Berlin - Als Mukhtar Lecheheb seinen besten Freund zum letzten Mal sah, schlief er. Es war spät geworden am Abend zuvor. Der Freund hatte Geburtstag, den einunddreißigsten, sie hatten zusammen Bier getrunken und Musik gehört. Es war ein lustiger Abend in der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg. Sie vergaßen die Zeit, und Lecheheb verpasste den letzten Bus nach Hause. Als sie schlafen gingen, gab ihm der Freund ein Kissen und deckte ihn zu. „Wie eine Mutter“, sagt Lecheheb. Am nächsten Morgen schlich er hinaus, ohne sich zu verabschieden. Er wollte den Freund nicht wecken.

Drei Tage später war Anwar R. tot, erstochen von einem anderen Bewohner der Schule, es hatte Streit um die Dusche gegeben, die einzige für die mehr als 200 Flüchtlinge, Roma und Obdachlose, die seit Monaten in dem heruntergekommenen Schulgebäude leben. Anwar R.s Tod wurde zu einem Symbol für das Versagen von Senat und Bezirk, die seit Monaten um die Zustände in der Schule wussten. Und trotzdem nichts dagegen taten.

Drei Wochen hat die Polizei gebraucht, um Anwar R.s Familie in Marokko zu finden. Am Freitagvormittag steht der Sarg, eingehüllt in schwarze Plastikfolie, auf dem Basketballplatz der Schule. Etwa fünfzig Menschen sind gekommen, um Abschied zu nehmen, Bewohner, Freunde, Unterstützer und ganz vorne Mukhtar Lecheheb. Er hat nicht geschlafen, seit er erfahren hat, dass Anwar R. endlich zurückgebracht werden kann zu seiner Familie.

Vorne neben dem Sarg steht Mohamed Lahrima, Leiter der Marokkanischen Gemeinde. „Wenn ein Mensch im Diesseits unter derart menschenunwürdigen Bedingungen lebt“, sagt er, „ist das ein Grund zum Nachdenken für uns alle.“ Dann spricht er ein Gebet.

„Anwar war ein friedlicher Mensch“

Am Rand des Platzes steht Canam Bayram von den Grünen, jede Woche hält sie eine Sprechstunde in der Schule ab. „Seit Anwar R.s Tod ist die Angst größer geworden“, sagt Bayram. Der Bezirk hat die Bewohner mit Hausausweisen ausgestattet und bezahlt einen Sicherheitsdienst. Senatorin Dilek Kolat (SPD) will, dass sie sich registrieren lassen, um dann eine andere Unterkunft für sie zu finden. Doch so wirklich, sagt Bayram, wisse keiner, wie es weitergeht. „Die Menschen brauchen dringend psychologische Unterstützung. Und eine Bleibeperspektive.“

„Anwar war ein friedlicher Mensch“, sagt Mukhtar Lecheheb, „wenn ihm etwas nicht gefallen hat, ist er gegangen. Das habe ich an ihm geschätzt.“ Sie kannten sich seit fünf Jahren, oft saßen sie in einem Café am Görlitzer Bahnhof. Anwar R. war Tischler. Er war auf der Suche nach Arbeit, erst in Spanien, dann in Berlin. Er jobbte mal hier, mal da, nie lange, meist gab es schnell Probleme, weil er keine Papiere hatte. Zuletzt klemmte er für einen Autohändler Werbekärtchen an die Scheiben von parkenden Autos.

Das Geld schickte er seiner Familie. „Anwar selbst hatte nix“, sagt Lecheheb. Deshalb zog er in die Gerhart-Hauptmann-Schule. „Er hat nicht gerne hier gelebt.“ Es gab viel Streit. Immer wieder kam die Polizei, weil Bewohner mit Messern aufeinander losgingen. Anwar R.s Tod hat daran nichts geändert. Erst kürzlich gab es wieder eine Schlägerei. „Das ist kein gutes Leben hier, Mukhtar“, sagte Anwar R. oft. „Noch ein Jahr, dann gehe ich zurück.“ Seine Mutter hatte er seit zehn Jahren nicht gesehen.

Mukhtar Lecheheb hätte Anwar R.s Leichnam gerne begleitet, erst nach Fès, dann weiter in das Dorf der Familie. Doch sein Kind ist krank, es geht nicht. Lecheheb legt den Kopf auf den Sarg, nimmt Abschied von seinem besten Freund.