Ernst-Reuter-Rede : Der erste Tote der Teilung war 15 Jahre alt

In dem britischen Film „About Time“ kann der Held in der Zeit zurückreisen und eine einmal getroffene Entscheidung rückgängig machen. Dazu muss er in einen dunklen Raum gehen, die Fäuste ballen und an den Moment denken, zu dem er zurückkehren möchte. Der Film ist eine romantische Komödie, es geht um einen verpassten Kuss und all die Dinge, die man verkehrt gemacht hat im Leben oder vielleicht ja doch nicht.

Was aber, wenn mehr als ein Kuss auf dem Spiel steht? Wenn eine winzige Entscheidung zu Leben oder Tod führt? Wenn es ein Ja gab, was auch ein Nein hätte sein können, und dieses Nein ein Leben gerettet hätte?

„Wie konnte ich das den Jungs denn verbieten, wo ich doch selbst so gern da hingegangen wäre?“, sagt Eberhard Grashoff und lässt die Frage im Raum nachhallen. Wir sitzen in einem kleinen Reihenhaus in Zehlendorf, in einer Wohnsiedlung mit Bruno-Taut-Häusern, in der die Straßen Auerhahnbalz und Eisvogelweg heißen.

Der Himmel draußen ist grau, sodass das Wohnzimmer hinter dem Wintergarten trauriger und stiller wirkt, als es eigentlich ist. Das Thema unseres Gesprächs tut das Seinige dazu: Es geht um den Tod eines 15-jährigen Jungen vor 70 Jahren am Brandenburger Tor. Getroffen von der Kugel eines Ostberliner Polizisten.

Wolfgang Scheunemann ist heute ein Unbekannter

Wolfgang Scheunemann heißt das Kind, seinen Namen kennt kaum jemand in dieser Stadt. Dabei gilt er als der erste Tote des geteilten Berlins. Und er war kein Grenzflüchtling, kein Aufständischer oder politischer Demonstrant. Ein Zufallsopfer nur. Getroffen von einer Kugel, die ziellos durch die Luft schwirrte. Die Wolfgang Scheunemann auch hätte verfehlen können, wenn er an jenem Septembertag vor 70 Jahren einen halben Meter weiter links oder rechts gestanden hätte.

Oder wenn er erst gar nicht da gewesen wäre. Wenn Eberhard Grashoff vor 70 Jahren Nein gesagt hätte, als der Junge mit seinen fünf Freunden im Zeltlager in Nikolskoe vor ihm stand und fragte, ob sie zum Reichstag gehen dürfen, wo Ernst Reuter sprechen soll, wo ganz Berlin hingehen wird, weil es doch um diese Stadt geht, um unsere Stadt. „Ich wäre doch selbst gern hingegangen“, sagt Eberhard Grashoff noch einmal. „Und da sind so ein paar Jungs, die den Krieg überlebt haben und jetzt was tun wollen, weil die Freiheit schon wieder auf dem Spiel steht – da konnte ich doch nicht Nein sagen.“

1948 ist Berlin eine geteilte Stadt

Gehen wir in den dunklen Raum, ballen die Fäuste und kehren zurück zum 9. September 1948. Berlin ist geteilt, wenn auch noch nicht durch eine Mauer. Die sowjetische Besatzungsmacht hat wenige Monate zuvor den Alliierten Kontrollrat verlassen, nachdem die drei übrigen Besatzer der Stadt zusammen mit den Beneluxstaaten die Gründung eines deutschen Weststaates beschlossen hatten.

Auf die Währungsreform und die Einführung der D-Mark im Juni 1948 reagiert Moskau mit der Berlin-Blockade – sämtliche Zufahrtswege aus Westdeutschland nach Westberlin für den Güter- und Personenverkehr sind gesperrt. Außerdem hat die Sowjetunion die Alliierte Kommandantur verlassen, die gemeinsam die Verwaltung der Stadt koordinieren und überwachen soll.

Die Folge: Im September 1948 haben weder der Ost- noch der Westteil eine funktionierende Stadtregierung. Auch die Berliner Polizei arbeitet bereits weitgehend getrennt. In Ostberlin agiert die nach dem kommunistischen Polizeipräsidenten Paul Markgraf benannte „Markgraf-Polizei“; im Westen ist Markgrafs früherer Stellvertreter Johannes Stumm Chef der „Stumm-Polizei“.

