Nur ein paar Performer dürfen für den Livestream tanzen. Für Gäste herrscht weiter Tanzverbot. 
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

BerlinEs ist Sonnabend, 22.30 Uhr. Die Chefin öffnet selbst die Tür. Dominique Insomnia – ihr eingetragener Künstlername – trägt die blonden Haare zum Zopf und ist in Schwarz gekleidet: das Mieder, der lange Rock, der Totenkopf-Mundschutz. „Na, wer seid ihr denn?“, fragt sie mit rauer Stimme. „Dann kommt mal rein.“ Im Eingangsbereich leuchten Teppich und Wände rot, Kronleuchter baumeln von der Decke. In einer Vitrine neben dem Empfang liegt Sexspielzeug zum Verkauf, auch pinke Dildos mit dem Schriftzug des Insomnia. Die Bässe wummern laut. Das Insomnia, eigentlich Tanz-, Swinger- und Erotikclub, hat seit kurzem wieder geöffnet – irgendwie.

„Anything goes“, so könnte man das Credo des Insomnia normalerweise beschreiben. Hier soll absolute sexuelle Freiheit herrschen. Der Wochenplan vor der Tür verrät noch das alte Programm: Swingerpartys, „Dance&Play“-Partys, „Saturday Night Fuck“ oder „Sonntagsorgie“ hießen die Veranstaltungen hier. Aber auch Kuschelpartys oder Tango-Abende stehen auf der Liste.

Tanzen, schwitzen, nackt und nah sein. Sich in großen Betten oder im Whirlpool anfassen, mit Freunden und Fremden schlafen. Sich mit Peitschen den Hintern versohlen, für eine Nacht Hund, Herr oder irgendetwas ganz anderes sein. Das war Normalität im Insomnia. „Eine Befreiung, ein Raum voller Möglichkeiten, ein hedonistisches Dorf“, sagt Dominique. „Aber das wird jetzt von der Realität bedroht.“

Dominique Insomnia, 51, ist die Chefin im Club.
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Corona verbietet alles, was das Insomnia im Kern ausmacht. Seit Mitte März hatte der Club, wie alle anderen auch, zunächst ganz geschlossen. Eine Party mit 400 Besuchern sagten sie kurzfristig ab. An dem Abend betrank sich die Crew kollektiv. Dann folgte eine Schockstarre, bis einer der Techniker seine Handykamera aufstellte, mit dem Internet verband und einen Stream startete. „Das war, als hätte er ein Licht ins Fenster gestellt“, sagt Dominique.

Seitdem kämpft die 51-Jährige wie eine Gallierin um ihr Dorf. Um jede Möglichkeit, das Insomnia irgendwie am Leben zu halten. Sie hat Tänzer organisiert, Freunde und Angestellte, die am Wochenende umsonst oder für ein Fahrgeld auf der Bühne des Clubs tanzen. „Not macht erfinderisch“, sagt Dominique. An diesem Abend sind sie zu dritt, in Latex und Netzstrumpfhosen gehüllt. Sie tanzen nicht an der Stange, machen keinen Striptease. Sie tanzen frei, sexy, wie im Club, meist auf Abstand, ganz wie es ihnen gefällt, zu Trance und Techno. Kameras filmen sie dabei, die Streams laufen auf der Plattform Twitch und auf einer großen Leinwand im Club selbst.

Freunde helfen Dominique jetzt aus, tanzen umsonst für den Stream auf Twitch. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Seit zwei Wochen dürfen auch wieder Gäste ins Insomnia kommen. Nur neun Tische pro Nacht werden besetzt. Doch auch das hat gedauert, lange hat die Crew an einem Sicherheitskonzept gefeilt. Die neue Realität ist bürokratisch. Am Ende hat sie die Empfehlungen des Gastronomieverbands Dehoga, des Berufsverbands für erotische Dienstleistungen und des Verbands für Videoproduktionen kombiniert. Von Freizügigkeit kann jetzt nicht mehr die Rede sein. Die Regeln sind streng – und Dominique wacht streng über ihre Einhaltung.

Am Empfang führt sie mit uns die 15-minütige Begrüßung durch, die sie jetzt mit jedem Gast macht. „Mundschutz auf“, sagt sie als Erstes. Dann: „Pfotis raus“, und besprüht unsere Hände von beiden Seiten mit Desinfektionsmittel. Als nächstes müssen die Kontakte hinterlassen werden. Weil Bars und Kneipen immer wieder Probleme mit falschen Telefonnummern hatten, lässt sich Dominique auf ein Handy hinter der Theke noch eine SMS vom Handy des Besuchers schicken.

