Ernst-Thälmann-Denkmal in Berlin-Prenzlauer Berg: Umstrittenes DDR-Büste spaltet die Pankower Politik

Sie wirkt unerschütterlich. 14 Meter hoch, 15 Meter breit und mit stramm gen Himmel gereckter Faust – so steht sie da, die gigantische Bronzebüste von Ernst Thälmann an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg. Doch um die Deutungshoheit über das DDR-Denkmal ist im Bezirk ein Streit entbrannt.

Im Pankow ist für viele Grüne, deren Bündnis 90 bekanntlich maßgeblich aus der DDR-Bürgerbewegung hervorging, das Thälmann-Denkmal ein emotionales Thema. So auch für die Bezirksverordnete Christiane Heydenreich. Als der 50-Tonnen-Koloss 1986 samt dazugehöriger Wohnsiedlung als DDR-Prestigeprojekt von Erich Honecker höchstpersönlich eingeweiht wurde, sei sie als junge Mutter in einer kirchlichen Gruppe politisch aktiv gewesen, erzählt die 68-Jährige.

Thälmann-Denkmal wird nächstes Jahr für 150.000 Euro gereinigt

„Wir haben das damals alle als politischen Affront empfunden“, sagt Heydenreich. Der Grund: Das Denkmal wurde nicht von einem Künstler aus der DDR entworfen, sondern vom Russen Lew Kerbel, der für seine monumentalen Plastiken berühmt ist. Diesen, wie sie sagt, heroischen, stalinistischen Stil der 30er-Jahre empfand Heydenreich als politisches Signal: „Hier herrscht die starke Faust des Großen Bruders.“

Weil das viele Partei- und Zeitgenossen ähnlich sahen, stellte die Grünen-Fraktion in der Pankower Bezirksverordnetenversammlung (BVV) 2013 den Antrag, eine historisch-kritische Kommentierung des Denkmals zu initiieren. Schließlich hatte die Büste, anscheinend auch aufgrund ihrer schieren Masse, die in den Nachwendejahren immer wieder laut werdenden Rufe nach deren Abbau unbeschadet überstanden.

Der Zahn der Zeit hat ihr allerdings trotzdem zugesetzt. Denn inzwischen ist die Stahlkonstruktion im Inneren des Thälmann-Kopfs sanierungsbedürftig. Nächstes Jahr wird sie für rund 150.000 Euro vom Rost befreit, auch Bronze und Steinsockel sollen dann gereinigt werden.

Christiane Heydenreich: „Es handelt sich bei Thälmann um einen umstrittenen Politiker“

Die beantragte historisch-kritische Kommentierung hat der Bezirk inzwischen in eine künstlerische Kommentierung umgewandelt. Im Juli wurde ein deutschlandweiter zweiphasiger Kunstwettbewerb ausgelobt. Der Senat hat dafür 300.000 Euro aus dem Programm „Stadtumbau Ost“ veranschlagt.

Kritiker befürchten nun, die ihnen so wichtige historische Einordnung des Denkmals könnte in den künstlerischen Entwürfen zu kurz kommen. Zwar heißt es in der Antwort der Senatsverwaltung für Kultur auf eine Anfrage der Abgeordneten Daniela Billig (Grüne): „Künstlerische und historische Kommentierung werden als sich gegenseitig stärkende Elemente der Geschichtsvermittlung und -befragung verstanden.“

Doch das Problem aus Sicht der Grünen ist: Sowohl die Senatsverwaltung für Kultur als auch das Pankower Kulturressort werden mit Kultursenator Klaus Lederer und Bezirksbürgermeister Sören Benn von zwei Linken-Politikern geleitet. Als auslobende Instanz bestimmen diese auch die Preisrichter des Wettbewerbs. Heydenreich sieht eine Beleuchtung der Auswahl aus verschiedenen politischen Perspektiven gefährdet. „Es handelt sich bei Thälmann eben nicht um einen Maler oder Dichter, sondern um einen umstrittenen Politiker“, betont sie. Die Bezirksverordnete kritisiert auch, dass keine DDR-Bürgerrechtler unter den berufenen Preisrichtern sind.

Sören Benn: „Das Preisgericht ist kein politisches Gremium“

„Das Preisgericht ist kein politisches Gremium“, entgegnet Bezirksbürgermeister Benn. Die 24 Fach- und Sachverständigen seien nicht nach Belieben der Entscheidungsträger besetzt worden, sondern die Auswahl folge den festen Richtlinien für Planungswettbewerbe. Außerdem befänden sich unter ihnen durchaus „Menschen mit DDR-dissidentem Hintergrund“ – dies habe bei der Auswahl aber keine Rolle gespielt. Die Sorge der Grünen ist aus Benns Sicht unbegründet. Sein Hinweis dazu: „Die kritische Perspektive ist ausdrücklich in der Wettbewerbsaufgabe gefordert.“

Auch Annette Tietz, die den Wettbewerb steuert, hat kein Verständnis für die Befürchtungen. „Der Wettbewerb ist als offener Prozess vorbereitet, sehr umfassend besetzt und in Gänze veröffentlicht worden“, betont die Leiterin der Galerie Pankow. Es habe die Möglichkeit gegeben, sich in die Vorbereitungen einzubringen. Die sei vonseiten der Grünen aber nicht genutzt worden.

Künstlerwettbewerb zum Ernst-Thälmann-Denkmal: Die Grünen bleiben kritisch

Diesen Donnerstag ist die Abgabefrist für die Künstlerentwürfe. Aus den Einsendungen wählt das Preisgericht zehn Künstler aus, die ausführliche Konzepte einreichen sollen. Wenn im April der Sieger-Entwurf feststeht, werde eine weitere Kommission gegründet, die sich explizit mit dem „historischen Input“ innerhalb der Umsetzung beschäftigen soll, berichtet Annette Tietz.

Bei den Grünen wird man da genau beobachten. „Bisher ist es nur eine Befürchtung, der Wettbewerb läuft und wir werden abwarten, ob die kritische Bewertung tatsächlich zu kurz kommt“, sagt die Abgeordnete Daniela Billig. Man habe nichts gegen die künstlerische Darstellung an sich, betont die Abgeordnete. Notfalls müsse man überlegen, wie die historisch-kritische Einordnung des Thälmann-Denkmals nachgereicht werden könne.