Berlin - Am Montag um 17 Uhr  gab es im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin einen Festakt „500 Jahre Reformation“. Dort sprachen der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, die Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, und Bundespräsident Joachim Gauck. Iván Fischer leitete das Konzerthausorchester und den philharmonischen Chor.

Staatsfeier mit Wunschkonzert

Zu hören gab es den ersten Teil der Bachkantate „Gott, der Herr, ist Sonn und Schild“, dann sang der jüdische Kantor Jochen Fahlenkamp „Auf mein Freund, die Braut zu begrüßen“, und der Syrer Marwan Alkarjousli spielte auf einer Kurzhalslaute „Großmutters Tanz“.

Ganz am Schluss wurde gefragt, wer Geburtstag habe. Ein Herr meldete sich und eine Dame. 95 Musikstücke – die Thesen, die Thesen! – waren zur Auswahl vorgeschlagen; der Herr plädierte für Felix Mendelssohn Bartholdys Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“. Die Dame – Ramona Pop, die Vorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus – wünschte sich Schumanns Rheinische Symphonie. Die Gäste im fast voll besetzten Konzerthaus durften abstimmen und entschieden sich für die Rheinische.
Kein Geistlicher sprach an diesem Abend zum Reformationsfest. Es war eine Staatsfeier.

Gauck erklärte das: „Ich spreche heute als Bundespräsident und bringe damit zum Ausdruck, dass unser Gemeinwesen dieses ja zunächst kirchliche Ereignis außerordentlich wichtig nimmt. Wir vermischen hier nicht unzulässigerweise die kirchliche und die staatliche Sphäre, sondern der Staat erkennt an, dass auch er selber in seiner Geschichte und Vorgeschichte in vielfacher Weise von der Reformation und ihrer Wirkungsgeschichte geprägt ist. Die heutige Gestalt unseres Gemeinwesens ist ohne die christlichen Kirchen nicht denkbar. Und sie ist nicht denkbar ohne die Reformation.“

Unser Gemeinwesen ist mehr noch als Produkt der christlichen Kirchen eines der Kriege, die diese gegeneinander geführt haben und des Entschlusses des Staates, sich von dem zu emanzipieren.

Fast nur Bleichgesichter

Wer von der Pressetribüne auf die Versammlung hinabschaute, der sah fast nur – sagen wir mal so – Bleichgesichter. Das ist für die knapp zwölf Millionen deutschen Lutheraner – ich zähle mal nur die, die im Lutherischen Weltbund organisiert sind – repräsentativ. Aber hätte man den Auftakt der Reformationsfeierlichkeiten etwas weniger heimatlich gestaltet, wären auch Vertreter der sechs Millionen indonesischen Lutheraner dabei gewesen. Man hätte sofort eine Ahnung bekommen, worum es heute weltweit auch im Luthertum geht.

Man hat hier im Konzerthaus eine rosarote Heimatgeschichte abgespielt. Niemand war so dumm, Luther als Vertreter einer aufgeklärten Bürgergesellschaft anzupreisen. Aber es wurde ein Geschichtsbild entworfen, an dessen Anfang der aufrechte, gegen Bevormundung kämpfende Reformator und an dessen Ende unser freundlich-weltoffenes Gemeinwesen stand.

Keiner der Redner verlor ein Wort darüber, wie sich derzeit in einigen Kernländern der Reformation ein eben dieses Gemeinwesen bedrohendes Wutbürgertum etabliert. Das hat mit Luther nichts zu tun!, rufen sie empört. Richtig. Jedenfalls nicht weniger und nicht mehr, als das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit dem auf einen gnädigen Gott verzweifelt hoffenden Dr. Martin Luther zu tun hat.

Was hat uns Luther heute zu sagen?

Die Grundpose des Gedenkens ist die rhetorisch ins Auditorium geworfene Frage: Was hat Luther uns heute  zu sagen? Nichts. Überhaupt nichts. Es macht Spaß, ihn zu lesen. Es ärgert einen, ihn zu lesen. Man kann es aber auch einfach lassen und entfernt sich damit keinen Millimeter von der Möglichkeit, Antworten auf  uns heute bedrängende Fragen zu finden.

Der Bundespräsident erklärte, die Reformation gehe uns „voraus in ihrer Leidenschaft für Wahrheit und Freiheit“. Das mag sein. Es war aber eine mörderische, das Land und die Welt verheerende  Leidenschaft. Wir sollten an sie erinnern, um uns abschrecken zu lassen von dieser Art Reformation.

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