Berlin - Es wird eng am BER. Damit der neue Hauptstadt-Flughafen tatsächlich wie bisher angekündigt im Oktober 2020 eröffnet werden kann, sei die „volle Konzentration der Kräfte“ erforderlich. Das teilte die Flughafengesellschaft FBB am Freitag mit. 

„Die Verlässlichkeit und Belastbarkeit des Eröffnungstermins gilt weiterhin, allerdings unter der Voraussetzung, dass die beauftragten Unternehmen ihr Leistungsversprechen erfüllen und die Sachverständigen sowie die Bauaufsichtsbehörden die Freigaben erteilen“, heißt es in einer am Nachmittag veröffentlichten Erklärung. Das staatliche Unternehmen reagierte damit auf die jüngsten Hiobsbotschaften von dem Milliardenprojekt in Schönefeld.

CDU und FDP befürchten, dass der BER zur "Todesfalle" wird

Zunächst hatte das ARD-Magazin Kontraste und die RBB-Abendschau möglicherweise nicht korrekt ausgeführte Wandbefestigungen ins Blickfeld gerückt. Einige tausend Dübel seien falsch verbaut worden, hieß es. Am Freitag legte Spiegel Online nach. Danach habe Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup FBB- Gesellschaftern im April mitgeteilt: „Die ursprüngliche Sicherheit des Eröffnungstermins Oktober 2020 kann heute nicht mehr uneingeschränkt garantiert werden.“

Die Reaktionen waren erwartbar. CDU, AfD und FDP attackierten Politiker und Planer, die wiederum angestrengt versuchten, die Wogen zu glätten.

„Der Regierende Bürgermeister muss in der kommenden Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses unverzüglich mit einer Regierungserklärung dazu Stellung beziehen“, forderten Christian Gräff (CDU) und Sebastian Czaja (FDP) am Freitag. Es könne nicht ernsthaft das Anliegen von Michael Müller (SPD) und der Flughafengesellschaft FBB sein, diesen Flughafen „auf Teufel komm raus zu eröffnen. Gerade die jüngste Berichterstattung über den Zustand des Airports hinterlässt bei jedem zukünftigen Fluggast doch ein mulmiges Gefühl, er könnte im Notfall zur Todesfalle werden“, so die Oppositionspolitiker.

"Offenbar ist die Lage auf der BER-Dauerbaustelle in einem Maße verfahren, das selbst schlimmste Befürchtungen übertrifft. Selbst die Nichteröffnung des Milliardengrabes erscheint nun nicht mehr unmöglich“, sagte Frank-Christian Hansel (AfD). Niemand wisse, wie lange Tegel noch die Hauptlast des Flugverkehrs tragen müsse. „Der Senat muss daher seine Tegel-Blockade aufgeben und die Ertüchtigung des City-Airports umgehend angehen, einschließlich der erforderlichen Schallschutzmaßnahmen für dessen Anwohner." 

Dass der Vorsitzende der Flughafen-Geschäftsführung den offiziellen Termin nicht uneingeschränkt garantieren will, sei nichts Neues, entgegnete ein Kenner der Materie. „Lütke Daldrup kann nur für seinen Bereich eine Garantie übernehmen. Seit jeher weist er darauf hin, dass es noch andere Beteiligte gibt – etwa den TÜV oder das Bauordnungsamt Dahme-Spreewald.“

Flughafengesellschaft  hat Schwere des Problems erst Ende 2018 erkannt

Ein anderer Insider bestätigte aber, dass sich die Befestigungen der Kabeltrassen im Terminal mittlerweile in der Tat zu einem gravierenden Problem entwickelt haben. Erst Ende des vergangenen Jahres habe die FBB erkannt, welche Sprengkraft es enthält. Dabei gehe es nicht ausschließlich um die dort verbauten Stahldübel. Dübel dieser Art seien in ganz Deutschland viele Millionen Mal verbaut worden. Stattdessen sei in jedem Fall das Gesamtsystem zu betrachten: „Die Frage ist: Halten die Dübel an der jeweiligen Wand die jeweils geforderte Last?“

Inzwischen gilt es als wahrscheinlich, dass diese Themen von autorisierten Prüfgesellschaften untersucht werden müssten. Dort würden dann bestimmte Situationen nachvollzogen – zum Beispiel ein Feuer in der Nähe. „Es ist sehr aufwendig“, lautete die Einschätzung. Zwar sei es wahrscheinlich möglich, die Befestigungen in Gruppen einzuteilen, was die Prüfarbeit verringere. Unterm Strich handele es sich aber um eine fünfstellige Zahl von Dübeln.

