Erinnerung an NS-Terror: Neues Mahnmal am Moabiter Güterbahnhof erinnert an Deportationen

Eingezwängt zwischen einem Baumarkt und einem Supermarkt ist der gut 100 Meter lange, gepflasterte Weg noch original erhalten. Er führt von der Quitzowstraße Richtung Norden zu den Bahnanlagen, zu dem Ort, an dem sich einst der Güterbahnhof Moabit erstreckte. Über diese Pflastersteine mussten vom Frühjahr 1942 an Tausende Berliner Juden gehen. Die SS trieb sie zu den Gleisen 69, 81 und 82, um sie auf die Fahrt in die Vernichtungslager zu schicken. Wie Vieh wurden sie in die Waggons gepfercht. Um an die Deportationen zu erinnern, soll nun endlich neben dem Pflasterweg auf einer kleinen Fläche ein würdiges Mahnmal entstehen. Die Lotto-Stiftung hat jetzt 150.000 Euro für die Realisierung bereitgestellt.

Künstlerischer Wettbewerb

„Ich bin sehr erleichtert. Erstmals ist es möglich, dass der Güterbahnhof Moabit seine Geschichte durch künstlerische Mittel erzählt, eine Geschichte des Leidens und Mordens“, sagt Sabine Weißler (Grüne). Sie ist die Kulturstadträtin in Mitte und hat sich seit ihrem Amtsantritt vor vier Jahren für den Erinnerungsort eingesetzt. Schon in Steglitz hat sie als Kulturamtschefin vor 20 Jahren trotz Blockadeversuchen im Bezirk mit dafür gesorgt, dass die Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz aufgestellt werden konnte, die an die aus Steglitz deportierten und ermordeten Juden erinnert.

Wie Weißler sagt, habe es auch in Mitte viel zu lange gedauert. Dabei hatte Andreas Nachama, der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, immer wieder gemahnt, dass es höchste Zeit sei, diesen Ort würdig zu gestalten. Denn der Güterbahnhof Moabit war der größte Deportationsbahnhof in Berlin. Von dort wurden ab 1942 etwa 30 000 der mehr als 53.000 deportierten Juden abtransportiert. Doch mehrere Anläufe zum Bau der Gedenkstätte waren in den vergangenen Jahren gescheitert, auch die historische Quellenlage zu den Deportationen war schlecht. Zudem mussten viele Grundstücksfragen geklärt werden.

Mit den Lotto-Mitteln ist eine Finanzierung des Mahnmals jetzt gesichert, deshalb kann die Senatskulturverwaltung noch in diesem Jahr einen künstlerischen Wettbewerb starten. Dabei soll geklärt werden, ob es möglich ist, historische Spuren zum Beispiel das Pflaster in die Gestaltung einzubeziehen. Auch das Gleis 69 liegt noch an der historisch richtigen Stelle, es wurde nach Kriegsende allerdings erneuert. Ebenso existiert ein Teil der alten Laderampe auf dem Grundstück an der Ellen-Epstein-Straße, auf dem das Mahnmal errichtet werden soll.

Initiative will Deportationsweg markieren lassen

Erinnert werden soll auch daran, dass die Deportationen ihren Ausgangspunkt in der Levetzowstraße hatten. Die Nazis funktionierten die Synagoge in Moabit zu einer „Sammelstelle“ um. Ab Oktober 1941 bis Januar 1942 wurden die Juden von dort zunächst zum Bahnhof Grunewald getrieben, die Transporte fuhren in die Konzentrations- und Vernichtungslager wie Auschwitz, Theresienstadt, Riga, Minsk und Lodz. Das Denkmal Gleis 17 erinnert daran.

Dann wurde der Güterbahnhof Moabit für die Deportationen genutzt, weil der Weg von der Levetzowstraße nur zwei Kilometer lang war. Die Initiative „Sie waren Nachbarn“ betont, dass der Deportationsweg mitten durch Moabit geführt hat, dass Tausende Menschen unter den Augen der Berliner durch die Straßen getrieben wurden. Die Initiative setzt sich nicht nur für ein Mahnmal ein, sondern will auch erreichen, dass der Deportationsweg markiert wird.

Auch Stadträtin Weißler möchte das, will den anstehenden Wettbewerb aber nicht mit zu vielen Themen überfrachten. „Mit dem Weg werden wir uns weiter beschäftigen.“ Sie müsse auch darüber nachdenken, wie man eine Verbindung zwischen dem Mahnmal und dem bestehenden Denkmal auf der nahen Putlitzbrücke herstellen kann. 2016 soll der Erinnerungsort am Güterbahnhof eingeweiht werden.