“, sagt Bergbauingenieur Staisch. Durch diese gewölbte Struktur – sie ist einige 100 Millionen Jahre alt – wurden 17 Bohrungen vorgenommen, von denen derzeit 13 aktiv sind. Mit ihrer Hilfe wird das sibirische Erdgas nach unten injiziert. Später, wenn es gebraucht wird, können es Holger Staisch und seine Mitarbeiter wieder zutage fördern.

Dass es in der Stadt überhaupt einen Erdgasspeicher gibt, ist den Alliierten zu verdanken. Entdeckt wurde die Sandsteinschicht bereits in den 60er Jahren als man in West-Berlin nach Öl- und Gasvorkommen suchte. Zwar blieb die Suche erfolglos, aber an den Sandstein erinnerte man sich in den 80er Jahren wieder als West-Berlin an das sowjetische Gasnetz angeschlossen wurde. Der Alliierte Kontrollrat – von den Besatzungsmächten als höchste Regierungsgewalt in Deutschland eingesetzt –, stimmte dem Vertrag mit der Sowjetunion nämlich nur unter der Bedingung zu, dass ein strategischer Reservespeicher eingerichtet wird.

Dafür sollte das Sandsteinfeld unter dem Grunewald herhalten. Doch dann kam die Wende. Als der Berliner Erdgasspeicher 1992 in Betrieb genommen wurde, ging es nicht mehr um die Notreserve, sondern um die Puffer- und Handelsfunktion, die er auch heute noch hat.

„Man braucht einen Puffer in den großen Verbrauchsgebieten“, sagt Holger Staisch. Da gehe es vor allem um die Bedarfsspitzen in der kalten Jahreszeit, die die Leitungen überfordern würden. Der Speicher sorge für Druckstabilität. Im Winter wird deshalb Gas aus dem Speicher ins Netz eingespeist. Jetzt, im Sommer, wird der Speicher wieder aufgefüllt. Wie schnell, zeigt einer von Andreas Riemkes Monitoren an: 32 Kubikmeter Gas pro Stunde sind es derzeit. Was er nicht anzeigt, ist der Preis. Im Sommer ist Gas billiger. Preisschwankungen lassen sich so ausgleichen.

Von niedrigen Entgelten

Auch, wenn die politische Bedeutung der Erdgasspeicher steigt, ihre Wirtschaftlichkeit stufen die Betreiber derzeit als niedrig ein. Denn die Entgelte, die Gashändler für das Buchen von Speicherplatz zahlen, seien niedrig, sagt Holger Staisch. 2012 senkte die Gasag die Bewertung des Berliner Erdgasspeichers deshalb per Abschreibung um etwa 144 Millionen Euro.

Ein Schritt, über den sich der SPD-Abgeordnete Daniel Buchholz wundert. „Offenbar weist ihm die Gasag keinen strategischen Wert zu“, sagt der Experte für Energiepolitik. Das sei jedoch problematisch, nicht nur wegen der Ukraine-Krise. Wenn künftig die sogenannte Power-to-Gas-Technologie eingeführt werde, bei der mit Hilfe von Strom aus erneuerbaren Energien Gas hergestellt wird, brauche man genau solche Speicherkapazitäten. Im Abgeordnetenhaus will Buchholz diese Frage in der Enquete-Kommission „Neue Energie für Berlin“ aufwerfen.

Beim Mutterkonzern Gasag heißt es jedoch, der langfristige Betrieb des Erdgasspeichers stünde keinesfalls in Frage. Vorstellbar sei auch, dass er bei der Einrichtung einer strategischen Reserve eine Rolle spiele. Bislang stand das Thema in der Berliner Landeskoalition – anders als in Bayern – allerdings noch nicht auf der Agenda.