Berlin - Wer ist hier eigentlich wer? Wer Wohnungssuchender und wer Mietaktivist? Wer Pressevertreter und wer Zivilpolizist? Aber fangen wir doch vorne an, am Donnerstag um 18.15 Uhr, als alle noch im Bus sitzen, vom Alexanderplatz in Richtung Kreuzberg fahren und ein älterer Herr mit Hut, Bart und Hornbrille sich das Bordmikrofon schnappt. Mit latent französischem Akzent stimmt er die Reisegruppe auf das Besichtigungsgebiet ein. „Wir fahren jetzt nach Kreuzberg“, nuschelt er, „das war der Ort in den 80er-Jahren, wo man alle Punks getroffen hat und die türkische Community.“ Pause. Knackgeräusche. „Es hat sich nichts geändert, die Punks sind weggezogen oder sie sind Yuppies geworden.“ Spätestens in diesem Moment hätte man merken können, dass diese Veranstaltung reichlich absurd ist.

Zum ersten Mal haben Makler zur Langen Nacht der Wohnungsbesichtigung eingeladen. Es ist eine Werbetour durch die Trendbezirke der Stadt. Wohnungssuche per Busrundfahrt? Es sind vor allem Neuberliner und junge Leute, die auf diese Art und Weise hoffen, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Sie denken, in Berlin seien die Mieten besonders günstig, ständig liest man davon. Im Laufe dieses Abends merken die Suchenden aber, dass es nicht so einfach ist, eine preiswerte Wohnung zu finden, schon gar nicht auf dieser Werbetour.

Proteste gegen Gentrifizierung

Caro Riedel sitzt in einem der Busse nach Prenzlauer Berg. „Ich suche seit mehr als drei Monaten eine Wohnung“, sagt die 21-Jährige, die eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau macht. Ihr Appartement in Charlottenburg sei ihr zu teuer, sie habe zum 1. Dezember gekündigt. Die junge Frau ist unsicher, wo sie aussteigen soll. Oderberger Straße oder Schönhauser Allee? „Das Problem ist, man weiß nicht, was für Wohnungen einen erwarten“, sagt sie. Klein, groß, zur Miete oder zum Verkauf - das wissen die Teilnehmer oft erst, wenn sie in der Wohnung stehen.

Der hochgewachsene Mann in eleganten Lederschuhen vor ihr wischt hektisch über das Display seines Smartphones. „Wir machen das hier zum ersten Mal“, sagt er. Der Mann heißt Marc Stilke und stellt sich als Geschäftsführer von Immobilienscout24 vor, dem Online-Portal für Wohnungen. Das Unternehmen hat die Lange Nacht der Wohnungsbesichtigung organisiert. Stilke ist etwas nervös. Linke Gruppen haben angekündigt, die Besichtigungen zu stören. Die Gentrifizierungsgegner protestieren gegen die steigenden Mieten in Berlin, gegen Verdrängung und soziale Ausgrenzung. Stilke sagt, den Protest der Aktivisten nehme er gelassen hin. „Berlin ist eine Stadt, in der viel diskutiert wird.“ Verglichen mit Paris oder London seien die Mieten hier aber ziemlich günstig.

18.35 Uhr, in Kreuzberg hält der Bus an der Schlesischen Straße 14. Renovierter Altbau, Hinterhaus, Vier-Zimmer-Wohnung, 103 Quadratmeter, Zentralheizung, Miete 1 261 Euro. Ein junger Mann, Student, der nach eigenen Angaben 19 Jahre alt ist und aus Paderborn stammt, zeigt sich interessiert. Er ist mit Freunden erschienen und wird von einem Radiojournalisten begleitet. Warum er nach Kreuzberg ziehen wolle? „Weil es hier cool ist.“ Wie viel er bereit sei, für die Wohnung zu bezahlen? Gerade mal die Hälfte. „Sechshundert.“

An der Wand lehnt ein Bild. In der Wohnungsbeschreibung steht: „Der Künstler Anil Kohil stellt in entspannter Atmosphäre seine neuesten Werke vor!“ Und: „Ganz zwanglos können Sie sich führen lassen oder selbst auf Entdeckungsreise gehen.“ Aus dem Innenhof dröhnt lauter Punkrock.

18.40 Uhr, Zwischenstopp an der Oderberger Straße in Prenzlauer Berg. Caro Riedel beschließt, noch eine Station weiter zu fahren. Ein bestialischer Gestank hat sich plötzlich im Bus ausgebreitet. Er erinnert an Erbrochenes und an faule Eier. „Wohl eine Form des Protests“, vermutet einer. Offenbar gab es eine Attacke mit Buttersäure.

21 Jahre jung und kaum Geld

An der Schönhauser Allee steigt Caro Riedel aus. In der Nummer 114 a geht es durch ein marodes Treppenhaus in eine sanierte Drei-Zimmer-Wohnung, 138 Quadratmeter, Blick auf die U-Bahn. Riedel, die vor zwei Jahren aus Sachsen-Anhalt nach Berlin kam, will mit Freunden eine WG gründen. „Wir haben uns als Grenze 350 Euro pro Person gesetzt“, sagt sie. Die Wohnung kostet 1 600 Euro warm.

Es ist 19.55 Uhr, in einer großen gepflegten Altbauwohnung an der Schlesischen Straße in Kreuzberg ändert sich die Stimmung. 163 Quadratmeter, Fischgrätenparkett aus Eiche, Kaufpreis 380 000 Euro. Ein älterer Mann, den man bei jeder Demo gegen steigende Mieten in der ersten Reihe sieht, entdeckt die Sektflaschen, die jemand auf einem Tisch abgestellt hat, daneben stapeln sich Plastikbecher. Er lässt den Korken knallen und ruft in den Raum: „Schön, dass Sie hier sind, um kräftig abzukassieren. Es lebe der Kommunismus.“ Ein jüngerer Mann, der nach eigenen Angaben Platz für einen Billardtisch sucht und hier mit seiner Katze einziehen will, verteilt die Becher. Prost.

In der Schönhauser Allee steht Caro Riedel vor einer verschlossenen Haustür, niemand öffnet. Drei Zimmer für 805 Euro kalt sollte es hier geben. Offenbar hat der Makler die Lange Nacht verschlafen. Die 21-Jährige ist enttäuscht. Es ist für sie die einzige erschwingliche Wohnung des Abends. Sie macht noch einen Versuch: Das nächste Objekt ist ein Dachgeschoss-Apartment. „450 000 Euro“, sagt die Maklerin. Nur Kauf, keine Miete. Riedel macht große Augen und geht wieder. Sie darf sich eine Praline mitnehmen.

Es ist 21 Uhr, in der Schlesischen Straße ist die Lange Nacht der Wohnungsbesichtigung zu Ende, das haben die Vermieter angeordnet. Polizisten haben beide Häuser abgesperrt, weil sich zu viele Aktivisten vor der Tür versammelt haben und lautstark einen Mietenstopp fordern. Eine 29-Jährige, die im Hausflur die Wand mit einem Stift beschmiert hat, wird vorläufig festgenommen. Die Shuttle-Busse halten ab jetzt nicht mehr hier.