Berlin - Kaum eine Baustelle der jüngeren Zeit war so faszinierend wie die des neuen Brandenburger Landtags. Selbst wer im Wochenabstand nach Potsdam kam, hatte das Erlebnis, das Haus regelrecht aus dem Boden schießen zu sehen, nachdem die archäologischen Ausgrabungen einige Zeit Verzug gebracht hatten.

Als dann vor zwei Jahren das Betondach aufgebracht wurde und damit die städtischen Proportionen klar wurden, als die ersten Fassadenteile gebaut waren, zeigte sich: Dieser Nachbau stimmt, egal, was man von der Idee des Nachbaus alter Architekturen grundsätzlich hält. Was vor allem der nicht genug zu preisenden Großzügigkeit von SAP-Gründer Hasso Plattner zu verdanken ist. Er finanzierte den halbwegs historisch korrekten Fassadennachbau und die Verkleidung von Dächern, Fensterbrettern und Rohren mit Kupfer. So konnte der Geiz – Geiz, nicht Sparsamkeit! – brandenburgischer Landespolitiker überwunden werden, die ihr „Schloss“ auch mit schnödem Blech hätten abdecken lassen.

Dieser breit lagernde Neubau hat die Stadt Potsdam jenes ästhetische und politisch-ideelle Herz zurückgegeben, das mit der Sprengung der wiederaufbaufähigen Schlossruine 1961 herausgerissen wurde. Sicher, es wären andere städtebauliche und architektonische Lösungen möglich gewesen. Zumal die Potsdamer Stadtverordneten die breite Autostraße erhalten wollen und damit die einst enge Verbindung zwischen Stadtraum und Lustgarten weiter zerteilt lassen. Ein neuer Landtag in modernen Außenformen – eine Aufgabe, würdig eines Oscar Niemeyer, der einst Brasilia mitentwarf und den man in Potsdam allen Ernstes für ein Spaßbad engagierte. Aber es wäre wohl doch keine Potsdamer Lösung entstanden.

Potsdams Charakter

Jeder Nachbau muss sich aus dem Ort rechtfertigen. Potsdam hat einen sehr eigenen, störrischen Charakter. Den einer Residenzstadt seit den Zeiten Friedrich Wilhelm I. Residenzen leben, wenn die Herrscher gestürzt wurden, politisch oft nur von ihren Erinnerungen – man sehe sich Braunschweig, Oldenburg oder Kassel an. Potsdam dagegen ist immer noch ein Ort der Macht. Das Stadtschloss gehört hier zu den Residenz-Erinnerungen, der Landtag zu den heutigen Tatsachen. Beide zu verbinden, war sinnvoll, zumal auch noch erhebliche originale Fassadenteile – im Gegensatz zum Berliner Schloss – erhalten sind. Im zukunftsversessenen Berlin etwa werden Fassadenkopien wohl immer etwas Künstliches behalten. In Potsdam aber wäre alles andere vielleicht interessant, aber kaum potsdamisch geworden.

Doch sobald wir den nun glücklich wieder gefassten Alten Markt, die trotz Autostraße, Straßenbahnmasten und Hotelhochhaus überaus wirkungsvolle Perspektive vom Hauptbahnhof verlassen, beginnt die Enttäuschung. Das fängt an mit der Fassade im Detail. Der Landtag wollte unbedingt – statt auch die Nachbargrundstücke zu nutzen – alle Büros und auch noch den Landesrechnungshof in dem Haus unterbringen. Aber auf keinen Fall wenigstens ein kleines Schlossmuseum! Peter Kulka, der Architekt, entschied sich also dazu, das Dach auszubauen. Um die Büros dort zu belichten, wurden die Fenster in das eigentlich so elegant-straffe Hauptgebälk Knobelsdorffs eingefügt. Und zwar immer zwischen zwei schlanke Pilaster.