Protestkundgebung gegen Berlin-Blockade

Vor diesem politischen Hintergrund strömen am 9. September 1948 rund 300.000 Berliner zur Wiese vor dem kriegszerstörten Reichstag. Es soll eine Protestkundgebung werden gegen die Berlin-Blockade und die von der SED forcierte Spaltung der Stadt. Auf einem Holzpodium hält Ernst Reuter seine berühmte Rede über Berlin, die in dem pathetischen Satz gipfelt: „Ihr Völker der Welt – schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!“

An diesem Tag ist Eberhard Grashoff seit fast drei Wochen Leiter eines Zeltlagers des Demokratischen Jugendverbandes (DJV) in Nikolskoe. „Ich war damals 20 Jahre alt und hatte ein Jahr zuvor mit Freunden den DJV gegründet, als Gegenentwurf zur kommunistischen FDJ“, erinnert er sich. Da die Westberliner wegen der Blockade nicht mehr so einfach umherfahren konnten, seien die Amerikaner auf die Idee gekommen, Ferienlager für 10- bis 18-Jährige zu veranstalten, erzählt Grashoff weiter.

Mit der Leitung dieser Lager seien der sozialdemokratische Jugendverband Die Falken und der DJV beauftragt worden. „Sie gaben uns Zehnmannzelte und alles, was man so an Technik und Handwerkszeug brauchte. Und wir haben dann innerhalb von ein paar Tagen alles aus dem Boden gestampft – die Falken hatten ihr Lager auf der Pfaueninsel, wir unseres in Nikolskoe.“

Vom Sommerlager zum Reichstag

Grashoff, 90 Jahre alt, lächelt. Neben seinem Stuhl lehnen Krücken, ein Rollator steht im Zimmer. Der alte Mann ist nicht mehr gut zu Fuß, aber wenn er erzählt von damals, dann bekommen seine Augen ein Leuchten, die Last der Jahre scheint dann federleicht. „300 Kinder waren in unserem Lager“, erzählt Grashoff.

Einer der Jungs sei Wolfgang Scheunemann gewesen, der eigentlich den Falken angehörte, aber in diesen Septembertagen im DJV-Lager Sommerurlaub machte. „Ich denke, das lag an seinen Freunden, die waren wohl alle aus derselben Schule in Tiergarten. Deshalb ist er mit ihnen zu uns gekommen.“ Am Vormittag des 9. September 1948 hätten sie dann vor ihm gestanden, „fünf, sechs Jungs, sie wollen zum Reichstag, haben sie gesagt, da hält Reuter eine Rede, die wollen wir hören“.

Eigentlich habe striktes Ausgehverbot geherrscht. Keines der Kinder habe aus dem Lager gedurft; wenn man baden oder wandern ging oder in die Innenstadt fuhr, dann immer nur in der Gruppe. „Aber da standen diese Jungs nun und bettelten richtig darum, zum Reuter zu dürfen. Was soll man da sagen, wenn man gerade mal fünf Jahre älter ist – ihr dürft da nicht hin, ihr seid noch zu klein für die Politik, es ist alles zu gefährlich?“

Der alte Mann schüttelt den Kopf. „Das war 1948. Der Krieg war gerade vorbei, wir wollten ein neues, freies, demokratisches Deutschland bauen. Dazu brauchten wir doch solche Jungs. Haut ab, habe ich dann zu ihnen gesagt, aber abends seid ihr wieder hier.“

Am Pariser Platz eskaliert die Situation

Abends sind sie tatsächlich wieder da, nur Wolfgang Scheunemann fehlt. Seine Freunde wissen noch nicht, was ihm passiert ist. Es habe Zusammenstöße gegeben am Brandenburger Tor, erzählen sie dem Lagerleiter Grashoff, Steine seien geflogen, Schüsse gefallen. Sie wären schnell abgehauen, und nein, Wolfgang haben sie nicht mehr gesehen.

Die Kundgebung am Reichstag an diesem 9. September 1948 ist um halb sieben zu Ende. Eine Menschenmenge begleitet eine vom SPD-Politiker Franz Neumann angeführte Abordnung, die mit einer Petition zum Sitz des Alliierten Kontrollrates in der Nähe des Potsdamer Platzes ziehen will.

