Eine riesige, weihnachtlich beleuchtete Tanne steht im Hof des Pfarrhauses. Dahinter erhebt sich eine hohe Backsteinkirche. Sie ist umbaut von einem Fachwerkhaus, das mit Giebeln und Erkern verziert ist. Über den Türen befinden sich dicke Holzbalken, in die Haussprüche geschnitzt wurden. Ein ganz und gar ungewöhnliches Gebäude für diese Region.

An einem Abend, wenige Tage vor Weihnachten, statten wir dem Pfarrhaus der katholischen Kirchengemeinde Heilige Familie in Lichterfelde einen Besuch ab. Denn das Haus hat einen ungewöhnlichen Bewohner. Wir treffen ihn in seiner Wohnung in der ersten Etage des Hauses. „Willkommen bei mir zu Hause“, sagt Erzbischof Heiner Koch und breitet seine Arme aus.

Mit bester Laune in die Feiertage

Das Jahr 2017 geht zu Ende. Wir haben uns entschlossen, in diesen Tagen Bischof Koch zu Hause zu besuchen, weil es uns interessiert hat, wie der Bischof wohnt.

Seit etwas mehr als zwei Jahren leitet der gebürtige Rheinländer Heiner Koch das Erzbistum Berlin. Seitdem wohnt er in Lichterfelde. Aber zu einem solchen Besuch war bisher keine Gelegenheit. Nun haben wir einen Abend, um einmal ohne den üblichen Druck und die Förmlichkeiten öffentlicher Anlässe miteinander ins Gespräch zu kommen. „Nur einen Abend?“, fragt der 63-Jährige und lacht. Er habe viel Zeit, sagt er. Ganz offensichtlich ist er bester Laune.

Nach der Arbeit

Heiner Koch bewohnt zwei Zimmer in diesem Haus, er hat eine eigene Küche, ein Bad. Es ist die Wohnung eines Pfarrers – bescheidene Räume. Wirklich abgeschlossen vom Rest des Hauses ist die Wohnung nicht. Eine breite Holztreppe führt durch alle Etagen. Ganz oben gibt es eine Gästewohnung, unten eine zweite, größere Küche und einen Raum mit einem Tisch, an dem man Gäste empfangen und bewirten kann. Wir lassen uns in Kochs Wohnzimmer nieder.

Der Bischof hat einen normalen Arbeitstag hinter sich. „Gerade komme ich aus dem Dominikus-Krankenhaus, wo ich mit den Patienten gesprochen habe. Ich habe dort einen jungen Mann angetroffen, dem ich ein gesegnetes Weihnachtsfest gewünscht habe. Er allerdings entgegnete, ’ich glaube nicht, dass ich Weihnachten noch erleben werde’. Und sein Arzt gab ihm recht“, sagt Koch.

Kein Jubelfest

Er erzählt diese Geschichte, weil sie ein Beispiel ist für seine Arbeit, für sein Anliegen, da zu sein für Menschen. Er kann nicht einfach weitergehen, wenn einer so etwas sagt. Er nimmt es mit. Und es nimmt ihn mit.

Die Geschichte hat auch mit Weihnachten zu tun. „Weihnachten ist ein Nachtfest“, sagt Koch. Kein Jubelfest. Es ist eine Zeit, in der er Trost spenden muss. Das ist eine seiner Aufgaben. Andererseits ist es eine Zeit, in der er viele Gottesdienste feiert, die er als wunderschön bezeichnet. „Ich komme in so eine besinnliche Stimmung“, sagt Koch.

Beim Bischoff zuhause

Eine Zeit des Reisens liegt gerade hinter ihm mit vielen Sitzungen in Kommissionen der Bischofskonferenz. Eine anstrengende Zeit. Noch dazu liegt alles, was erarbeitet wurde, seit die Sondierungsgespräche der Jamaika-Parteien gescheitert sind, erstmal wieder auf Eis.

Auf einem flachen Couchtisch steht ein Adventskranz. Heiner Koch zündet drei Kerzen an. Er hat eine kleine Sitzgruppe mit Sofa und Sesseln in seinem Wohnzimmer. Ein großer Fernseher steht da. Ein Bücherregal bedeckt eine Wand. Eine Tür führt in einen verglasten Wintergarten. Im Sommer sitzt er oft dort. Es sei fast so, als ob man draußen sitze, sagt er. Aber jetzt ist es dort zum Sitzen zu kalt.

6.30 Uhr ist auch für den Glauben früh

Nach Lichterfelde hat es den Erzbischof zufällig verschlagen. Die Bischofswohnung im Bernhard-Lichtenberg-Haus am Bebel-Platz ist seit vielen Jahren unbewohnbar. Die Wohnung in Lichterfelde war frei. „Es ist ein tolles Haus, gucken sie mal diese Schränke an, diese Scharniere, alles denkmalgeschützt, alles von 1900“, sagt Koch.

In der Gemeinde in Lichterfelde macht er ein bisschen mit. Feiert schon mal eine Messe. „Gestern hatte ich die Frühschicht“, sagt Koch, morgens um 6.30 Uhr. Das ist auch für den Glauben recht früh. Neulich ist mal einer eingeschlafen während der Messe und hat laut geschnarcht.