Das Resultat ist architekturmethodisch absurd, was gerade in der dunklen Jahreszeit zu sehen ist: Sobald in den Büros die Lichter an sind, wird die auf Stabilität und Würde angelegte architektonische Ordnung der Fassaden regelrecht zerlöchert. Um alle Büros unterzubringen, verdoppelte Kulka auch die Seitenflügel. Der ausweislich historischer Fotos einst luftige Innenhof wurde so enger, aus der fast frühklassizistischen Weite Knobellsdorffs entstand so süddeutsch-barocke Dichte und auf das Fortuna-Portal gerichtete Dynamik. Selbst die Überbreite des Ostflügels mit dem Plenarsaal darin wird stadtgestalterisch wirksam – weithin sichtbar ist das überdehnte Dach.

Darunter finden sich nicht nur die oft überaus engen Büros, sondern auch die skandalös gestaltete Parlamentsbibliothek. Finster, eng, ungemütlich und am Ende der parlamentarischen Welt angeordnet. Ein Symbol für die Bildungseuphorie des Landtags? Wir sind gespannt, ob hierher nur Hilfskräfte zur Recherche verbannt werden. Sie können sich dann ja in dem sehr klösterlich karg gestalteten Besinnungsraum erholen, der im Tiefgeschoss eingerichtet wurde – selbstverständlich, wir befinden uns in der kleinen DDR, ohne die leiseste ästhetische Andeutung religiöser Nutzungsmöglichkeit.

Kulka ist ein vorzüglicher Architekt, der Dresdner Landtag, der Ausbau des dortigen Residenzschlosses zeigen das. Doch in Potsdam konnte er nur an Abgeordneten scheitern, die Geiz mit Sparsamkeit verwechseln, Nüchternheit mit Belanglosigkeit. Sicher, es gibt die großartigen neuen Treppenhäuser. Aber sie verbinden nur als ärmlich zu bezeichnende Foyers. Schräg abgehängte Klimadecken, Kunststeinfußboden, simpelste Grundrisse. Kaum eine Arztpraxis zeigt sich so anspruchslos. Da helfen auch jetzt so umstrittene Kunstwerke nichts oder die Rottupfer von Kulkas Möbeln.

Sehr rot und sehr weiß

Apropos Rot: der Landtagssaal. Ein Rausch in Weiß. Mit roten Polstern und einigen hellen Holzdetails. Vielleicht etwas zu weiß das alles, zu karg, aber immerhin angenehm. Redeschlachten kann man sich hier allerdings kaum vorstellen. Vor allem aber: Der Architekt hat sicher recht, wenn er bemerkt, ein roter Adler an der Wand hätte ausgesehen wie ein Blutfleck. Doch der Rote Adler Brandenburgs ist bis in die Landeshymne hinein ein Markenzeichen. Rätselhaft, dass die Landtagsabgeordneten zugestimmt haben, ihn weiß zu färben. Vielleicht ging es ihnen nur um die ordentliche Mittelachse – dabei hätte eine asymmetrische Hängung sein Rot schon sehr relativiert. Auch hier zeigt sich also wieder die Angst davor, etwas zu wagen.

Dabei gibt es einen Raum, der vorführt, was Kulka hätte leisten können, wenn dieser Bau nicht vollgepfropft worden wäre: der Nachbau des historischen Haupttreppenhauses nämlich. Abstrakt sind seine Formen nun, aber doch erkennbar spätbarock. Kraftvoll stehen die klug nicht überrestaurierten Atlantenkörper wieder in den Ecken, darüber wölbt sich steil die Decke. Wie wäre es hier also mit einem modernen Deckengemälde? Nach dem Vorbild des Schlosses Charlottenburg – als Auftakt zu einer Umgestaltung auch der Foyers. Wenn der jetzige Landtag nicht den Mut dazu findet, sollte ihn der nächste haben. Auch die Republik darf sich elegant zeigen. Im Potsdamer Landtagsschloss hingegen hat sie den großen Auftritt aus lauter Angst vor dem Ruf der Verschwendungssucht der 1918 gestürzten preußischen Monarchie überlassen.