Erinnerungen an das alte West-Berlin - und wie die Stadt nach dem Mauerfall reagierte

Berlin - Es war sinnigerweise die Schriftstellerin Katja Lange-Müller, 1984 von Ost nach West gekommen, die die Lage der West-Berliner nach dem Mauerfall drastisch auf den Punkt brachte. Es habe vielen „ihre Stadt unter dem Arsch weggezogen“. Tief war der Fall zwar nicht, und doch war die Landung unsanft. Sie ähnelte dem Aufwachen aus einem etwas bizarren Traum. Mit einem Mal füllte sich die Stadt mit fremden Leuten.#

Das alte West-Berlin war eine unwirklich leere Stadt gewesen, zumal in den Siebzigern. Selbst in den Nachmittagsstunden saß man oft nur zu zweit oder dritt in der S-Bahn. Vierspurige Prachtstraßen hatte der Mauerbau in Sackgassen verwandelt, auf denen Kinder und Hunde spielten.

Eine Tankstelle in einem grenznahen Kreuzberger Niemandsland ohne Durchgangsverkehr war übriggeblieben wie aus einer anderen Epoche; ein zugemauerter Treppenabgang fand sich in einer Wüste aus Sand, die, wie eine Informationstafel belehrte, einmal Potsdamer Platz geheißen hatte. Ein paar hundert Meter weiter ragte ein ehemaliger Ballsaal aus dem Nichts. Unvorstellbar, dass man ihn einmal auf Schienen beiseite fahren würde, um etwas drumherum zu bauen, das man „Sony Center“ nennen würde.

Es herrschte Stille in West-Berlin

Vielerorts beschlich einen das Gefühl, die Geschichte habe sich West-Berlin zum Pfand genommen. Sie habe die Stadt nach dem Krieg erst einmal stillgestellt, bis ihr später vielleicht einmal einfallen würde, was sie damit vorhabe.

Es herrschte Stille auf den einst zentralen Plätzen und Straßen, die jetzt Stadtrand waren und Ruinen noch dazu wie der Anhalter Bahnhof, in dem man manchmal die Kofferträger noch rufen zu hören glaubte, wenn man angeschickert genug war. So schnell sich die Wunden des Krieges in den westdeutschen Großstädten wieder geschlossen hatten, in West-Berlin blieben sie schon allein durch diese Leere offen.

Überzeugte Berliner, also die Zugezogenen zumeist, hegten eine Art Wundenstolz. Die unverhohlene Ramponiertheit der Stadt galt ihnen als getreues Spiegelbild einer angemessenen seelischen Verfassung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Viele der jüngeren West-Berliner empfanden zudem die Teilung bei allem Ungemach als gerecht und sinnfällig, wohingegen sie nicht müde wurden, die durchrenovierten vitalen Konkurrenzstädte München und Hamburg als unwahrhaftig und geschichtsvergessen abzutun.

„Berlin hängt am Tropf“

Das Leben auf dieser absurden Insel fiel umso leichter, als die wenigen Opfer, die dafür aufzubringen waren, doppelt und dreifach entgolten wurden. Das Schaufenster des Westens wurde großzügig subventioniert. Wegen immenser Steuererleichterungen lohnte es sich auch, in dieser nur umständlich zu erreichenden Stadt bedachtsam Likör, Schokolade, Zigaretten, Glühbirnen, Rasierklingen, Motorräder und Turbinen herzustellen.

Das Leben war geruhsamer als irgendwo sonst in Deutschland. Zauberhaft: eine Großstadt, in der man sich erholen konnte. In die schroffe Stadtlandschaft waren überall kleine Laubenpieperidyllen eingelassen. „Berlin hängt am Tropf“, sagte man; man muss sich den Patienten aber als einen Menschen vorstellen, der mit seinem Infusionsstativ am Havelufer spazieren ging und die Wonnen der Stimulanzien genoss, die aus dem Katheter strömten.

Eine Stadt voller einsamer Vögel

Zum „Bollwerk der Freiheit“ gehörte auch die Subvention einer gesellschaftskritischen Kunst und Kultur, mit der West-Berlin seine Liberalität demonstrierte. Viele Tausende von Künstlern und Intellektuellen lebten von immer neuen Projekten, Festivals und Austauschprogrammen in einer süßen Bitternis, die keine Sperrstunde kannte, aber viel Vogelgezwitscher in der Morgendämmerung.

In die Kneipen stiefelte man allein und fand sich alsbald mit irgendwem ins Gespräch vertieft. Man musste nicht wie heute Gesellschaft mitbringen, wenn man die damals noch ganz billige Paris Bar aufsuchte, die Ruine oder das Liliom. 

