Berlin - Es ist eher selten, dass ein Bauprojekt billiger wird als geplant. Ob Großflughafen, Staatsoper oder Autobahn – üblicherweise steigen stets die Kosten. Doch es geht auch anders: Die Ufersanierung des Landwehrkanals ist für weniger als die Hälfte der einst errechneten 180 Millionen Euro machbar. Die Arbeiten, die im kommenden Jahr beginnen sollen, kosten den Steuerzahler maximal 70 Millionen Euro. Möglich wurde dies, weil engagierte Bürger die Planung vom „grünen Tisch“ nicht hinnehmen wollten und die Suche nach Sanierungs-Alternativen vorangetrieben haben. Eine entsprechende Vereinbarung mit dem Titel „Zukunft Landwehrkanal“ wurde am Dienstagnachmittag im Bundesverkehrsministerium unterzeichnet.

Sechs Jahre hat es gebraucht, bis diese Vereinbarung fertig war. So lange dauerte ein Mediationsverfahren, das jetzt offiziell beendet ist. Gut 140 Mal trafen sich Vertreter von 25 Bürger- und Naturverbänden, aus fünf Bezirken und zwei Senatsverwaltungen, von IHK, Reedereien und dem zuständigen Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) zu Gesprächen.

Die Mediation, was nichts anderes bedeutet als der Versuch eines Gesprächs unter verfeindeten Seiten, war ein Erfolg. Weil alle Seiten ihn wollten, wie WSA-Chef Martin Scholz am Dienstag sagte: „Wir hatten eine Krise, aus der wir gelernt haben.“ Die Krise, Scholz spricht sogar von „Supergau“ für seine Behörde, begann im Sommer 2007. Damals sackte 50 Meter lang Erdreich am Tempelhofer Ufer ins Wasser. Das WSA beschloss, erst mal 200 Bäume zu fällen. 38 Bäume wurden abgesägt, dann meldeten sich die Anwohner. Nach Protesten und 26.000 Unterschriften gegen das Vorgehen lenkte die Behörde ein, das bundesweit wohl längste Mediationsverfahren begann.

Bürgerbeteiligung ernst nehmen

Gelernt habe man, so WSA-Chef Scholz, dass man nur gemeinsam erfolgreich sein könne. Und dass man Bürgerbeteiligung ernst nehmen müsse: „Wir hätten uns viel Ärger erspart, wenn wir den Kontakt zu den Anwohnern früher gesucht hätten.“ Man habe auch gelernt, dass Bürger keine lästigen Querulanten sind. Dank der vielen Gespräche sei man zudem zu Ergebnissen gekommen, an die vorher niemand gedacht habe.

Auf Ergebnisse, zu denen die Bürger tatkräftig beigetragen haben. „Wir haben die Behörden zur Bürgerbeteiligung getrieben“, sagt Anwohner Achim Appel. Der 61-jährige Kreuzberger war von Anfang an dabei. Sie wurden im Laufe der Zeit selbst zu Experten. Begriffe wie Ziegelflachschichten, Wasserrahmenrichtlinien oder Primärsanierungsmethodenfamilie kommen Appel und Kollegen ohne Stocken über die Lippen. Denn längst geht es nicht nur um die rund 4 500 Bäume am Kanal. Von deren Fällungen redet niemand mehr. Aus heutiger Sicht, räumt WSA-Chef Scholz ein, waren sie ein Fehler, weil die Wurzeln das Erdreich stabilisieren.

Flachwasser für Flusskrebse

Die Sanierung des insgesamt 22 Kilometer langen Kanalufers wird vor allem deshalb billiger, weil man sich auf eine ökologische Sanierungsvariante einigte. Statt wie ursprünglich vorgesehen generell mit Stahlspundwänden werden die Uferkanten jetzt hauptsächlich durch Steinauffschüttungen befestigt. Spundwände werden nur eingerammt, wenn es nötig ist. „Die Steinaufschüttungen werden von der Wasserseite her ans Ufer gebracht und dann mit Kies oder Ziegelflachschichten stabilisiert“, erklärt Achim Appel. Dass durch diese Aufschüttungen der Kanal schmaler wird und die Fahrgastschiffe dann generell nur noch von Süd nach Nord fahren können, ist Teil der Vereinbarung. In dem Papier steht auch, dass in Höhe des Tiergartens ein künstlicher Graben als Laich- und Rückzugsraum für Fische und im Bereich der Schleuseninsel Flachwasserbereiche für seltene Flusskrebse geschaffen werden.

Vom Erfolg der Mediation haben sich jetzt auch die Berliner Wasserbetriebe inspirieren lassen. Sie bauen Regenüberlaufkanäle zum Landwehrkanal. An der Lausitzer Straße, berichtet Sprecher Stephan Natz, hatte man schon eine Baugenehmigung für die Grube, doch dafür hätten zwölf Bäume gefällt werden müssen. „Wir haben dort ein neues Bauverfahren entwickelt, arbeiten jetzt mit einem Tunnelvortrieb, bei dem kein Baum weg muss.“ Die Anwohner seien begeistert, vor allem, weil sie sich ernst genommen fühlten, so Natz.

Die Mediationsrunde trifft sich übrigens im Februar erneut. Dann, um den Fortgang der Arbeiten zu überprüfen. Denn auch während der Sanierung, die gut zehn Jahre dauern kann, sollen die Bürger beteiligt werden. Im WSA wird eigens eine Zentrale Anlaufstelle geschaffen, wo man sich jederzeit informieren kann. Kontrolle sei wichtig, sagt Achim Appel. „Wir machen weiter, denn der Teufel steckt sehr oft im Detail.“