Berlin - Kinder, die keine Kita besuchen, haben deutlich häufiger Sprachdefizite. Das zeigt der Test „Deutsch Plus 4“, an dem nur Kinder im Alter von vier Jahren teilnahmen, die nicht in einen Kindergarten gehen. 84 Prozent der 692 dieses Jahr in Berlin getesteten Kinder zeigten Sprachförderbedarf, ihr Anteil wächst seit drei Jahren. In den Kitas ist das Problem kleiner, aber konstant. Logopäden werfen den Ärzten vor, Defizite bei kleinen Kindern zu ignorieren und zu selten eine Sprachförderung zu verordnen.

„Der Senat wirbt dafür, dass möglichst viele Kinder – gerade auch Kinder mit Sprachdefiziten – eine Kita besuchen“, sagt Iris Brennberger, Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Stellen die sogenannten Sprachberater – Lehrkräfte mit Forderschwerpunkt Sprachen oder Lehrbefähigung für Deutsch als Fremdsprache – beim Test fest, dass den Kindern wesentliche Sprachkenntnisse fehlen, sind die Eltern in der Pflicht. Sie müssen ihr Kind dann für anderthalb Jahre vor der Einschulung halbtags in eine Kita geben, wo sie eine Sprachförderung erhalten. Tun sie das nicht, droht ein Bußgeld. Zahlen müssen sie auch, wenn sie mit ihrem Kind gar nicht erst zum Test erscheinen.

Im Jahr 2015 zeigten 59 Prozent der Kinder ohne Kita einen Förderbedarf, vergangenes Jahr waren es 74 Prozent. Repräsentativ für einen Trend seien die Zahlen durch die geringen Teilnehmerzahlen zwischen 400 und 800 Kindern nur bedingt, sagt Brennberger. Wesentlich mehr nähmen an der „Qualifizierten Statuserhebung“ teil, für die jährlich in einem längeren Zeitraum die Sprachkenntnisse von Kita-Kindern untersucht werden. Von den knapp 24.000 hatten im Vorjahr 3704 Kinder einen Sprachförderbedarf, rund 16 Prozent. 2015 waren es knapp 17 Prozent, allerdings waren die untersuchten Kinder in jenem Jahr jünger, weil noch das geringere Einschulungsalter galt.

Eltern spüren das

Der Deutsche Bundesverband für Logopädie (DBL) schätzt das Problem wesentlich größer ein. Aus den Schuleingangsuntersuchungen geht dem Verband zufolge hervor, dass zwischen 25 und 30 Prozent aller Schulanfänger „sprachlich auffällig“ sind. Die Ursachen dafür können psychischer, physischer und sozialer Natur sein, erklärt Frauke Kern vom DBL-Vorstand. Hörprobleme, wenig Kommunikation in der Familie, aber auch verschiedene Krankheiten wie Meningitis oder Behinderungen wie das Down-Syndrom könnten die Sprachentwicklung kleiner Kinder stören.

Die Folgen seien zum Teil drastisch: Kern spricht von einem Rückzug der Kinder, von Lernblockaden und kindlicher Depression. Schwierig sei es, Sprachdefizite festzustellen, wenn Kinder und Jugendliche schon kompensieren, damit ihre Sprachschwäche nicht auffällt. In diesen Fällen könne Schweigen, auffälliges Gestikulieren und letztlich sogar schlechte Noten und angebliche Unkonzentriertheit im Schulunterricht ein Zeichen sein, dass ein Sprachdefizit vorliegt.

„Die Eltern spüren schnell, dass etwas mit ihrem Kind nicht stimmt“ sagte Kern. Das Problem seien Kinderärzte, die das Problem verniedlichen mit „Das wächst sich aus“ und zu selten logopädische Förderung verordnen. Die Tests würden oft „mangelhaft“ ausgeführt, die Ärzte hätten zu wenig Zeit für eine belastbare Diagnose. „Wir sind der Meinung, dass Eltern mit ihren Kindern direkt zum Logopäden kommen sollten und nicht erst zum Arzt, sagte Kern. Das sei aber nicht durchsetzbar: „Die Ärzte wollen die Bestimmer bleiben.“ (dpa)