Es gehe also um ein Mengen- und damit um ein Zeitproblem. „Die Flughafengesellschaft braucht mehr Zeit als sie dachte“, hieß es. Darum werde jetzt untersucht, ob die Wirk-Prinzip-Prüfungen, bei denen das Zusammenspiel aller Anlagen untersucht wird, trotzdem wie geplant in diesem Sommer beginnen kann. Dafür sei es nötig, dass alle Kabel richtig funktionieren – deren Befestigungen ließen sich während der Prüfungen in Ordnung bringen. In diesem Fall wäre der Zeitplan, der die Eröffnung 2020 vorsieht, weiter zu halten.

Finanzsenator: Eröffnung weiterhin für Herbst 2020 vorgesehen 

„Die Inbetriebnahme des BER ist für Oktober 2020 vorgesehen“, bestätigte Eva Henkel, Sprecherin des Finanzsenators Matthias Kollatz (SPD), der Berliner Zeitung. Die Beteiligungsverwaltung in Kollatz' Behörde nimmt gegenüber der Flughafengesellschaft die Rolle des Gesellschafters wahr.

Aus der Senatskanzlei des Landes Berlin, die in der Gesellschafterversammlung der FBB vertreten ist, meldete sich am Freitagmittag Claudia Sünder. „Zu diesem Thema gibt es definitiv nichts Neues“, sagte die Senatssprecherin. Was den Eröffnungstermin des BER anbelangt, habe sich nichts geändert. Das hätten die anderen Gesellschafter, das Land Brandenburg und der Bund, am Freitag auf Nachfrage bestätigt.

Auch die FBB hält den Termin unverändert für realistisch. „Die Baufertigstellung des BER entwickelt sich entlang der Erwartungen, die der Entscheidung vom Dezember 2017 zugrunde lagen, den Oktober 2020 als Eröffnungstermin zu nennen“, bekräftigte sie am Freitagnachmittag. „Seitdem haben sich die Annahmen über die Fertigstellung einzelner Gewerke und dem Baufortschritt insgesamt als realistisch erwiesen.“ Auf die Frage, warum sich die Gesellschaft erst seit einigen Monaten um das Dübel-Problem kümmere, gab es jedoch keine Antwort.

Nicht Kunststoff, sondern Metall

„Bei der Dübelthematik im letzten TÜV-Bericht geht es nicht um Plastikdübel, sondern grundsätzlich um Metalldübel. Mit den Dübeln selbst gibt es aus technischer Sicht gar kein Problem“, erläuterte Lütke Daldrup der Berliner Zeitung.

Im Kern gehe es darum, inwieweit für diese Dübel die Verwendbarkeitsnachweise für bestimmte Bauarten vorliegen, je nachdem, ob sie in einer Beton-, einer Poroton- oder Kalksandsteinwand stecken. „Dazu werden derzeit die Nachweisverfahren durchgeführt, sogenannte vorhabenbezogene Bauartgenehmigungen“, so der BER-Chef. „Derartige Zulassungsverfahren sind bei Großprojekten mit einer überdurchschnittlichen Komplexität in der Gebäudetechnik üblich.“ Sie wurden mit dem Landesamt für Bauen und Verkehr in Cottbus schon häufig durchgeführt, sagte Lütke Daldrup.

Showdown im Herbst 2019 - oder erst am Jahresende?

Anders als die Dübel-Thematik wird ein weiteres kritisches Thema von den Verantwortlichen mittlerweile deutlich entspannter gesehen. Zwar sind die Brandmeldeanlagen (genauer gesagt deren Steuerungen) anders als gefordert nicht bis Ende März fertig gestellt worden. Doch die Firma Bosch komme voran, und es gilt als wahrscheinlich, dass die Technik wie zuletzt offiziell angekündigt im Juni abnahmefähig ist.

Richtig spannend wird es erst danach. Damit der Eröffnungstermin Oktober 2020 zu halten ist, muss die dreimonatige Wirk-Prinzip-Prüfung im Sommer 2019 beginnen. Das werde auch der Fall sein, bekräftigte Flughafensprecher Hannes Hönemann am Freitag. Im Herbst sei dann klar, ob die Technik im neuen Hauptstadt-Flughafen korrekt arbeitet. Inzwischen gibt es auch Stimmen, die einen Showdown am Ende des Jahres 2019 noch für kompatibel mit einer Inbetriebnahme im Oktober 2020 halten.

Am Flughafen BER regiert das Prinzip Hoffnung. Alles wie immer.