Ernährung in Berlin: Bürgerbegehren fordert veganes Essen in Kantinen

Sie heißen oftmals irgendwas mit V am Anfang. Also Vaust, Vux oder Viasko: In Berlin gibt es immer mehr vegane Restaurants und Cafés. In Kreuzberg hat erst kürzlich Der vegetarische Metzger geöffnet, veganes Essen liegt besonders in diesem Stadtteil seit ein paar Jahren im Trend.

Und vielleicht wird es demnächst auch täglich ein veganes Gericht in den Friedrichshainer und Kreuzberger Schulen geben sowie in der Rathaus-Kantine in der Yorkstraße. Darauf hoffen zumindest die Initiatoren des am Montag gestarteten Bürgerbegehrens „Zusätzliches veganes Menü in bezirklichen Einrichtungen“.

Der Think Tank „Sentience Politics“, dessen Ziel es laut eigenem Positionspapier ist, „die Lebensqualität möglichst vieler empfindungsfähiger Wesen möglichst umfassend zu verbessern“, hat am Montag im Haus der Demokratie und Menschenrechte erläutert, warum er das Begehren startet. Videos und Fotos von den Folgen des Klimawandels wurden gezeigt, mit schmelzendem Eis und abgeholzten Wäldern. Sentience Politics geht es darum, die Verbindung zwischen Fleischkonsum und Umweltschädigung aufzuzeigen. Weniger Fleischkonsum, lautet das Argument, ist gut für die Umwelt.

Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg könnte man mit gutem Vorbild vorangehen, so die Idee. Deshalb werden in den nächsten sechs Monaten Unterschriften gesammelt, unter anderem von freiwilligen Helfern auf den Straßen im Bezirk. „6000 Stimmen werden benötigt“, sagt Adriano Mannino, einer der Mitgründer des Nachhaltigkeits-Think Tank. Auf der Webseite https://sentience-politics.org/ kann man das Formular für das Begehren herunterladen.

Keine Verbote

Eines ist Mannino wichtig, er betont es mehrfach: Es ginge nicht um irgendwelche Zwangsmaßnahmen, nicht um ein Fleischverbot wie bei dem 2011 von den Grünen vorgeschlagenen „Veggie-Day“. Es ginge darum, durch zusätzliche pflanzliche Essens-Optionen in bezirklichen Einrichtungen die Wahlfreiheit zu erhöhen.

Wäre das Zusatzangebot überhaupt umsetzbar? Seit 1987 betreibt Jürgen Palla die Kantine im Rathaus in der Yorkstraße. Er hat von dem Begehren gehört, vor etwa vier Wochen sei das Bezirksamt auf ihn zugekommen. „Ich habe mir 14 Tage Zeit genommen, um das ganze Prozedere im Kopf durchzuspielen“, sagt Palla. Und er habe sich mit anderen Kollegen beratschlagt. Sein Fazit: „Unter mir wird es diese pflanzliche Option nicht geben“, sagt Palla.

Dann führt Palla Punkt für Punkt auf, warum es in der Kantine nicht klappen würde. Zum einen sind es die Personalkosten, er müsste zusätzlich einen Koch einstellen, der auf veganes Essen spezialisiert ist, denn „nebenbei kann man das nicht machen, wenn man es ernst meint“. Außerdem sei der Zeitaufwand ein anderer, das Essen zu kochen würde länger dauern. Darüber hinaus müssten alle Zutaten frisch sein. Das würde dazu führen, dass er die Preise anheben muss, wie viel genau, das weiß er nicht. „Hier drehen jetzt schon einige jeden Pfennig um“, sagt Palla. Hinzu kommt: Keiner der Gäste sei bisher zu ihm gekommen und hätte explizit nach veganem Essen gefragt. Gegen veganes Essen an sich hat Palla nichts einzuwenden: „Das täglich angebotene vegetarische Gericht läuft bei uns sehr gut, manchmal ist da auch ein veganes Gericht dabei.“

Als Ernährung nicht empfohlen

Und an den Schulen? Klaus Kühn vom Caterer „Drei Köche“, der mehrere Grundschulen beliefert, verweist auf ein im Mai verhängtes Urteil: Ein Vater aus Köpenick wollte vor dem Verwaltungsgericht durchsetzen, dass seine Tochter Anspruch auf veganes Schulessen erhält, doch er scheiterte. Das zentrale Argument der Richter lautete, dass vegane Ernährung für Kinder und Jugendliche von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) gar nicht empfohlen werde.

„Wir aber halten uns an dieses Kriterium“, sagt Kühn. Kühn ergänzt aber, dass es machbar wäre, ein veganes Menü bereitzustellen, nur müsse auch er sein Personal erst einmal schulen. Teurer würde das Essen seiner Einschätzung nach nicht unbedingt werden, aufwendige vegane Gerichte, wie Würste oder dergleichen könnten sie aber nicht produzieren, eher Kartoffel- und Erbsensuppe.

Der Bezirk hat sich bisher noch nicht zum Bürgerbegehren geäußert. Schulstadtrat Peter Beckers (SPD) war am Montag nicht zu erreichen, Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) hatte wegen Koalitionsverhandlungen keine Zeit für das Thema. Die Initiatoren des Begehrens sagen, man habe bisher nur wenig Kontakt zum Bezirksamt gehabt, es sei aber unklar, was man dort vom geplanten Begehren hält.