Es ist fast selbstverständlich, dass im Programm einer Fußballreise nach Rom eine Audienz beim Papst als Höhepunkt auftaucht. Natürlich nur, wenn es sich bei den Reisenden um Vertreter des gehobenen Profifußballs handelt, die keine Extrakosten scheuen, ein personalisiertes Gastgeschenk mitzubringen. So wie vor zwei Jahren der FC Bayern. Franziskus stand da auf dem Rücken des Trikots. Darunter die Nummer 1. Der Papst ist der höchste Stellvertreter des Fußballgottes auf Erden.

Bei geschenkten Trikots können nur Ölscheichs, Oligarchen oder andere im Geldüberfluss lebende Klubbesitzer mithalten oder Fußballfunktionäre und Fußballpolitiker, darunter Demokraten bis Despoten. Markus Söder eher nicht. Der weiß ja nicht mal, wie man ein Trikot richtig herum anzieht. Recep Tayyip Erdogan aber schon. Der türkische Staatspräsident hat in der Jugend selbst gekickt, er ist ein regelmäßiger Stadiongänger und hat ein Gespür dafür, wie er Fußballdebatten in seinem Sinne nutzen kann. Über seine Erfolgstaktik sagt Erdogan: „Der Wettkampf ist der Kern von beiden: Fußball und Politik.“

Ist Erdogan ein wenig neidisch auf Putin?

Der größte politische Fußballwettkampf beginnt in einem Monat in Moskau, in einem Land, in dem ein Mann herrscht, der die Verquickung von Fußball und Politik perfektioniert hat. Mit Staatsbetrieben hat Wladimir Putin neue Ersatzspielfelder erschlossen. Gazprom ist sein Torgarant. An Gewinnmaximierung interessierten Verbänden wie Fifa und Uefa ist es letztlich egal, wer sie finanziert. Russland? Katar? Hauptsache Geld, das dabei hilft, das globale Premiumprodukt Fußball massenweise bis in die letzte Marktlücke hinein zu exportieren – Werte wie Fair Play passen dann ins Handgepäck.

Man darf davon ausgehen, dass Erdogan ein bisschen neidisch ist auf Putin und eine ähnlich pompöse Sportpolitik betreiben würde, wenn er nur könnte. Umgekehrt könnte Putin beeindruckt sein von dem politischen Nutzen, den Erdogan aus einem Treffen mit den deutschen Nationalspielern Mesut Özil und Ilkay Gündogan zog.

Als wäre Erdogan darauf angewiesen, seine Bekanntheit noch zu steigern, verbreitete seine Partei die passenden Bilder. In knapp sechs Wochen finden in der Türkei die vorgezogenen Präsidentschaftswahlen statt. In Deutschland darf Erdogan keinen Wahlkampf machen. Mit Deutschen schon. Doch für die meiste Aufregung sorgte die Widmung, die Gündogan auf sein Klubtrikot geschrieben hatte: „Für meinen Präsidenten …“. Man muss „meinen“ nicht wörtlich übersetzen, als Possessivpronomen verstehen. Im Türkischen drückt es zwar große Nähe aus, aber manchmal auch großen Respekt.

Nationalspieler als Beispiel für Integration

Gündogan hat im Gegensatz zu Özil eine doppelte Staatsbürgerschaft. Faktisch hat er also nichts falsch gemacht. Doch mit ein bisschen mehr Realitätssinn hätten beide wohl verstanden, welches Motiv Erdogan hat, welches fatale Signal bei allen ankommt, die ihm nicht folgen. Die Moral der Geschichte findet sich irgendwo in der Schnittmenge aus Fußball und Politik, doch die resultierende Debatte wird nur auf dem Rücken der Spieler ausgetragen. Spieler, die naiv oder von falschen Einflüsterern gesteuert sein können, wenn sie ihre Trikots ausziehen und verschenken.

Die deutschen Nationalspieler sind keine durchnummerierten Staatsdiener. Sie müssen nicht die Hymne singen. Es reicht, wenn sie sich ans Grundgesetz halten. Nationalspieler mit Migrationshintergrund allerdings sollen oft einen doppelten Standard erfüllen. Sollen besonders gute Fußballer sein und besonders gelungene Beispiele für Integration. Der DFB gibt sich ja selbst den Auftrag, eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Früher hat der Verband sich dem Kampf gegen Drogen verschrieben. Aktuell will er Brücken nach Russland bauen. Putins Fußballwelt hat er trotzdem nie infrage gestellt. Wo Machtspiele allzu offensichtlich werden, heißt es immer, der Sport müsse am Ende im Vordergrund stehen. Oder: Fußball soll keine politischen Probleme lösen. Das verlangt auch niemand. Manchmal würde es schon reichen, wenn er keine neuen schafft.