Winzige päpstliche Unterschriften 

Ein großer Schreibtisch steht an einer Seite des Zimmers. Einen Computer gibt es nicht. Heiner Koch schreibt an diesem Tisch seine Briefe – alle mit der Hand. Fernbedienungen für den Fernseher liegen da und im Regal stehen DVDs. Mr. Bean zum Beispiel, die komplette Fernsehserie. „Der Typ, der ist köstlich. Es gibt so Dinge, die könnte ich dauernd gucken. Die alten Filme über Pater Brown auch“, sagt Koch.

An der Wand hinter dem Schreibtisch hängen großformatige Urkunden gerahmt hinter Glas. Es sind Kochs Weiheurkunden zum Diakon, zum Priester, zum Bischof. Die päpstlichen Unterschriften sind winzig, am kleinsten ist die von Papst Franziskus.

„Für mich ist das Haus hier ein ziemlicher Glücksfall"

In einem Nebenraum hat Koch eine kleine private Kapelle, eingerichtet mit Möbeln, die einmal seinem Vorvorgänger Kardinal Sterzinsky gehört haben. Durch ein kleines Fenster kann man in die Kirche blicken. Es gibt viele Dinge im Privatbereich, die mit dem Glauben zu tun haben: Bücher, eine Marienstatue. Er liest aber auch Kriminalromane und Geschichten, die im Mittelalter spielen. Die liegen auf dem Nachttisch. „Ich habe die ganzen Romane gelesen, die zur Luther-Zeit angesiedelt sind“, sagt Koch.

Wenn die Haushälterin abends nach Hause geht und keine Gäste da sind, hat Koch das Haus für sich. Nach einem Tag, angefüllt mit Gesprächen, brauche er diese Ruhe. „Für mich ist das Haus hier ein ziemlicher Glücksfall. Ich habe noch nie auf dem Land gewohnt im Grünen. Ich bin großgeworden in einem Arbeiterstadtteil in Düsseldorf-Eller, Mietswohnung, Etagen. Ich war in Köln, in Dresden immer in der Stadt“, sagt Koch. In Berlin sei anfangs die Entfernung zum Zentrum ein Problem gewesen, die weite Strecke, die schlechte Erreichbarkeit.

Ab und an zum Fußball

Eigentlich, dachte er, kann das nur ein Übergang sein. Aber je länger er in Lichterfelde wohnt, umso besser gefällt es ihm. „Es ist eine andere Welt. Ich setze mich abends auf die Bank in den Garten, lasse alles los. Das hätte ich nie gedacht“, sagt er.

Zu vielen anderen Dingen, die er gern tun würde, kommt er allerdings nur selten, kochen zum Beispiel mit Freunden. Ihm fehle auch die Muße, die Dinge, die man braucht zu besorgen. Immerhin zum Fußball schafft er es ab und an, zu Union und auch zu Hertha.

„Die Kirche muss auch für Menschen erlebbar sein, die nicht dazu gehören"

Das Jahr war angefüllt mit großen Projekten. Die katholische Theologie in Berlin an den Universitäten zu verstärken zum Beispiel, die Neustrukturierung des Bistums, wie Umgehen mit der Entvölkerung ganzer Landstriche, „Wie können wir weiter für die Menschen da sein, die dort leben. Das sind oft ältere Menschen, und sie haben ein Recht darauf, dass wir für sie da sind.“

Er hat sich viel mit der St. Hedwigs-Kathedrale beschäftigt. Im nächsten Jahr will er die Frage lösen, wie sie besser an den Bebel-Platz angeschlossen werden kann, damit die Leute auch reinkommen. Es geht um das Licht, die Stufen.

„Die Kirche muss auch für Menschen erlebbar sein, die nicht dazu gehören, die vielleicht nicht mal gläubig sind“, sagt er. Und es soll endlich losgehen mit der Kuppelsanierung.

Zu Besuch im Gefängnis

Aber erstmal kommt Weihnachten, und da hat er genug zu tun. „Die Adventszeit mit ihrer eigentümlichen Atmosphäre, den Frühschichten, dem Dunkelsein finde ich ganz bewegend. Ich bin froh dass ich Heilig Abend einen festen Rhythmus habe“, sagt Koch. Morgens um zehn Uhr geht er ins Gefängnis. Das ist seine erste Christmette.

„Der Gottesdienst, das Gespräch, das Zusammensein mit den Gefangenen, das finde ich enorm. Ich besuche dann die Suppenküche der Franziskaner. Man erschrickt, wie die Zahl der Menschen wächst, die dort Hilfe suchen.“ Am Nachmittag, am Abend und am nächsten Tag feiert er die großen Messen in der Kathedrale.

Familienbesuch in Berlin

Ihm bleibt wenig Zeit für Familie und Freunde. Heiner Koch hat eine Schwester, 13 Jahre älter, und Neffen. „Am zweiten Feiertag oder nach Neujahr fahre ich meist nach Hause und treffe die ganze Familie“, sagt Koch. Diesmal kommt seine Schwester nach Berlin. Sie kocht dann ein Familiengericht.

Es heißt Schlesische Tunke und ist ein Erbe der Eltern, die aus Schlesien stammten: Weißwurst und eine Soße mit Gemüse. „Das schmeckt nur Weihnachten“, sagt Heiner Koch.