Berlin - Die Reihen sind dicht. Über 1000 Männer und Frauen sind an diesem Freitag zum Mittagsgebet in die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm gekommen. So ist es jeden Freitag. Dass hinter den Kulissen ein Beben stattgefunden hat, merkt man nicht. Am Sonntag ist auf Weisung des Türkischen Generalkonsulats allerdings der komplette Vorstand ausgewechselt worden.

Es sind junge Menschen, Alte, Menschen in Arbeitskleidung, Rollstuhlfahrer, kleine Kinder, die am Freitag in diesem Gotteshaus ihre religiöse Pflicht erfüllen. Die Männer beten auf zwei Etagen sowie auf der Empore im prachtvollen Hauptgebäude, die Frauen in einem Nebengebäude. Der Imam predigt auf Türkisch, es folgt später die Übersetzung ins Deutsche. Nach 40 Minuten drängen die Leute ins Freie und zu einem Stand mit Tee.

Beschwerden könnten die Entmachtung ausgelöst haben

Mert Inci und sein Cousin Murja sind aus Potsdam gekommen. „Hier kann jeder die Religion auf seine Weise leben“, sagt Mert Inci, ein BWL-Student. Ihm gefällt, dass die Moschee türkisch ist. Dass der Vorstand ausgetauscht worden ist, wissen die beiden noch nicht. Der Neuköllner Bauunternehmer Mesut Akay hingegen weiß Bescheid. Er kommt seit 30 Jahren. „Der bisherige Vorstand ist abgewählt worden“, sagt er. Über das Wahlprozedere weiß er wenig. Ein älterer Herr sagt, eine solche Wahl laufe nicht immer nach glasklaren Regeln ab. Dann tuscheln sie. Am Rande des Treibens steht der bisherige Vorstand Ender Cetin und begrüßt Bekannte.

Man habe 13 Personen zur Wahl aufgestellt, Cetin sei nicht darunter gewesen, sieben seien dann gewählt worden, berichtet einer der Bekannten. Wer die neuen sind, ist unklar. Anfragen an den Trägerverband Ditib und das türkische Generalkonsulat blieben unbeantwortet.

Es kommen mehrere Erklärungen für die Vorgänge in der Sehitlik-Moschee infrage. Der Kurs des bisherigen Vorstands gefiel nicht allen Mitgliedern. Vor allem ältere, stark in der Türkei verhaftete Mitglieder, hielten nichts von den Projekten der jungen Vorstandsriege. Deren Bemühungen zielten auf Öffnung und Integration, sowie die Entwicklung eines deutschen Islams. Möglicherweise haben Beschwerden die Entmachtung des Vorstands ausgelöst.

Mehr Transparenz ist nötig

Aber auch die Anweisung der Religionsbehörde zur Informationsbeschaffung über Gülen-Anhänger kann einen Einfluss gehabt haben. Botschaften und Konsulate im Ausland werden aufgefordert, Gutachten über verdächtige Bildungseinrichtungen, NGOs, Wohlfahrtsvereine, Personalabteilungen und Vereine zu erstellen. Denkbar ist, dass der bisherige Vorstand sich verweigert hat. Beobachter halten es für möglich, dass einzelne Mitglieder der Religionsbehörde selbst verdächtig erschienen.

Brisant ist, dass die Generalkonsulate in dem Schreiben angewiesen werden, die nach Deutschland entsandten türkischen Lehrer zu beobachten und zu überprüfen, ob sie der Gülen-Bewegung oder anderer Erdogan-kritischer Organisationen nahe stehen. Möglicherweise werden also Lehrer an deutschen Schulen ausgekundschaftet. In Berlin sind 50 von der Türkei für fünf Jahre entsandte Lehrer an 150 Schulen tätig. Sie lehren eine Mischung aus Türkisch und Heimatkunde. Die Bildungsverwaltung fürchtet, dass nur noch Erdogan-treue Lehrer nach Deutschland entsandt werden. Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat die Schulaufsicht angewiesen, sich ein klares Bild über die Tätigkeit der Lehrer zu verschaffen. „Wir benötigen mehr Transparenz über die Angebote und Informationen über die Erfahrungen seitens der Schulen“, sagte Scheeres.

Oft ohne Deutschkenntnisse

Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg (TBB) sieht die Tätigkeit der vom türkischen Generalkonsulat bezahlten Lehrer kritisch. „Mit ihren Schulbüchern und Lehrplänen bereiten sie die Kinder auf ein Leben in der Türkei vor“, sagte TBB-Vorstand Safter Cinar. Die Lehrer kämen meist ohne Deutschkenntnisse nach Berlin.

Auch Politiker regen sich über die Aufforderung zur Spitzeltätigkeit auf. „Falls sich das bestätigt, wäre das ein unerhörter Eingriff der türkischen Regierung in die Autonomie eines deutschen Vereins, der demokratischen Regeln unterliegt“, sagte Burkard Dregger, integrationspolitischer Sprecher der CDU. Da vereinsrechtlich solchen Bestrebungen nur schwer beizukommen sei, müsse über eine Änderung der Gesetze nachgedacht werden, sagte Dregger. „Das bestätigt, was ich schon lange vermute“, sagte Hakan Tas von der Linksfraktion. Die Absetzung des Vorstands erinnere an „Zustände in der Türkei, die wir in Deutschland nicht dulden dürfen“. Das Land Berlin müsse sich fragen, ob es Sinn mache, solche Vereine zu fördern. (mit tt.)