Die Nacht beginnt als Zeitreise, zurück in den Sommer vor vier Jahren und die vielen Sommer davor. Da liegen sie wieder auf der Mittelinsel, die Partygänger, zwischen den Fahrspuren der Holzmarktstraße, langgestreckt im Gras, noch bevor die Party begonnen hat. An der Tankstelle ist das kalte Bier schon ausverkauft, dient jetzt als Wegzehrung für die 100 Meter Schlange, die sich an der Mauer auf der anderen Straßenseite entlang zieht, unter der S-Bahnbrücke hindurch bald bis zur Michaelkirchstraße. Und die Flaschensammler sind auch schon wieder da. Konfetti auf dem Bürgersteig sowieso. Wie schon zu Zeiten der Bar25 und des Nachfolgers Kater Holzig. Nun ist es das Kater Blau, der dritten Club des Kollektivs, das auch schon die Bar25 berühmt gemacht hat.

Zweieinhalb Stunden und zwölf Euro Eintritt später ist man dann zurück in der Zukunft. Für alle, die an dieser Stelle noch nicht wissen, um was es hier eigentlich geht, die also nicht dabei waren, als sich die Berliner Clubszene eine Legende schuf, hier was bisher geschah, in leicht gekürzter Fassung:

2004 stellten ein paar junge Leute einige Bretterbuden an der Spree auf, daraus wurde ein mittelständisches Unternehmen, die Bar25, mit Club, Zirkus, Restaurant, in dem schon mal Minister beim Essen saßen, Spa und Hostel. Nur gehörte das Gelände der BSR, so war 2010 Schluss. Es ging auf der anderen Spreeseite in einer alten Seifenfabrik weiter, der Club hieß jetzt Kater Holzig, der war schon groß. Und die Macher holten sich das alte Gelände in einem Bieterverfahren zurück, ließ es von einer Schweizer Stiftung kaufen und hat es nun gepachtet.

Das Kater Holzig schloss Anfang des Jahres. Jetzt ist man wieder auf der richtigen, der sonnigen Seite der Spree: Dort ist der Eingang von damals ist vernagelt, in roten Buchstaben prangt dort noch der Satz: Die Bar ist tot. Es gab einen Nachruf in Form eines Films und eines Fotobuchs, die, wie sich das gehört, das Partyleben in all seinen Bonbonfarbenen zeigten. Es gab eine ordentliche Feuerbestattung, die Bar wurde abgebaut, in Container verpackt, nach Mexiko verschifft und dort verbrannt. So lautet jedenfalls die so schön anmutende Legende vom Ende der Bar25.

Konfetti von gestern

Ein letztes Déjà-vu: Die Dame am Eingang, sie war irgendwann berüchtigt ob ihrer Strenge, mit der sie entschied, wer die Bar betreten durfte und wer nicht. Konfetti von gestern. Heute ist das Kater Blau für alle da – wenigstens in seiner ersten Nacht.

Und drinnen ist dann alles neu, auch wenn die Party denselben Namen trägt wie einst: „Sasomo“: Samstagsonntagmontag. Das Wochenende – eine einzige Nacht. Man flaniert unter der wie ein Regenbogen leuchtenden S-Bahntrasse gen Ufer. Man könnte sich verlaufen, ginge es nicht immer geradeaus, so weit erstreckt sich das Gelände, vorbei an liebevoll zusammengezimmerten Bretterbüdchen. Man findet manches wieder, was schon die Vorgängerclubs speziell gemacht hat: das Lagerfeuer, die alten Sofas, das alte Straßenschild.

Und erst wenn man unter Lichterketten auf der Agnes steht, dem alten Schiff, das in diesen Tagen vor dem Kater Blau ankert, fällt auf, was fehlt: Keiner tanzt, Musik ist hier draußen nur Hintergrundgeplänkel zum gepflegten Rumlümmeln auf den Holzplanken. Das ist wohl der Preis für die Vision eines urbanen Dorfes, das nebenan entstehen soll und in dem es eben neben dem Nacht- auch ein Tagleben geben soll, mit Kindern und Garten. Ohne die laute Musik aus dem Kater Blau.

Auf der anderen Flussseite, im Lichtpark, haben sie die Regler jedoch hochgezogen, Hände fliegen in der Luft, man hört die Jubelrufe. Wo bitte geht’s denn zur Tanzfläche im Kater Blau? Durch einen sich windenden Gang, hinein in einen riesigen Holzbau, vor doppelt verglasten Fensterscheiben steht der DJ. Die Luft legt sich wie ein feuchter Film auf die Körper. Tanzen im Schwitzkasten. Ein paar Minuten und der Sauerstoffmangel hat alle Gedanken zu Brei gemacht. Das ist es, was hier alle wollen. Kopf aus, Lampen an. Wenigstens das ist wie früher.