POTSDAM - Endlich mal nicht nur einen heimischen Hirsch schießen, sondern einen kapitalen Elch oder einen Bären oder einen Wolf. Für etliche Jäger ist es etwas Besonderes, ein Tier zu erlegen, das nicht in den heimischen Wäldern lebt oder streng geschützt ist. Eines der beliebtesten Ziele für solche Jagdreisen ist das wildreiche Baltikum.

So werden beispielsweise Ausflüge nach Estland mit vier Jagdtagen für knapp 1 500 Euro angeboten. Im Internet finden sich Berichte über große Drückjagden, bei denen 14 Jäger in vier Tagen 120 Stück Wild erlegt haben. Doch nun ist das Baltikum zum Gefahrengebiet geworden, denn vor einiger Zeit wurden in Litauen zwei Fälle der hochgefährlichen afrikanischen Schweinepest bei Wildschweinen nachgewiesen. Damit war die Krankheit in der EU angekommen. Am Dienstag wurde bekannt, dass auch ein erkranktes totes Tier in Polen gefunden wurde.

„Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus“, sagt Landestierarzt Klaus Reimer. „Es besteht die Gefahr, dass Jäger diese hochinfektiöse Tierseuche mit zu uns nach Brandenburg bringen.“

Schinken aus Sotschi

Die Krankheit, die nur für Schweine lebensgefährlich ist, kann durch den Kontakt mit toten Tieren übertragen werden, etwa durch Blut oder Kot, wenn Jäger die Tiere „aufbrechen“. Deshalb fordert das Potsdamer Umweltministerium nun alle Jäger auf, ihre Kleidung, Messer und Ferngläser nach solchen Jagden gründlich zu reinigen. Auch Fleisch stellt eine potenzielle Gefahr dar, denn Jäger bringen nicht nur Geweihe und andere Trophäen mit. Landestierarzt Reimer warnt vor Panikmache, sagt aber: „Es gibt derzeit noch keine akute Bedrohung, aber eine sehr reale Gefahr.“

Eine weitere Krankheitsquelle könnten infizierte Fleischprodukte wie geräucherte Schinken sein, die Zuschauer oder Teilnehmer der olympischen Winterspiele in Sotschi mitbringen. „Wegen der Wettkämpfe gibt einen verstärkten Reiseverkehr von und nach Osten“, sagt Holger Brantsch vom Landesbauernverband. Er hofft, dass an den Flughäfen die Kontrollen verschärft werden, und so das Einfuhrverbot von Lebensmitteln in die EU durchgesetzt wird. Denn in Brandenburg sind potenziell nicht nur die Wildschweine bedroht, sondern auch die Hausschweine. Landesweit gibt es 110.000 Tiere.

„Wir nehmen die Warnungen sehr ernst“, sagt Brantsch. „Die afrikanische Variante ist so gefährlich, dass bei einem Krankheitsfall sofort Sperrkreise gebildet und alle Tiere getötet werden müssen.“ Das Szenario sei so blutig wie in den Anfangszeiten von BSE, dem Rinderwahn. Die Bauern wurden nun aufgefordert, zu handeln. Vor Ställen gibt es Seuchenwannen mit Desinfektionsmittel. Darin sollen die Stiefel der Mitarbeiter und die Räder der Fahrzeuge keimfrei gemacht werden. Außerdem sollen keine Besucher mehr in die Ställe. „Wichtig ist, dass die Ställe eingezäunt sind“, sagt Brantsch. Denn immer wieder treiben sich Wildschweinmännchen auch in der Nähe von Ställen herum.

Kein Impfstoff gegen afrikanische Schweinepest

Es gibt die sogenannte klassische oder auch europäische Variante, die seit längerem in Russland grassiert. Sie trat zuerst in der Kaukasus-Region auf und breitet sich jedes Jahr durch die sogenannte Tier-zu-Tier-Übertragung bei Wildschweinen – also ähnlich wie Grippe beim Menschen – etwa 350 Kilometer weiter nach Westen aus. Experten gehen rechnen damit, dass sie auf diesem natürlichen Weg in drei Jahren auch Deutschland erreicht.

Doch es kann auch viel schneller gehen. Denn die Krankheit wurde vor einiger Zeit auch in der Region Sankt Petersburg und im Baltikum gefunden. Solch sprunghafte Übertragungen in weit entfernte Regionen erfolgen durch Jäger, Touristen oder Tiertransporte. Der kleine Vorteil bei der europäischen Schweinepest ist, dass es einen Impfstoff gibt, mit dem zumindest die Haustiere geschützt werden können.

„Gegen die afrikanische Schweinepest gibt es keinen Impfstoff“, sagt Landestierarzt Reimer. Sie trat erstmals 2007 in Russland auf und niemand weiß bislang, wie sie vom Schwarzen Kontinent dorthin gelangt ist. Aber eines ist für Landestierarzt Reimer sicher: „Wenn die afrikanische Schweinepest erst einmal hier ist, ist es nur ganz, ganz schwer zu verhindern, dass sie auf Haustierbestände übergreift.“