Morgens, um 3.36 Uhr, informiert die Besatzung eines Funkstreifenwagens die Mordkommission. Die Beamten sind an jenem 22. Februar 1968 vom Hausmeister eines Nachbarhauses in das Kinderheim in der Argentinischen Allee gerufen worden. In dem Haus bietet sich den Polizisten ein furchtbares Bild. In einem Zimmer im Erdgeschoss liegt die Erzieherin Berta F. tot in ihrem Bett, eine Etage höher finden die Beamten den fünfjährigen Peter. Der Junge liegt nackt in einem Doppelstockbett. Er ist, wie Berta F., von einem Unbekannten erstochen worden. Zwei 15-jährige Freundinnen aus dem Nachbarzimmer überleben den Angriff des Täters mit zahlreichen Messerstichen an Armen und Beinen.

Heike Wlodarczyk blättert in den Akten über das Tötungsdelikt. Den Dokumenten sieht man ihr Alter an. Die beidseitig mit Maschine beschriebenen 250 Seiten, die in jedem der fünf abgeheftet Ordnern wurden, sind nach all der Zeit vergilbt und brüchig geworden. Heike Wlodarczyk muss vorsichtig blättern, will sie die Seiten nicht zerreißen.

Die Kriminalhauptkommissarin arbeitet im Kommissariat Sonderermittlungen in der Keithstraße in Schöneberg, das sich mit alten, ungeklärten Tötungsdelikten in der Hauptstadt befasst. Der Mord im Kinderheim im feinen Zehlendorf, der heute kaum noch bekannt ist, ist ihr Fall. Seit zwei Jahren arbeitet sie daran, berät sich mit den Kollegen, sucht neue Ansätze. Die vergilbten Seiten erzählen von dem ältesten ungelösten Tötungsverbrechen, den die sechs Fahnder der Berliner Altfallkommission derzeit noch aufklären wollen.

Kinder im Alter von zwei bis 16 Jahren lebten in dem Haus an der Argentinischen Allee, dass erst eine Woche vor den Morden von den Kindern und ihren Betreuern bezogen worden ist. „Es war Ausweichquartier für das Kinderheim Lindenhof am damaligen Königsweg, das saniert wurde“, so die Fahnderin. Sechs Erzieherinnen, die von den Kindern Tante genannt wurden, waren zuständig. Sie wechselten sich beim Nachtdienst ab.

Zwei Flaschen Bier getrunken

Die 51-jährige Erzieherin Berta F. hätte in jener Nacht eigentlich frei gehabt. Sie hatte die Nachtschicht mit einer jüngeren Kollegin getauscht. „Soweit wir das einschätzen können, hatte der Diensttausch nichts mit der Tat zu tun“, sagt Ermittlerin Wlodarczyk. Die Familie wurde damals überprüft. Berta F. hinterließ einen Mann und ein Kind.

Der kleine Peter war seiner Mutter vom Jugendamt weggenommen worden, weil die Frau überfordert war. Damals wurden umfangreiche Spuren gesichert, nach möglichen Zeugen gesucht. Doch keine Spur führte zum Täter. Nicht die Handschuhe des Mörders, nicht die Zigarettenkippe am Tatort, nicht die Schuhspuren im frisch gefallenen Schnee, denen die Ermittler noch in der Tatnacht folgen konnten.

Und auch die beiden Zeugen, die den Täter auf der Flucht in jener Nacht gesehen hatten, halfen den Fahndern nicht weiter. „Der Täter muss damals voller Blut gewesen sein. Doch es war Nacht“, sagt Heike Wlodarczyk. 300 Hinweise gab es nach der Tat, kein Tipp führte die Polizei damals zum Täter.

Der Mörder war zunächst durch ein Fenster im Erdgeschoss ins Haus gelangt. Er hatte die Scheibe des Nähzimmers eingeschlagen und den Hebel des Fensters geöffnet. In dem Raum rauchte der Mann eine Zigarette, die Kippe und die leere Schachtel Rot Händle stellten die Ermittler später sicher. Fest steht auch, dass der Unbekannte zwei Flaschen Berliner Kindl in einem Schrank des Nähzimmers fand, die er austrank. Die Kronkorken setzte er wieder fein säuberlich auf die geleerten Flaschen, die er an ihren Platz zurückstellte. „Er scheint ein extrem ordentlicher Mensch zu sein“, sagt Heike Wlodarczyk.

Kein anderes Kind wurde wach

Da die Tür zum Flur verschlossen war, stieg der Mörder wieder nach draußen und suchte sich ein neues Fenster, durch das er ins Haus gelangen konnte. Er schlug das Fenster des Badezimmers ein, von dort gelangte er in den Raum, in dem Berta F. schlief. „Sie war die einzige, die im Erdgeschoss übernachtete“, sagt Heike Wlodarczyk.

Das Zimmer lag hinter dem Esszimmer. „Der Täter würgte die Frau zunächst, um sie dann mit 51 Messerstichen zu töten. Er stach mehrfach auf den Schambereich der Erzieherin ein“, erzählt die Fahnderin.

Der Messermann schlich sich nach seinem ersten Mord in das Obergeschoss, dorthin, wo die Kinder schliefen. Der fünfjährige Peter lag mit acht anderen Kindern in einem Raum. Er schlief im unteren Bett eines Doppelstockbettes, das gleich an der Tür stand. Der Täter würgte das Kind, dann stach er immer wieder zu. Kein anderes Kind wurde wach. Gerichtsmediziner zählten später 27 Messerstiche, die dem schlafenden Jungen in den Oberkörper und im Gesicht zugefügt worden waren.