Dann erklärt Dominique die neuen Regeln im Haus: Tanzverbot für die Gäste. Im Raum sind die Abstände einzuhalten, Mundschutz zu tragen. Auf den Sitzplätzen und Spielflächen können die Masken abgenommen werden. Aber: Sex darf nur miteinander haben, wer außerhalb des Insomnias ohnehin miteinander schläft – Ehepaare oder polyamouröse Beziehungen zum Beispiele. Sadomaso ist möglich, wenn dabei der Abstand eingehalten oder Maske getragen wird. „Sonst wünsche ich meinen Gästen, dass sie sich ganz frei machen können, jetzt muss ausgerechnet ich der Sittenwächter sein“, sagt Dominique. Sie fordere jetzt dazu auf, unter sich zu bleiben, nicht mit dem Nebentisch rumzumachen, orale Praktiken zu unterlassen. „Das ist hart, das widerspricht all meinen Überzeugungen. Aber es muss jetzt sein.“

Sex und Erotik bestimmen den ganzen Club. Oft gibt es auch Ausstellungen zum Thema. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Dominique war sieben, als sie mit ihrer Mutter aus Dresden nach Ost-Berlin zog. Ihre Mutter arbeitete als Domina, Dominique eröffnete mit 18 ihr eigenes Studio. 1994 besuchte sie zum ersten Mal das KitKat, den legendären Fetischclub. „Ab dann wollte ich Partys für Hunderte machen.“ 1997 startete sie die Partyreihe Insomnia im KitKat, 2006 eröffnete sie ihren eigenen Club. „In 14 Jahren nicht einmal geschlossen“, sagt sie.

So ist das Insomnia zum Hafen für viele geworden, die ihre Lust abseits der gesellschaftlichen Norm erfüllen wollen. „Heimat“ bedeute das Insomnia, antworten Hilly Leader und „Mr. A“ gleichermaßen. Dabei haben die beiden Interessen, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Leader, die mit knappem Bustier, Minirock und Krawatte auf der Bühne mittanzt, hat bis März im Insomnia ihre BDSM-Partyreihe „Kinktastisch“ veranstaltet. Für Sadomaso-Fans und jede Form von Fetisch, jedes Geschlecht und jede sexuelle Orientierung, möglichst frei.

Hinter jedem Eingang und neben jeder „Spielfläche“ gut sichtbar angebracht: die Hygieneregeln.
Foto: Benjamin Priitzkuleit

Mr. A hingegen lebt polyamourös, führt also feste, verbindliche Beziehungen mit mehreren Menschen zugleich. Er hat im Insomnia Podiumsdiskussionen veranstaltet, um Alltagssorgen und Eifersucht in dem besonderen Beziehungsmodell zu diskutieren. Seinen richtigen Namen will Mr. A nicht in der Zeitung lesen – nach wie vor sei es für Arbeitgeber oft ein Problem zu erfahren, wenn jemand nicht monogam lebe. Als Schock beschreiben beide die Corona-Krise, die ihren Communitys die Räume der Begegnung raubt.

Ob das Insomnia überleben wird, ist fraglich. Es ist einer von 38 Clubs, die mit der Soforthilfe IV Unterstützung vom Senat erhalten haben. 25.000 Euro – ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch Dominique wird kämpfen. „Es geht nicht anders“, sagt sie. „Wenn ich mich nicht bewege, bin ich auf jeden Fall tot.“

Dritter Teil der Serie „Clubs in der Krise“ 

Die Serie: 140 Clubs gibt es in Berlin, die Szene ist einer der wichtigsten Kultur- und Wirtschaftstreiber der Hauptstadt. Seit fünf Monaten sind alle Clubs per Corona-Infektionsschutzverordnung des Senats zwangsgeschlossen – auf noch unbestimmte Zeit. Was bedeutet das für die Betreiber, die Mitarbeiter, die Stadt? Wir stellen Köpfe der Szene, ihre drängendsten Probleme und Perspektiven für die Zukunft vor.

Vorherige Teile: Im ersten Teil der Serie haben wir das SchwuZ vorgestellt, den ältesten queeren Club Deutschlands. Im zweiten Teil haben wir mit dem Sprecher der Holzmarkt-Genossenschaft über Open Airs gesprochen. Die Genossenschaft betreibt den Technoclub Kater Blau.   

Support für das Insomnia: Das Insomnia hat jeden Freitag und Sonnabend ab 20.30 Uhr geöffnet, bis Mitternacht läuft Musik, Darsteller tanzen. Die Streams werden auch auf Twitch und Facebook übertragen. Von Mitternacht bis 3 Uhr morgens folgen erotische Shows – gestreamt ins Netz auf der Plattform Chaturbate. Auf Betterplace läuft eine Spendenaktion für das Insomnia. Zur Homepage des Insomnia hier entlang