An diesem Freitag wird die Berliner S-Bahn 90 Jahre alt. Heiner Wegner hat fast die Hälfte der Geschichte dieses Verkehrsmittels miterlebt. Es gab Höhen und Tiefen, Angstpartien und Erfolgssträhnen. „Es war ein ständiges Auf und Ab“, sagt er. Und fängt an zu erzählen.

Auch zu Beginn seines Berufswegs spielte ein Freitag eine Rolle. Am Freitag, dem 1. September 1972, meldete sich Heiner Wegner an der Pforte des S-Bahn-Betriebswerks Friedrichsfelde. Er fing dort als Lehrling an, um sich zum Schienenfahrzeugschlosser ausbilden zu lassen. Bis heute blieb er der S-Bahn treu. „Seit 42 Jahren bin ich dabei.“

Als Junge wollte er schon immer zur Bahn. „Mich haben Dampfloks fasziniert. Aber man sagte mir, dass sie keine Zukunft haben.“ Bei der S-Bahn lernte der 16-Jährige, dass es bei den wesentlichen Prinzipien ohnehin keine Unterschiede gibt. „Bei der Eisenbahn geht es nicht um einen Job, sondern um eine Berufung. Sicherheit ist der oberste Grundsatz, und jeder, vom Chef bis zum Fahrzeugreiniger muss dazu beitragen. So wurde es mir beigebracht.“

Auftritt der Blueprint-Tussies

Zu DDR-Zeiten erlebte Heiner Wegner, wie wichtig die S-Bahn für die Stadt ist. „Sie war damals schon im Fokus, denn der Großteil des Berufsverkehrs wurde mit ihr abgewickelt. Nichts war schlimmer als Unpünktlichkeit.“ Nach 5 Uhr, bevor Arbeitsschichten und Bürozeiten begannen, standen die Fahrgäste dicht an dicht. „Wenn in Treptower Park oder Schöneweide die Massen ausstiegen, schienen die Züge aufzuatmen.“

Nach dem Mauerfall 1989 verspürte Wegner Stagnation. „Fast jeden Tag gab es neue Ängste: Was wird aus uns?“ Das änderte sich erst, nachdem 1995 die S-Bahn Berlin GmbH als Unternehmen der Deutschen Bahn (DB) gegründet worden war. Und als der gelernte Eisenbahner Günter Ruppert 1998 Chef wurde, „da gab es jede Menge Enthusiasmus und Motivation. Strecken wurden wieder eröffnet, neue Züge kamen.“

Doch dann trafen immer mehr Blueprint-Tussies ein. So nennt Heiner Wegner die meist jungen Wirtschaftswissenschafter und Juristen beiderlei Geschlechts, die unter Bahn-Chef Hartmut Mehdorn nach Einsparmöglichkeiten suchten. Blueprint bedeutet Kopie – nach dem Schema F sollten alle Teile des DB-Konzerns durchrationalisiert werden, weil die Bahn für die Börse hübsch gemacht werden sollte.

Als neuer Technik-Chef begann Ulrich Thon damit, den Sparkurs durchzusetzen. Das Fahrpersonal bekam rigidere Dienstpläne, Züge landeten auf dem Schrott. Lieber Strafzahlungen in Kauf nehmen und weniger Geld vom Senat erhalten, weil Fahrten ausfallen, als genug Züge besitzen – das sei die zynische Devise gewesen, sagt Wegner.

Auch im Technikbereich wurde massiv gespart. 800 Stellen fielen weg, so der S-Bahner. „Fachleute wurden vergrault, Fristen gespreizt“ – letzteres bedeutet, dass Züge seltener zur Inspektion kamen. Werke machten dicht: erst Erkner, 2006 auch Friedrichsfelde, wo Wegner gelernt hatte.

Es kam, wie es der damalige Betriebsratsvorsitzende Wegner und andere geahnt hatten. Immer mehr Schlampereien zu Lasten der Sicherheit wurden aufgedeckt, das Eisenbahn-Bundesamt verfügte die Stilllegung von vielen Zügen, Strecken aufgegeben. Nachdem sich die Krise mit chaotischen Ausfällen im Winter angekündigt hatte, erreichte sie 2009 ihre Höhepunkte. Berlin war bundesweit zum Spott geworden – der BER war damals unauffällig.

Bis heute argumentieren DB-Manager, dass der Hersteller Bombardier schlechte Züge geliefert habe. Wegner widerspricht: „Bei uns hat man sich nicht immer an die Wartungshandbücher gehalten.“

Im Juli 2009 kam eine Art Befreiungsschlag. Die Geschäftsführer verloren ihre Posten bei der S-Bahn. Tobias Heinemann ging später zu den Rift Valley Railways in Kenia, Ulrich Thon zog nach Laboe an der Kieler Förde und bewarb sich(erfolglos) um den Posten des Bürgermeisters. Peter Buchner, aus Bayern gebürtig und zuvor bei DB Regio, ist seitdem Chef der S-Bahn GmbH.

Optimistisch in die Zukunft

Gibt es einen Grund zum Feiern? „Ja“, sagt Heiner Wegner, der inzwischen 58 Jahre alt ist. „Ich bin wieder optimistisch. Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Viele Fehler wurden rückgängig gemacht. „Der Schock hat gewirkt, Medien und die Öffentlichkeit haben mitgeholfen.“ Im Januar wurde Wegners alter Arbeitsplatz in Friedrichsfelde reaktiviert – eine Werks-Wiedereröffnung hatte es bei der DB noch nie gegeben. „Das war ein schönes Gefühl, als frühere Kollegen anriefen und fragten: Darf ich zurück?“ Dabei waren die Arbeitsbedingungen in der Halle, die lange leergestanden hatte, anfangs schlecht. „Die Züge wurden von Hand gewaschen.“ Ende 2011 ging auch der Standort Erkner, wo Wegner seitdem Chef ist, wieder auf.

Wie sieht die Zukunft aus? Heiner Wegner weiß, dass es vor allem beim Fahrpersonal Unzufriedenheit gibt, die Belastung ist weiterhin hoch. Für Unruhe sorgt auch, dass der Senat den Verkehr auf dem Ring und weiteren Strecken ausgeschrieben hat. Wird die S-Bahn Berlin GmbH auch den neuen Vertrag bekommen? „Wir sind ein gutes Team, trotz allem,“ sagt Wegner. „Wir werden die Ausschreibung gewinnen.“