Die Kerzen sind weg. Auch die Zettel, die Traueranzeige sowieso. Vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in der Moabiter Turmstraße ist am Donnerstag nichts mehr zu sehen, das an den angeblich verstorbenen syrischen Flüchtling vom Vortag erinnert. An die Falschmeldung des freiwilligen Helfers Dirk V., der vom Tod eines Mannes berichtete, den es niemals gab.

Die Initiative „Moabit hilft“, die die Meldung vom angeblichen Tod ungeprüft verbreitet hatte, äußert sich am Donnerstag selbstkritisch. „Wir haben einen Fehler gemacht und bereuen das auch“, sagt Diana Henniges, die Sprecherin der Initiative. Dirk V. habe das vollste Vertrauen genossen. „Die letzten Monate haben wir Schulter an Schulter miteinander gearbeitet“, so Henniges. „Wir hätten nie gedacht, dass es soweit kommt. Dass sich jemand so dermaßen von der Wahrheit verabschiedet.“

„Wir fühlen uns von ihm verraten“

Dirk V. hatte am Mittwoch in einem Chat mitgeteilt, dass ein 24-jähriger Syrer, der tagelang am Lageso bei Minusgraden im Schneematsch angestanden habe, nach Fieber, Schüttelfrost und einem Herzstillstand in einem Krankenhaus verstorben sei.

Für Thomas Gleißner, Sprecher der Caritas, zeigt der Fall, dass die freiwilligen Unterstützer „an die Grenzen der Belastbarkeit gegangen sind“. Die Helfer würden nun selbst Unterstützung brauchen, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten, sagt er. Die Initiative „Moabit hilft“ setzt sich unterdessen von ihrem bisherigen Weggefährten ab. „Wir distanzieren uns von Dirk V.“, sagt Diana Henniges. „Wir fühlen uns von ihm verraten.“ Der Helfer habe „der Glaubwürdigkeit der Flüchtlingsinitiativen“ geschadet.

„Dadurch gehen die Spenden zurück, dadurch haben wir weniger Mitarbeiter, dadurch haben wir Drohanrufe von Nazis“, sagt Henniges. Die Flüchtlinge, die in der Initiative mitarbeiten, seien „genauso geschockt und sagen: Wie kann sich jemand sowas ausdenken. Wie kann man den Tod eines Menschen vortäuschen“. Dirk V. könne jetzt bei der Initiative nicht mehr mitarbeiten, so Henniges. Mitglied im Verein „Moabit hilft“ sei er nicht gewesen. Dirk V. entschuldigte sich in der Nacht zu Donnerstag in einem Eintrag bei Facebook (siehe Text unten).

„Es sind tolle Leute, die sich dort engagieren“

Der Verein „Die Basis“, der sich von der Initiative „Moabit hilft“ Ende vergangenen Jahres abgespalten hat, sieht sich in seiner Kritik bestärkt. Der Fall bestätige die „Inkompetenz“ von „Moabit hilft“, sagt Victoria Baxster, Initiatorin von „Die Basis“. „Moabit hilft“ habe die Nachricht vom Tod des Flüchtlings „ohne fundierte Informationen“ verbreitet. Etwas milder äußert sich Thomas Gleißner von der Caritas. „Das ging zu weit, gar keine Frage“, sagt er. Doch zugleich warnt er davor, sich von allen Helfern zu distanzieren, nur weil einer einen Fehler gemacht habe. „Es sind tolle Leute, die sich dort engagieren.“ Es sei unmöglich, auf die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer zu verzichten.

Die Helfer am Lageso zeigen sich besonders betroffen. „Erst war ich traurig, dass ein Mensch gestorben ist. Dann geschockt, dass es eine Ente ist“, sagt der 49-jährige Kurt Kettler. Er arbeitet seit einem halben Jahr als Helfer am Lageso. In knallgelber Jacke steht er vor dem Haus D, wo „Moabit hilft“ Informationen verteilt, gespendete Kleider sortiert und Kaffee ausgibt. Wie viele andere Helfer hatte er die Nachricht auf Facebook gepostet, Freunden geschickt, weiterverbreitet. „Manche schämen sich dafür. Aber wie hätte man es wissen sollen? Solche Falschmeldungen gab es ja nie“, sagt er. Den Verbreiter der erfundenen Geschichte kannte Kettler nicht. Was er von ihm denkt? „Menschen sind nur Menschen, Helfer sind nur Helfer“, sagt er nur. „Ich glaube, dass die Berliner langfristig schlau genug sind, ’Moabit hilft’ das nicht anzukreiden.“