Straße des 17. Juni an einem sonnigen Herbsttag in Berlin.
Foto:  Emmanuele Contini/ imago

Berlin Nachts im November schmieden die Großstädter Pläne. Nachts im November scheint alles machbar. Es ist so schön, mal wieder wach zu sein, es ist so schön, wenn die Kräfte zurückkommen, nach dem dritten Glas Rotwein.

Aber warum denn eigentlich nur einen Kurzfilm drehen? Warum nicht auch endlich einen Langfilm schreiben? Und was ist eigentlich mit dem Roman? Das wärs doch! Erst den Roman schreiben und dann die Filmrechte verkaufen! Huch, ist ja schon wieder früh um vier! Im Spätherbst/Frühwinter verlagert sich das Leben vom unerträglichen Istzustand (Nieselregen, Minusgrade, Grippewelle, Rückenschmerzen, Geldsorgen, Vorweihnachtsstress) in den Möglichkeitszustand.

Das nächste große Ding

Im gleißenden Zwielicht des Berliner Nachtlebens träumt es sich besser, als allein im Bett. Ist das ein Berliner Phänomen? Prekär lebende Kleinkünstler verjubeln nächtens ihren Dispo und konzipieren das eine große Ding, das sie für immer hier rausholt und an südliche Strände katapultiert? (Die Science-Fiction-Zombieserie, der Sachbuchroman, die Super-App?) Man müsste mal und diesmal aber wirklich. Natürlich nicht gerade morgen, aber übermorgen dann auf jeden Fall!

Ja genau, endlich mal nicht mehr reden, sondern machen. Am Morgen danach ist man verkatert. Alles tut weh, der Himmel ist immer noch grau. Auf Facebook hat man neue Freunde, im Handy neue Nummern, aber wie soll man es schaffen, die neuen Bekannten zu kontaktieren, wenn man schon einen Horror davor hat, in den Supermarkt zu gehen, oder U-Bahn zu fahren? Im unbarmherzigen Novemberlicht schlägt das Selbstmitleid zu und man beneidet den Straßenbahnfahrer und die Bäckerin.

Blaues Wunder

Die machen einfach nur jeden Tag ihren Job und fallen abends müde ins Bett, oder? Oder Goethe! Goethe hat seinen Faust einfach so geschrieben und nicht bloß nächtelang in Weimarer Kneipen herumpalavert, mal irgendwie was über einen Gelehrten auf Abwegen zu machen.  Das Handy klingelt. Y. ist dran. „Was machst du heute Abend? Ich hab ’ne super Idee für einen Podcast, die wollte ich dir erzählen.“ Oh ja! Ein Podcast! Das ist es! Aber wirklich! Und wir machen auch nicht so lang heute Nacht. Das wird ’ne große Sache mit dem Podcast. Aber echt jetzt! Versprochen!