Am Brandenburger Tor teilt sich der Zug, eine Gruppe geht auf Ostberliner Gebiet. Eigentlich wollen sie abkürzen. Weil der Demonstrationszug auf Westberliner Seite nur langsam vorankommt, wollen sie über die Wilhelmstraße zum Potsdamer Platz. Wolfgang Scheunemann ist auch dabei und Edith F., eine damals 20-jährige Krankenschwester, die den Tod des Jungen aus nächster Nähe miterleben wird.

Am Pariser Platz aber, auf der Ostseite des Tores, ist die „Markgraf-Polizei“ aufmarschiert. In Höhe des Hotels Adlon bilden sie eine Sperrkette und versuchen, die aus dem Westteil heranflutenden Massen zurückzudrängen. Es kommt zu Rangeleien. Die Beamten ziehen Schlagstöcke, feuern Warnschüsse in die Luft. Doch die Situation eskaliert.

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Als einige Jugendliche das Tor erklimmen und die rote Fahne von der Quadriga reißen, stürmt die Polizei los und versucht, ihrer habhaft zu werden. Die jungen Aktivisten versuchen wiederum, Beamte zu greifen und durchs Brandenburger Tor in den Westen zu zerren. Es geht hin und her, einige Polizisten geraten in Todesangst, feuern in die Menge. Auch als sich die Protestler zurückzuziehen, wird noch geschossen. Es gibt Verletzte, zwölf Menschen kommen mit Schusswunden in Westberliner Krankenhäuser.

Wolfgang Scheunemann und Edith F. – so sagt es die Krankenschwester später bei der Polizei aus – sind zwischen die Fronten geraten. Sie beteiligen sich nicht an den Scharmützeln, sie suchen Schutz an der Hausmauer des Adlon und warten darauf, wieder unbehelligt zurück durchs Brandenburger Tor können. Plötzlich sackt der Junge zusammen, Bauchschuss. Die Krankenschwester legt ihm einen Druckverband an, ruft um Hilfe. Gemeinsam mit einigen Demonstranten schleppen sie den 15-Jährigen durchs Brandenburger Tor in den Westsektor. Ein Laster hält, Wolfgang Scheunemann wird daraufgelegt. Das Fahrzeug rast zum Krankenhaus Moabit. Als sie ankommen, ist der Junge bereits tot.

Sieben Tage später wurde Wolfgang Scheunemann beigesetzt. Eberhard Grashoff kann sich noch gut erinnern. „Sein Leichnam war im Innenhof des Rathauses Tiergarten aufgebahrt“, erzählt er. „Von dort zog ein Trauerzug mit dem Sarg zum Johannisfriedhof in der Seestraße.“ Zusammen mit den Eltern, die ihr einziges Kind begruben, gaben rund 10.000 Menschen dem Jungen das letzte Geleit. Am Grab wurden Reden gehalten, ein Funktionär der Falken sprach und auch Grashoff. „Es waren nur ein paar Worte. Das Ganze ging mir sehr zu Herzen“, sagt er. „Und irgendwie wurde uns allen mit Wolfgangs Tod die Spaltung der Stadt, die damals im Werden war, deutlich.“

Todesschütze wurde nie zur Rechenschaft gezogen

Der Todesschütze wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Und Grashoff bereut bis heute, dass er es versäumt hat, das Schicksal von Wolfgang Scheunemann aufzuklären und bekannt zu machen. Dabei ist er Journalist geworden, hatte ab 1950 für den Telegraf geschrieben, in den Nachkriegsjahren das größte Blatt in der Stadt. Später wurde er sogar Chef vom Dienst und war zuletzt Chefredakteur, bevor die Zeitung 1972 eingestellt wurde. Ab 1980 arbeitete Grashoff als Pressesprecher an der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin, von 1990 bis 1993 leitete er das Presse- und Informationsamt der Brandenburger Landesregierung.

Hat er damals, 1948, eigentlich Ärger bekommen, weil er Wolfgang Scheunemann entgegen der Vorschriften das Lager verlassen ließ? „Ach was, da hat sich doch keiner drum gekümmert damals“, sagt er und winkt ab. Und dann sagt er noch: „Nur ich muss damit klarkommen.“