„Sie sind verschwunden“

Nach dem Mord an dem Fünfjährigen stahl sich der Mörder in ein anderes Zimmer. Dort wurde ein 15-jähriges Mädchen wach. Der Täter sagte ihr, dass er ein Bekannter der Tante sei. Wusste er, dass die Kinder die Heimerzieherinnen so nannten? Der Mann fragte die Jugendliche in akzentfreiem Deutsch, ob sie schon einen Freund habe. „Einen Schulfreund“, antwortete das Mädchen. Als der unbekannte Mann daraufhin zudringlich wurde, fing die Schülerin an zu schreien. Dadurch wurde ihre Freundin wach. Beide riefen um Hilfe, sie rissen dabei auch das Fenster auf. Dadurch wurde der Hausmeister des Nachbargebäudes aufmerksam. Der Hausmeister alarmierte die Polizei.

Der Täter floh. Er verließ das Haus durch dasselbe Fenster im Badezimmer, durch das er auch in das Haus gelangt war. Die Blutspuren am Fenster und an der Toilettenpapierrolle verrieten das. Die Fahnderschienen zunächst Glück zu haben. Frischer Schnee war gefallen, und so konnten sie die Schuhspuren des unbekannten Täters verfolgen. Die Abdrücke der Größe 43 bis 46 führten über die Argentinische Allee zum Mexikoplatz und von dort nach Zehlendorf-Mitte. Auf dem Platz, auf dem acht Buslinien verkehrten, verlor sich die Spur. Drei Nächte lang befragten die Ermittler damals Passanten, die zur fraglichen Zeit auf dem Platz gewesen sein könnten.

Es gab nur eine Zeitungszustellerin und einen Taxifahrer, die den unbekannten Mann gesehen hatten. Sie beschrieben den Gesuchten als 1,70 Meter groß. Er soll einen knielangen Mantel getragen haben. Die zwei Mädchen, die den Angriff überlebt hatten, widersprachen sich bei der Beschreibung des Täters. Er war danach 19 bis 30 Jahre alt. Blond, sagte die eine. Dunkelhaarig, die andere. „Die verschiedenen Angaben verwundern nicht. Die Mädchen waren damals aus dem Tiefschlaf gerissen worden. Sie hatten Todesangst, und es war dunkel im Zimmer“, sagt Heike Wlodarczyk. Auch eine erneute Befragung der damals Überlebenden, die vor zwei Jahren stattfand, brachte nichts Neues.

Und noch etwas ist eigenartig und zeigt, dass der Täter offenbar ein akkurater Mensch war: Der Unbekannte war vor den Kinderheim-Morden in eine Villa in der Limastraße eingebrochen. Das Haus liegt rund 500 Meter vom Heim entfernt. In der Villa wurde ein Teil der Banderole der Roth-Händle-Schachtel gefunden, die der Mörder im Kinderheim zurückgelassen hatte. In der Villa hatte sich der Täter sehr ordentlich benommen. Er hatte sich, das geht aus den Akten hervor, eine „Dose mit einer Fleischspeise“ aus der Küche geholt und halb geleert. Zum Rauchen nahm er sich einen Aschenbecher aus dem Geschirrschrank. „Er ließ alles sehr ordentlich zurück“, sagt Heike Wlodarczyk. Die Kippe blieb im Aschenbecher. Der Zigarettenrest wurde sichergestellt. Er war identisch mit der Kippe aus dem Kinderheim. Es gab damals noch keinen DNA-Abgleich, mit dem man den Täter hätte überführen können. Die Kippen wären heute wichtige Indizien. „Sie sind verschwunden“, sagt die Ermittlerin. Ebenso wie die Roth-Händle-Schachtel.

Blutige Laken vernichtet

Die blutigen Kleider der Opfer und auch die blutdurchtränkte Bettwäsche gibt es ebenfalls nicht mehr. Die Wäsche wurde aus „seuchenhygienischen Gründen“ irgendwann vernichtet. Auf der Bettwäsche hatte sich damals ein Abdruck der blutigen Tatwaffe befunden: Deswegen weiß man, dass es sich bei der Tatwaffe um einen Dolch mit einer beidseitig geschliffenen und 15 Zentimeter langen Klinge gehandelt hatte.

Für Heike Wlodarczyk ist die Lösung des Falls nicht völlig aussichtslos. Ihre Kollegen stellten damals die Nylon-Handschuhe sicher, die der Täter getragen hatte. Der Täter hatte sie auf der Flucht weggeworfen. Man fand sie in verschiedenen Vorgärten in der Argentinischen Allee. Sie waren voller Blut der Opfer. „Doch auch der Täter könnte sich verletzt haben. Der rechte Handschuh ist im Bereich des Ringfingers beschädigt, offenbar von einem Schnitt“, sagt Heike Wlodarczyk.

Als der Fall wieder aufgerollt wurde, haben die Fahnder an den noch vorhandenen Täter-Handschuhen DNA-Spuren sicherstellen können. Vermutlich stammen sie von dem mutmaßlichen Mörder. Beim Abgleich mit der DNA-Datenbank gab es jedoch keinen Treffer. Derzeit steht noch das Ergebnis der Untersuchung einer zweiten Zigarettenschachtel aus. Die Fahnder wissen, dass die Schachtel einem Erzieher gehörte. Aber das Blut darauf, es könnte durchaus vom Täter stammen.