West-Berlin war voller einsamer Vögel, die sich dafür nicht schämten, angeführt von den Wilmersdorfer Witwen, die sich die Lippen rot malten und gekonnt die Wangen tupften, gewöhnt an den Frauenüberschuss, der Berlin seit den letzten Kriegsjahren prägte, als zwei Fünftel der heiratsfähigen Männer umgekommen oder in Gefangenschaft waren.

Internationalität und Provinzialität gingen Hand in Hand

West-Berlin war keine westdeutsche Stadt. Weder konnte man an Bundestagswahlen teilnehmen noch sich an das Bundesverfassungsgericht wenden, die Bundespolitik drang nur als reduziertes Rauschen ins Hirn des West-Berliners; politisch verantwortlich waren für ihn die Westalliierten, deren feierlicher Abschied 1990 von überraschend vielen mit aufrichtiger Wehmut begleitet wurde.

Austernessen im Café du Lac am Tegeler See, schottischer Haggis und Chicken Masala beim alljährlichen British Jamboree, Spare Ribs und Enchiladas beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest – lange vor der Internationalisierung der Gastronomie hatten die West-Berliner ihre Nasen in fremde Kochtöpfe stecken können. Internationalität und Provinzialität gingen hier Hand in Hand.

Das zweifelhafte Glück des Kalten Krieges

Für West-Berlin galt in besonderem Maße, was Golo Mann zuerst auszusprechen gewagt hatte: Die Teilung der Nation war für die Deutschen ein großes, unverdientes Glück, trotz aller Ungemach und mancher Tragödie im Einzelnen. Nur durch den Kalten Krieg konnten aus den Besiegten des Zweiten Weltkriegs binnen weniger Jahre Verbündete werden, die, zumindest im Westen, nach Kräften gehätschelt wurden.

Ohne das zweifelhafte Glück des Kalten Krieges wäre den Deutschen nach dem Holocaust und den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs niemals so schnell die Hände zur Versöhnung gereicht und die Rückkehr in die Weltwirtschaft ermöglicht worden. Ohne ihn hätte Bürgermeister Ernst Reuter während der Blockade West-Berlins niemals den „Völkern der Welt“ sein „Schaut auf diese Stadt“ zurufen können, auf diese Stadt, die die Welt vier Jahre zuvor noch gehasst und gefürchtet hatte, wie keine sonst.

Im Brennpunkt des Ost-West-Konflikts

Das war 1948. Niemand hätte damals vorhersehen können, dass aus dieser irrwitzigen Insellage West-Berlins einmal das Paradox einer bizarren Normalität werden könnte, zementiert durch ein Bauwerk, das weniger für die Insulaner als für die Festlandsostdeutschen ein Gefängnis bedeutete.

Nachdem ihr ehemaliger Bürgermeister Willy Brandt Bundeskanzler wurde, begannen die West-Berliner ihre geopolitisch etwas unkomfortable Lage sogar zu genießen. Die Entspannungspolitik sicherte die Deiche und regelte den Transitverkehr. Zugleich sonnte man sich im anhaltenden Interesse, das die Weltöffentlichkeit an der illustren Lage der Insel hegte. Gerade weil sie so exponiert im Brennpunkt des Ost-West-Konflikts lag, konnten sich die West-Berliner beschirmt und sicher fühlen.

In der Stadt breitete sich Überbehütung und ein hippieskes Laisser-Faire aus. Unter der Glocke stark beschränkter Zuständigkeiten entwickelte die Berliner Landespolitik ihre spezifische Unreife, die noch heute zu spüren ist.

Typisch Insel war zum Beispiel, dass die grüne Umweltsenatorin Michaele Schreyer einen Deal mit der DDR-Führung als ökologischen Erfolg feierte, der die bedenkenlose Verklappung des Mülls in Brandenburg zur Folge hatte. Die Proteste der ostdeutschen Umweltinitiativen blieben auf der Insel ungehört.

Die Angst fraß die Freude auf

Am Ende hatten sich die West-Berliner mit der Mauer derart arrangiert, dass sie auf ihr Niederreißen reagierten wie Stallhasen, denen man plötzlich die schützenden Wände wegnahm. Natürlich war die Freude darüber aufrichtig, dass die Ostdeutschen ihre Regierung niedergerungen hatten, aber auf das Ansinnen einer Wiedervereinigung reagierten die West-Berliner reserviert.

Die Angst machte sich breit, aus dem Ehrenbären des Westens könne eine graue Maus des Ostens werden. Angst fraß die Freude auf: Angst um die Ruhe in den liebenswerten Kiezen, Angst um die selbstbestimmte Existenz im Schatten der Mauer; Angst, in die Mitte eines bankrott gewirtschafteten Landes zu geraten und mit der Mauer einen gesicherten Lebensrahmen zu verlieren.

Dann aber siegte die Neugier.