Auf einem Foto vom Juli 2016 wirkt Edgar H. wie ein schüchterner Junge. Zusammengesunken sitzt er gemeinsam mit 19 anderen Konfirmanden seiner evangelischen Kirchengemeinde auf einer Mauer und winkt in die Kamera. Er ist einer der Kleinsten in der Gruppe; alle lachen, nur er nicht. Dass er anderthalb Jahre später töten würde, ist nur schwer vorstellbar. Und doch soll der heute 15-Jährige die 14-jährige Keira G. aus Alt-Hohenschönhausen mit zahlreichen Messerstichen umgebracht haben. Ein Stich traf Keira direkt ins Herz. 

Edgar H. wurde am Montag einem Richter vorgeführt. Dieser ordnete Untersuchungshaft wegen Totschlags an. Der 15-Jährige wurde in die Jugendstrafanstalt in Charlottenburg eingeliefert. 

Schwerwiegender Mordvorwurf

Ermittler der 3. Mordkommission hatten den 15-Jährigen am Sonntagvormittag in der elterlichen Wohnung festgenommen. Sie liegt unweit der Wohnung von Keira an der Plauener Straße. Das Mädchen hatte die 8. und Edgar die 9. Klasse der selben Schule besucht. Den polizeilichen Ermittlungen zufolge hatte sich Edgar H. am vergangenen Mittwochabend mit Keira in deren Wohnung an der Plauener Straße verabredet. Dort soll er Keira dann erstochen haben. 

Der 15-Jährige habe die Tat gestanden, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Doch was der Auslöser dafür war, ist laut Steltner noch immer unklar. Wenn das Motiv klarer werde, könne im Laufe der Ermittlungen auch ein noch schwerwiegenderer Mordvorwurf erhoben werden. 

Ein schwacher Trost

„Die Ermittlungen haben sich von Beginn an auf das Umfeld des Mädchens konzentriert“, sagt Steltner. „Aus ermittlungstaktischen Gründen war es jedoch nicht möglich, sich detaillierter zu Sachverhalten zu äußern.“ Doch während Polizei und Staatsanwaltschaft aus genannten Gründen schwiegen, schossen im Internet die Spekulationen ins Kraut: Keira sei von einem afghanischen Flüchtling umgebracht worden, hieß es zum Beispiel. Sie sei „Merkels Opfer“. Noch am Montag soll Edgar H. ein „tschetschenischer Moslem“ gewesen sein. 

Der Haftrichter hatte keine alltägliche Entscheidung zu fällen. Denn Jugendliche unter 16 Jahren dürfen laut Jugendgerichtsgesetz nur unter äußerst strengen Kriterien in Untersuchungshaft genommen werden. Im Fall von Edgar H. habe jedoch Verdunkelungsgefahr vorgelegen, so Steltner. Also die Gefahr, dass der Verdächtige zum Beispiel Einfluss auf Zeugen nehmen könnte. Dass die Polizei jetzt einen Tatverdächtigen ermittelt hat, ist für Bekannte und Freunde des getöteten Mädchens nur ein schwacher Trost. An der Schule, in die der Tatverdächtige und Keira gingen, herrscht immer noch der Schock vor. 

Meer aus Kerzen und Blumen

In Keiras öffentliches Instagram-Profil geben Freunde ihrer Fassungslosigkeit Ausdruck: „Wir vermissen dich“. „Komm bitte wieder. Wir können alle nicht ohne dich!“ „Ich hoffe, dass dieser kranke Mensch gefunden wird! Ruhe in Frieden“.

Die Schülerin trainierte Eisschnelllauf beim Berliner TSC und war erst im Januar in ihrer Altersklasse Berliner Meisterin über 1500 Meter geworden. Der Sportverein zeigte sich tief bestürzt: „Insbesondere die Umstände ihres Todes, vor allem unter Beachtung ihres jugendlichen Alters, machen uns fassungslos, gerade weil wir als Berliner TSC unseren Beitrag für einen fairen und menschlichen Umgang miteinander leisten“, schrieb der Verein auf seiner Internetseite. Vor dem Eingang der Trainingsstätte am Weißenseer Weg erstreckt sich inzwischen ein Meer aus Kerzen und Blumen für Keira G.